Wie die Familie Vollmer von Caracas nach Hanerau kam

Vorbemerkung: Diese Erinnerungen sind von Doris Becker zur Verfügung gestellt worden. Herzlichen Dank dafür. Für diese Homepage wurden nur kleine Ergänzungen vorgenommen, die den Inhalt nicht verändern: Zur Orientierung wurden Referenzdaten ergänzt (z.B. das Datum bei erwähnten Kriegen) und Begriffe, die der Erklärung bedürfen (fausses couches ). Dies ist jeweils durch „Anm.:“ kenntlich gemacht.
Weiter Veränderungen wie das Layout oder Unterüberschriften sind aus Gründen der besseren Lesbarkeit vorgenommen worden und nicht ausgewiesen.
Zwei kleine Korrekturen in Bezug auf die Rechtschreibung worden vorgenommen, wo offensichtliche Fehler vorlagen (z.B. „Nach“ statt Noch)

Thomas Becker, Guayaquil, Ecuador März 2020

Diese Veröffentlichung wurde durch die Arbeit von Doris Becker möglich

Lebenserinnerungen von Ines Heiberg, geb. Vollmer
Hermann Heiberg war zu seiner Zeit – Ende des vorigen (18, Jh.), Anfang dieses Jahrhunderts (19. Jh.) – ein bekannter Romanschriftsteller. Ines – seine Frau – war die Schwester von Mathilde. Mathilde war die Großmutter von Mathilde (Tilla) Becker geb. Krombach

1929 September Asta hat mich sehr oft gebeten, ich möchte einige Erinnerungen aus meinem langen sehr wechselreichen Leben niederschreiben. Ich hätte es früher, als ich jünger und frischer war, tun müssen. Ich traute es mir nicht zu. Heute mit 89 ½ Jahren ist es reichlich spät, und mancherlei mir auch natürlich aus dem Gedächtnis entschwunden. Ich will meinen guten Willen zeigen und es versuchen; so gut und schlecht ich es kann. Es tut ja nichts, wenn ich auch ein wenig, oder vielleicht viel, ausgelacht werde. Also vorwärts! Marsch!
Ich kann mich leider sehr wenig an meine Kindheit erinnern. Ich war sieben Jahre alt, als meine Mutter gleich nach der Entbindung meines Bruders Gustavo starb.
Sie hat sehr, sehr jung, als halbes Kind geheiratet und ist ebenso wie meine Schwester Pancita, trotz der Menge Kinder, selbst ein unvernünftiges Kind geblieben.
Mein Vater war durch seine Schwerhörigkeit meist recht ernst und still. Meine Mutter hatte riesigen Respekt vor ihm. Manchmal sagte sie zu dem Besuch, der gerade bei ihr saß: „Ach fragen Sie bitte mal Vollmar, ob er mir erlaubt. Ich habe keine Courage.“
Und mein Vater war so unsagbar weich und gutmütig. Manches Mal hat er vielleicht verstanden was sie wünschte, amüsierte sich innerlich und „tat“, als hätte er es nicht gehört.

Meine Mutter Meine Mutter ist ihr Leben lang Kind geblieben. Sie war maßlos verschwenderisch und nicht ordentlich. Mein Vater aus der mittellosen, arbeitsamen Familie an Sparsamkeit gewöhnt. Seine Mutter hatte, um die Kinder satt zu machen, Oberhemden mit der Hand genäht; bei Talglichtern.
Damals gab es noch Sklaven. Meine Mutter hatte vor der Tür ihres Empfangszimmers stets zwei junge Sklavenmädchen sitzen, mit verschränkten Armen. Nur zum Aufspringen und den Besuch anzumelden.

Sie hatte die Kaufleidenschaft. Auch wenn sie nichts brauchte, ging sie in die großen Bazare, sich all die eingetroffenen Dinge anzusehen, Kleiderstoffe, Schmucksachen, schöne kostbare Fächer usw. Geld hatte sie nie in den Händen. Mein Vater wußte schon warum.- Na, dann ließ sie eben anschreiben.
Sie war unvernünftig und mitleidig. Begegnete sie einer Negerin mit einem Säugling auf dem Arm, und verstand die Schlaue, meine Mutter richtig anzubetteln, dann soll es vorgekommen sein, daß sie irgendeinen kostbaren Gegen-stand hervorzog und zur Negerin sagte: „Da nimm und verkaufe es, von dem Geld kannst Du Dir kaufen was Du brauchst.“ Oft soll sie den Säugling an die Brust genommen haben. Sie hatte ja beständig ein kleines Baby in der Wiege.
Sie ist nur 33 Jahre alt geworden, hatte aber außer verschiedenen fausses couches (Anm.: spontane Beendigung der Schwangerschaft vor der 20. Woche, die sowohl körperlich als auch emotional schmerzhaft sein kann.) neun lebende Kinder.
Eines Tages hieß es plötzlich, die ganze Familie müßte nach der Plantage Palmar. Das teure Leben in der Stadt konnte mein Vater nicht mehr durch-führen.

Mutter stirbt mit nur 33 Jahren Das war eine sehr beschwerliche Reise, mit all den kleinen Kindern, und meine Mutter hoch in anderen Umständen. Zwei Tage über hohe Berge fahren, reiten durfte sie nicht. – Sie mußte von starken Arbeitsmännern in der Sänfte getragen werden.
Die tropische Hitze, die schwitzenden, keuchenden Männer, das konnte meine Mutter nicht ansehen. Sie ist wohl unvernünftig oft weite Strecken gegangen und hat mit den Arbeitern geplaudert und gescherzt. Das hat ihr wahrscheinlich sehr geschadet. Wir kamen trotz allem glücklich in Palmar an.
Warum weiß ich nicht, aber damals hieß es: Schwangere Frauen dürfen kein rohes Obst essen. Eines Tages wird meine Mutter überall gesucht. Nirgends zu finden. Auf dem Absatz der Treppe auf der oberen Etage befand sich eine Tür, die man auf- und zuschließen konnte. Da hörte man leises kichern. Sie guckten hinter die Tür. Und !? Da hatte meine Mutter sich versteckt und war beim Aussaugen der 12. Apfelsine.
Sie hat nicht lange in Palmar mit ihren Kindern gelebt. Gleich nach der Ent-bindung starb sie und ließ meinen Vater mit sechs kleinen unerzogenen Kin-dern zurück. Wir hatten damals zum Glück eine deutsche Gouvernante, die mein Vater aus Hamburg hatte kommen lassen. Er wollte durchaus, daß wir deutsch sprechen lernen sollten.

Gouvernante aus Hamburg versorgt die Kinder in Caracas Die Gouvernante sorgte großartig für das Baby; mein Vater konnte ruhig sein. Mit all den übrigen Kindern war sie gut, nur mich konnte sie nicht leiden. Ich wurde durch ihre schlechte Behandlung immer störrischer und trotziger. Es machte mir förmlich Freude, wenn sie mich schlug (sehr oft mit der Reitpeitsche), weil sie sich dann ärgerte.
Wir hatten hübsche, neue Kleider geschenkt bekommen. „Warum hast Du nicht das neue Kleid angezogen?“ fragte mich mein Vater zu Weihnachten oder Geburtstag; das weiß ich nicht mehr. Es ging nicht, weil ich blaue und grüne Striemen auf dem Rücken hatte.
Abends, wenn sie zu Bett ging, hatte ich eine boshafte Freude daran, zu sehen, wie sie die Flöhe am Hemd absuchen und töten mußte, die sie geplagt und gebissen hatten.
Fünf Jahre war sie bei uns. Mein Vater brachte es nicht fertig sie fortzuschi-cken, weil sie zu dem Baby so gut war. Später habe ich meinen Erziehern nie solchen Ärger bereitet. Also, etwas Schuld mußte sie doch wohl an meinem unbeugsamen Trotz gehabt haben.

Leben auf der Plantage Palmar in Venezuela Auf der Plantage war vielerlei Schönes und Lustiges für uns Kinder. Wir hatten z.B. eine große Schaukel, die uns riesig hoch durch die Luft fliegen ließ. Meine Schwester Mathilde und ich wurden geschaukelt. So hoch und wild als es nur ging. Da riß plötzlich das starke Seil, und wir (7 und 5 Jahre alt), flogen hoch durch die Luft mit ganzer Gewalt auf die Erde. Mathilde wurde auf den hohen Düngerhaufen geschleudert, ich in eine dichte Zitronenhecke, die riesig große, starke Dornen haben. Ich wurde ohnmächtig ins Haus getragen. Als ich aufwachte, merkte ich, daß man mich zu Ader gelassen hatte.
Wir hatten auf der Plantage einen alten, deutschen Aufseher, Namens Walther. Uns Kindern war es höchst interessant, daß er mit jeglicher Art Schlagen (sic! Schlangen?) spielen konnte, wie mit einem Hündchen oder Kätzchen. Sie taten ihm alle nichts zu leide. Er band sie um Hals und Arme und freute sich über uns jubelnden Kinder.

Schlangen, Skorpione und Revolutionen Meine Mutter erzählte uns mal: Sie hätte auf der großen Veranda bei Mondschein ruhig gesessen, da wäre plötzlich eine große, dicke Schlange auf sie zu-gekrochen gekommen. Man hat es wohl rechtzeitig bemerkt. Auch sehr un-heimliche Tiere sind die Skorpione, die ganz, ganz still plötzlich aus den Steinrissen herauskriechen. Wenn man sich nicht rührt tun sie einem nichts, aber wenn man den Fuß bewegt, während sie über den Stiefel kriechen, stechen sie und sind immer giftig.
Mein Vater konnte es nicht lassen sich in die Politik zu mischen, was in Venezuela, wo fortwährend kleine und große Revolutionen waren, etwas gefährlich war. Ich erinnere mich, daß meine Schwester Mathilde und ich, öfters am Tage in einem großen Bett liegen bleiben mußten, und wir wie Kranke behandelt wurden. Dann wurden, heimlich und leise Männer hineingebracht und unter dem Bett versteckt. Wenn Soldaten oder Polizisten wütend im Hause herumsuchten, hieß es ängstlich: „Nein, da dürfen Sie nicht hinein, da liegen zwei schwerkranke Kinder.“
So erinnere ich mich, daß 1848, ich war also damals 8 Jahre alt, fortwährend von Revolution in Deutschland die Rede war.
Venezuela mußte das doch auch mitmachen.
Mein ältester Bruder Federico und meine Schwester Ignaica waren nach meiner Mutter Tode von der Plantage Palmar fortgekommen. Wir waren also vier junge Kinder; mein Bruder Gustavo ein Baby von einem Jahr.

Flucht in eine deutsche Kolonie Da hieß es eines Tages plötzlich, mein Vater müßte mit allen Kindern flüchten, er würde gesucht und verfolgt. Meine Schwester Mathilde und ich wurden auf einem Esel in tiefe Lederkörbe gepackt, die an beiden Seiten des Esels hingen. Wir mußten ganz, ganz still sitzen; denn wenn eine von uns sich rührte, kamen die Körbe aus dem Gleichgewicht und die eine schwebte ganz hoch oben und die andere zappelte unten an der Erde. Natürlich gab es jedesmal jämmerliches Geschrei. Wie die zwei jüngeren Geschwister, meine Schwester Panchita und das einjährige Baby Bruder Gustavo, transportiert wurden, er-innere ich mich nicht. Nun reiste die kleine Karawane, also auch mein Vater, in die nahen wilden Berge und Urwälder. Es gab manche Schwierigkeiten, um vorwärts zu kommen. Die Wälder waren so dicht von den zähen, festen Orchideen bewachsen und versperrt, daß die uns begleitenden Männer mit großer Mühe und Kraft die Orchideen erst durchschneiden mußten, damit wir weiter kommen konnten. Endlich erreichten wir das vorgestreckte Ziel. Eine einsame, ganz primitive Köhlerhütte, wo die Köhler Bäume fällten, und aus dem frischen Holz Holzkohle gebrannt wurde. Nichts stand in der Hütte. Wir mußten alle nebeneinander zum Schlafen auf der Erde liegen. Mein Vater floh allein weiter in eine ganz entlegene, einsame „Deutsche Kolonie“. Da durfte man ihm nichts tun, er war auf deutschem Boden. Wie lange wir in dem düsteren, ganz einsamen Urwalde blieben, erinnere ich mich nicht. Dann wurden auch wir nach der Deutschen Kolonie gebracht, die uns wie ein wunderschönes Märchenland erschien, denn dort waren schön angelegte Blumen- und Gemüsegärten. Da sahen wir zum ersten Mal deutsches Gemüse wachsen; die ersten hübschen, roten Radieschen, Äpfel und Birnen. Und wir waren sehr stolz, daß wir ein wenig deutsch verstehen konnten.

Obhut in Caracas und Reise nach Hamburg Nach kurzer Zeit kamen wir nach Palmar zurück. Die Gouvernante Frl. Schimpf, die fünf Jahre bei uns war, heiratete den Zimmermann, und mein Vater war gezwungen uns nach Caracas zu einer Witwe Pepa Malo zu geben. Er hoffte und wartete auf eine gute Gelegenheit Mathilde und mich nach Hamburg zu schicken.
Der deutsche Konsul Harrassowitz in La Guayra hatte auf einem Segelschiff namens Fridend, für seine Familie die Kabinen besetzt. Mein Vater, mit ihm befreundet, bat ihn und seine Frau, sich unserer zwei kleinen Mädchen auf der Reise anzunehmen. Da waren auch mehrere kleine Kinder. Das jüngste acht Monate alt.
Ich erinnere mich, daß, wenn es stürmisch war und das Schiff stark schaukelte, wir das einjährige, pummelige, schneeweiße Baby nackend auf den Boden legten, und es wie ein Ball von einer Seite zur anderen trudelte.
Das Schiffsleben mit den singenden und lange Strümpfe strickenden Matrosen gefiel uns sehr. Sie verzogen uns kleine Mädchen, wo sie konnten. Wir wollten später auch Matrosen werden.

67 Tage an Bord des Segelschiffs Fridend Ein kleines Schiffserlebnis. Ich hatte eine Nacht furchtbare Zahnschmerzen und jammerte ganz kläglich. Dann schickte ich meine Schwester Mathilde zu einer der mitreisenden Kinder von Harrassowitz. Sie sollte fragen, wie Zahn-schmerz auf deutsch heißt. Filomena hieß sie. „Frl. wie sagt man Zahnschmerz auf deutsch.“ Die dreht sich wütend im Bett um und antwortet verdrießlich: „Ach, laß mich schlafen. Leibweh heißt es“, und legt sich auf die andere Seite. Mathilde stürzt die steile Treppe hinauf, und der Steuermann kommt mit ihr an mein Lager. Er reicht mir ein Gläschen Bitteren mit Kognak und sagt: „Ach, Leibschmerzen hast Du armes Kind“. 67 Tage waren wir unterwegs und waren traurig, daß es nun vorbei sein sollte.
In Hamburg, an den alten Vorsätzen am Hafen, wurden wir abgeholt und kamen in Pension zu einer Witwe Frau Siems, mit zwei Töchtern. Die älteste hatte einen Privatschulzirkel von 12 kleinen Mädchen. Die Schule fanden wir wunderschön; das war 1852. Ich war also 12 Jahre alt.

1852 Die Zeit in Hamburg war für uns wunderschön. Die beiden niedlichen, lebhaften, natürlichen, kleinen Mädchen mit ihrem stöckerigen, verkehrten Deutsch gefielen den Hamburger Familien gar zu sehr. Wir wurden von allen Seiten rasend verzogen.
Das Erste was wir lernten war Strumpfband stricken. Und? Schwimmen! Schwimmen! Schwimmen! Wir konnten es nicht erwarten und lernten es gewaltig rasch. Dazu brauchte man ja nicht die Sprache. Das wenige wurde schnell begriffen, und da wurden die lustigen, kleinen Ausländerinnen wieder riesig bewundert.

In der kleinen Privatschule kamen wir ganz gut mit. Wir wurden viel zu Kindergesellschaften eingeladen und besuchten die philharmonischen Konzerte. Wir waren beide außerordentlich musikalisch und hatten bei den besten Lehrern Unterricht. Ich erinnere genau den berühmten, alten, bekannten Organisten Armbrust, der uns talentierte Kinder sehr gern unterrichtete. In Hamburg war uns natürlich vieles neu und fremd. Eines Morgens kamen wir ganz aufgeregt zu Frl. Siems. „Marie, Marie! Draußen auf der Fensterbank liegt eine Menge Zucker“. Es war der erste Schnee, den wir sahen. Eines Tages findet uns die Köchin spuckend und schreiend. Da hatten wir in der Speisekammer eine Schüssel durchsichtige Guayaba-Marmelade gefunden und davon genascht. Es war aber sogenannte schwarze oder grüne Seife.
Wir schrieben an meinen Vater entzückt und begeistert, wie schön es in Hamburg wäre, und wie herrlich wir uns überall amüsierten.
Mein Onkel Adolph Vollmer, Vaters Bruder, der bekannte Landschaftsmaler, (er liebte besonders Friedrichsruh und Aumühle. Im Hamburger Museum sind viele Bilder von ihm), war sehr ernst und strenggläubig, tadelte unser vergnügungssüchtiges Leben und veranlaßte, daß wir in eine ernstere Pension nach Lübeck kamen, wo strengere Schulzucht wäre. Der Abschied wurde uns sehr schwer, aber es war doch noch interessant, wieder was Neues kennen zu lernen.

Adolph Friedrich Vollmer auf Wikipedia

Noch ein kleines Sprachgewirr fällt mir ein. Wir saßen im ernsten, klassischen Konzert. Da fragte eine von recht vernehmbar: „Das mag ich zu gern sehen, wenn der Künstler den Abtritt hinuntersteigt.“ Wir wollten sagen: Die Stufen!

Lübeck von 1854 bis 1856 In Lübeck waren wir bei einer Frau Dr. Mollwo in Pension. Man nahm die kleinen Ausländerinnen sehr gern auf, weil mein Vater ein sehr hohes Pensionsgeld zahlte. Wir kamen in die Schule von Frl. Classen, Schwester des Gymnasialdirektors Classen. Ein hoch angesehener Direktor und Gelehrter.
Wir schrieben an Vater: Es ist so hart und grausam, plötzlich in ein ganz neu-es, fremdes Land zu kommen. Aber in der neuen Schule ist es wunderschön. Wir haben da 45 beste Freundinnen. In Lübeck wurden wir katholisch unter-richtet und bekamen die erste Kommunion. Meine Mutter war katholisch.
Mein Vater war sehr befreundet mit dem alten Blohm; ein kleiner König in Venezuela, Begründer von den jetzigen Blohm & Vosswerften Hamburg. Die Familie Blohm nahm sich unserer sehr an. Wir waren fast jeden Sonntag dort zu Tisch. Hatten im wunderschönen alten Hause Königstraße mit den Blohmschen Kindern Tanzstunden.
Zwei Jahre waren wir in Lübeck. Eines Tages sagte Frl. Mollwo: „Kinder, zieht Eure Sonntagskleider an, wir wollen heute spazieren gehen und uns den Bahnhof ansehen.“ Wir fanden es sehr überflüssig. Wozu umziehen? Und Sonntagskleider für den dummen Bahnhof. Aber wir mußten gehorchen.
Wir standen gelangweilt auf dem Bahnsteig. Da fuhr der Zug ein. Alle Reisen-den waren fort, bis auf einem Herrn mit einem jungen Mädchen und einem Knaben. Frl. Mollwo fragte uns: „Kennt Ihr denn nicht diesen Herrn?“ Wir sahen ihn schärfer an und ich rief: „Vater! Das ist ja Vater“. Uns verging vor Überraschung und Schreck die Sprache. Mein Vater liebte Überraschungen sehr, und hatte es sich wohl sehr nett gedacht. Er mag recht enttäuscht gewe-sen sein, daß so wenig Freude und Jubel bemerkbar war. Ich liebe durchaus nicht Überraschungen. Die schöne Vorfreude verlieren, warum? Er war mit Ignaicia und dem kleinen Gustavo nach über 30 Jahren nach seiner geliebten Heimat gereist.
Der kleine Gustavo, mein jüngster Bruder begriff gar nicht, warum wir so ungeschickt spanisch sprachen. „Ignaicia, warum sprechen Ines und Mathilde so komisch?

Bergedorf 1857 Mein Vater hatte eine hübsche Wohnung in Hamburg gemietet und sich wohl sehr gefreut mit seinen Töchtern zusammen zu wohnen. Aber es kam für ihn leider alles anders, als er es sich drüben auf der Plantage Palmar ausgemalt hatte.
Wir zwei Schwestern, die die älteste Schwester Ignaicia kaum kannten, wollten uns nichts von ihr befehlen lassen. Es gab ewigen Zank und Streit. Mein Vater sagte sich wohl, daß es doch nicht anders würde, und das Beste sei uns zu trennen. Mathilde kam nach Hanerau um den Hausstand zu lernen, und ich nach Bergedorf zu Herrn und Frau Jaussand. Er war ein in Italien gebore-ner Franzose, also für Sprachenerlernung war gesorgt. Mme Jaussand eine Deutsche, Stief- oder Halbschwester der Frau Bürgermeister Lamprecht. Außer mir waren da noch drei oder vier andere junge Pensionärinnen. Wir lernten kochen, arbeiten im Garten und hatten verschiedene wissenschaftliche Stunden. Wir musizierten sehr viel. Herr Jaussand spielte oder blies ausgezeichnet die Flöte. Er war von Beruf Kunstmaler, also hatten wir auch Mal-stunden. Ich wurde gleich bei der Schwester, Frau Bürgermeister Lamprecht eingeführt. Eine sehr anregende, hochgebildete Familie.
Der alte Lamprecht, eine imposante germanische Erscheinung, war ein Original. Er sah aus wie das Standbild v. Stein am Dönhoffplatz und halb wie Goethe. Denselben langen Rock, und der Schneider durfte nichts an dem Schnitt ändern.
Als ich dort ankam, wurde ich nach meinem Vornamen gefragt. Ich sagte „I-da“. „Ach wie schade, wir haben hier schon eine Ida. Haben Sie nicht noch ei-nen zweiten Vornamen?“ „Ja, Ines.“ „Oh, das ist herrlich. Dann heißen Sie von heute an „Ines“, der Name ist ja viel schöner.“ Und seit dem Tage (ich war 18 Jahre alt) hieß ich Ines. Nur meine Geschwister nennen mich Ida. In Caracas war das aparter, ich war dort die Einzige dieses Namens.
Die Schwester der Frau Lamprecht, Frl. Berta war Erzieherin bei den Lamprechtschen Kindern. Sie war ein riesiger Blaustrumpf, die sich einbilde-te, weit höher zu stehen, als die prosaische, materielle Frau Bürgermeister, die nur für den Hausstand sorgte und das Wohl der Kinder war. Ich noch ein halbes Kind empfand nur unbewußt, daß da etwas nicht richtig war und hatte gegen diese so hochstehende Erzieherin ein instinktives, innerliches Abneigungsgefühl. Ich fühlte, daß Frau Bürgermeister unter diesen unerfreulichen Verhältnissen seelisch litt. Sie wurde bei den hochgeistigen Gesprächen voll-ständig übergangen. Sie blieb aber immer gütig und freundlich.
Die Häuslichkeit war ideal. Herr Bürgermeister war sehr gastfrei und freute sich, wenn der Eßtisch immer weiter ausgezogen werden mußte.
Vier Söhne studierten. Drei Töchter hatte er. Die älteste Frau Pastorin Holm, der ich meinen zweiten Taufnamen „Ines“ verdanke, weil sie auch Ida hieß. Diese junge Frau Pastorin war ewig krank, so zart und schwach, daß sie un-möglich lange leben konnte. Es kamen trotzdem mehrere Kinder, und sie lebte immer noch. Sie war rasend verzogen und hatte einen engelsguten Mann der die Ewigkranke auf Händen trug. Sie hat ihn um viele, viele Jahre überlebt und wurde uralt. Sie zog nach Meran, weil sie im milderen Klima leben mußte. Sie ist hoch achtzig oder 90 Jahre alt geworden, und wurde schließlich der Geist von Meran genannt, weil sie jahrelang immer auf derselben Bank unter den grünen Bäumen saß.
Da waren noch zwei Töchter, Elisabeth und Ada. Erstere gleich alt wie ich. Ada war bedeutend jünger und wurde nicht voll und ernst genommen. Sie war zu flatterig, zu lustig und zu oberflächlich. Elisabeth, meine unzertrennliche Freundin, war viel gediegener, tiefer, gelehrter und sah auf die kleine flatterige Ada herab. Elisabeth war sehr musikalisch, spielte ausgezeichnet Klavier; auch so klassisch wie es sich gehört. Sie war aber auch in schneidern und nähen sehr tüchtig.
Sie erzählte mir immer wieder von einem so musikalischen Organisten Ullner in Lüneburg. Ich neckte sie oft mit ihrem kleinen Künstler, der später auch ihr Mann wurde. Sie lebten dann in Lüneburg. Elisabeth hat, als meine Tochter Panchita Musik studieren wollte, sie sehr freundlich im Hause gehabt. Beide Ullners sind nicht alt geworden. Sie haben leider keine Kinder gehabt.
In den Jahren unserer jungen Ehe in Schleswig besuchte uns Elisabeth auf mehrere Wochen. Ich erwartete damals und sagte eines Tages zu ihr: „Elisa-beth, heute wird das Kind wohl erscheinen.“ Sie wurde blaß vor Schreck. „Ines, dann reise ich mit dem nächsten Zug zurück. Ich kann doch unmöglich bleiben, wenn Du im Wochenbett liegst.“ Und sie reiste rein und sittlich unbeschädigt zurück.
Eine große Freude hatte sie bei uns. Der Verleger Peters in Leipzig schickte meinem Mann seinen Katalog und schrieb dabei: „Da soll sich Ihre junge Frau was, und so viel sie will, davon aussuchen.“ Elisabeth fiel wie ein Adler dar-über her und wählte mit Heißeifer und Heißhunger unendlich viele Musikstücke heraus. So viele, daß nach einigen Tagen eine Riesenkiste mit Noten für mich kam. Sie mag mich nicht wenig beneidet haben. Ich habe Elisabeth später als Frau nie gesehen. Ada wurde ihre Freundschaftserbin.
Die kleine flusige Ada ist ein sehr tüchtiger, fleißiger, leistungsfähiger Mensch (Malerin) geworden und arbeitet heute noch als 84 jährige. Mit ihren Bildern verdient sie sich noch ein hübsches Taschengeld. Sie sitzt in Wäldern und feuchten Feldern und malt. Alle Achtung!
Den alten Lamprecht, Herrn Bürgermeister, mochte ich zu gern leiden. Er verzog mich auf seine Weise auch sehr. Es gefiel ihm, daß ich gegen jedes Wetter, Regen, Kälte, Zug, abgehärtet war und mal fragte: „Woran merkt man, daß es zieht? Ich weiß gar nicht was ziehen bedeutet.“
Er war sehr eigen (gelinde ausgedrückt) was Reinlichkeit und Sauberkeit betrifft. Er hatte die Gewohnheit, was uns Backfische amüsierte, nie mit bloßer Hand (auch in seinem eigenen Hause) die Türklinke anzufassen. Mit seinem langen Schoßrock machte er sie auf. Ein Extrapaar Handschuhe hatte er für die Straße und das Einsteigen ins Eisenbahnkupee. Er faßte mit den Finger-spitzen die unappetitlichen Handschuhe an. Obgleich man höllischen Respekt vor dieser imponierenden Erscheinung hatte, war ich frech genug, ihn manchmal zu necken. Das machte ihm Spaß, er freute sich darüber.
Er war ein sehr tüchtiger Landmann und Gärtner. Sein Garten war ein Muster und Meisterstück. Die edelsten Früchte waren darin, und von den kleinen gelben Stachelbeeren eine wahre Allee in dem Riesengarten. Sein Gesicht strahlte vor Freude, wenn wir wie die Wölfe oder Sperlinge darüber herfielen und tüchtig aßen.
Frau Bürgermeister starb als bescheidenes, aber sehr edles Veilchen. Was mag sie durch- und bekämpft haben. Und mein lieber Bürgermeister heiratete zu meiner Wut den eitlen Pfau, Frl. Berta. Diese Zeit im wunderschönen, großen, vornehmen Lamprechthaus war sehr, sehr schön.
Jetzt ist der herrliche Besitz das Rathaus in Bergedorf und der Garten ein Stadtpark geworden.

Johannes Vollmer auf Wikipedia

Bergedorf und Hanerau – Julius Mannhardt Meine Schwester Mathilde war inzwischen in Hanerau. Da sollte sie im Hausstand tüchtig arbeiten lernen. Es war ein großes Pensionat mit Schule verbunden. Onkel Vollmer, der Landschaftsmaler, war mit Familie Huetwicker und Mannhardt sehr befreundet. Die waren auch strenggläubig orthodox.
Die alten Mannhardts hatten 11 Kinder. 7 Söhne und 4 Töchter. Alle sieben Söhne haben studiert und sind sehr tüchtige Ärzte und Juristen geworden. Die alte Mannhardt hat das mit ihrem Pensionat ermöglicht. Dort waren Knaben und Mädchen. Die Mädchen mußten ganz tüchtig im Haus und Garten arbeiten und mußten auch in der Küche fix zugreifen. Einen Tag in der Woche sa-ßen alle weiblichen Pensionäre stramm auf ihren Plätzen und mußten fürs Haus und die Jugend stopfen und flicken. Keine durfte sich vom Platz rühren, damit eine ordentliche Menge geschafft wurde. Die Frl. Mannhardts und die Alte bedienten und holten herbei, was notwendig war.
Die ältesten Söhne, Waldemar (Jurist) und Julius (Augenarzt), hatten ausstudiert und kamen nach dem Examen nach Hause. Julius, ein ungewöhnlich tüchtiger Augenarzt, war eine verschlossene, schroffe Natur. Er sprach wenig, und alle hatten einen höllischen Respekt vor ihm. Seine Mutter betete ihn an. Da sagten verschiedene zu ihm: „Julius, hast Du schon die schöne Spanierin Frl. Vollmer gesehen?“ „Ach, laß mich in Ruhe. Ist mir ganz gleichgültig.“ „Du, sie hat so wunderschöne Augen.“ „Was geht mich das an!“ „Du, sie spielt so wunderschön Klavier.“ „Laß mich, ich verstehe gar nichts von Musik und interessiere mich auch nicht dafür.“ So ganz unberührt blieb er aber doch nicht. Wenn sie spielte, ging er allmählich wiederholt am Fenster vorbei und horchte. Dann ging er durch das Musikzimmer und tat, als ob er etwas suchte. Dann blieb er am Klavier stehen und sagte eines Tages zu ihr: „So viel habe ich schon gelernt, wenn die Noten so dick und schwarz unterstrichen sind, dann wird schneller gespielt. „Allgemeines Erstaunen!!
Er hatte sich in der Universität so ausgezeichnet, daß Prof. Gräfe in Berlin, den er sehr verehrte, und mit dem er intim befreundet war, einmal zu einem Hamburger, der ihn konsultierte, gesagt haben soll: „Sie kommen aus Hamburg? Das hätten Sie sich sparen können. Mehr als mein Freund Julius Mannhardt kann ich auch nicht.
Eines Tages kam ein Schwerkranker in Hanerau zu ihm, der schleunigst operiert werden mußte. Aber wie sollte er das ohne ruhigen, sicheren Assistenten machen? Er fragte Frl. Vollmer: „Würden Sie es wagen, während ich operiere, also einen Schnitt mache, das Auge zu halten ohne sich zu rühren, ohne zu zucken?“ „Ja, ich will es versuchen. Und sie zuckte nicht. Die Operation war glänzend verlaufen. Mannhardt ließ sich dann in Hamburg nieder und hatte eine Riesenpraxis.

Die „schöne Spanierin“ wird Frau von Julius Mannhardt Die schöne Spanierin hatte es ihm aber doch gründlich angetan. In Altona hatte er sein erstes Sprechzimmer. Dort besuchte ihn meine Schwester, um ihm ein Paket seiner Mutter zu überbringen. Da platzte die Bombe. Er machte ihr einen Heiratsantrag. Mitten in seiner Rede wurde er durch Klingeln an der Etage gestört. Ein Kranker kam um Hilfe zu suchen. Aber nicht für die Augen, sondern, er hatte wahnsinnige Zahnschmerzen. „Kommen Sie, kommen Sie schnell. Der Zahn ist ganz, ganz schlecht, der muß sofort gezogen werden.“ Und eins, zwei, drei war er hinaus und der Kranke sofort entlassen. Er hatte sich nie mit Zahnarznei beschäftigt, aber hier mußte doch rasch gehandelt werden.
Meine Schwester wurde 18 Jahre alt. Julius war fast sechsundzwanzig als sie heirateten. Sie haben eine Menge Kinder gehabt und ein buntes Leben geführt.

Da ging mir plötzlich durch den Kopf, ich möchte nun nicht mehr in Pension sein. Ich wollte versuchen mich nützlich zu machen, wollte als Gouvernante zu kleinen Kindern. Damals brauchte man kein Examen. Eine Bekannte verschaffte mir eine Stellung in Altenburg bei vier kleinen Knaben, wo ich besonders französisch sprechen sollte. Ich reiste ganz mutig ab und kam nach Altenburg zu einer Familie v. Stieglitz. Er war Landforstmeister. Er holte mich am Bahnhof ab, war höflich und freundlich. Die Frau v. Stieglitz war weniger entgegenkommend. Sie war steif zugeknöpft und sehr adelig. „Ach Mademoiselle, wollen Sie bitte dem Albert die Stiefellitze festbinden“, war das erste. „Hier ist Ihr Zimmer. Sie schlafen mit den beiden Jüngsten zusammen. Hier ist das Unterrichtszimmer.“ Ich war also nicht Gouvernante, sondern eine simple Bonne, jetzt sogenanntes Kinderfräulein. Das war für mich recht ver-wöhnte, hochmütige Tochter meines Vaters eine bittere Pille. Es ist aber sehr gut, wenn man mal eine solche harte Schule durchmacht. Da weiß man, wie einer stiefmütterlich behandelten Gouvernante zu Mute ist. Es war ein wunderliches Verhältnis. Vormittags war ich Bonne, mußte stundenlang mit den beiden jüngsten Knaben spazieren gehen und zwischen dem Kindermädchen auf der Bank sitzen. Nachmittags spielte ich mit der Gnädigen vierhändig.
Ich bat um die Erlaubnis, mir ein Klavier mieten zu dürfen und in mein Zimmer zu stellen. Ich spielte recht gut. Ich nahm Klavierunterricht beim herzogl. Organisten Stade. Drei Mark die Stunde war für Frau v. Stieglitz (sehr spar-sam) ungeheuerlich.
Herr v. Stieglitz kam, wenn seine Frau ausgebeten war, mit seinem Kaffee-kännchen und Tasse in mein Zimmer, um sich was vorspielen und von meiner tragischen Heimat erzählen zu lassen. Sie waren alle begeistert und entzückt von meiner reinen, dialektlosen norddeutschen Sprache.
Ich sprach mit den Knaben einmal verbotener Weise, deutsch. Da rief die Gnädige, geb. v. Münchhausen: „Francais, francais Mademoisel a’il vous plait“. Und Herr v. Stieglitz sagte: „Ach, Mathilde, laß nur. Wir könnten uns wirklich freuen, wenn unsere Jungen Frl. Vollmers „deutsch“ sprechen lernten. Manche bittere Pille mußte ich da schlucken. Z.B. wenn die Gnädige Kaffeebesuch hatte, wurde ich mit den jüngsten zwei Knaben hereingerufen, damit die Kin-der den Besuch begrüßten. Die Bonne wurde nicht vorgestellt, sondern fleißig und aufdringlich durch die Lorgnette beschaut. Das ist für eine Verwöhnte nicht so ganz leicht zu verwinden. Ein halbes Jahr hielt ich es aus, länger wollte es nicht gehen.
Wir verlebten die großen Ferien in Dresden, wo ein Bruder, General v. Stieglitz mit Familie lebte. Da war eine sehr reizende Tochter Mariechen, in meinem Alter, mit der ich mich später sehr befreundete. Sie fragte mich mal: „Ines, sag mal, warum warst Du in der ersten Zeit so häßlich und unfreundlich zu mir?“ „Weil Du adlig bist. Ich wollte nicht wieder minderwertig behandelt werden.“ „Ich kann doch nichts dafür, daß ich adlig bin.“
Ein Bruder von ihr war Offizier beim Generalstab und sollte sich nach einer schweren Krankheit und meist im Garten in frischer Luft sitzend erholen. Da saßen wir Zwei im Garten, ich paßte auf die Jungen auf, und wir plauderten sehr gern zusammen. Er verliebte sich in die Ausländerin mit dem reinen deutsch. Die Eltern hätten nichts gegen die ausländische, musikalische Schwiegertochter gehabt, aber ich konnte die Kaution nicht stellen. Wir sind beide nicht an gebrochenem Herzen gestorben.
Der Leutnant fiel ganz jung bei der Schlacht von Königgrätz (Anm: 3. Juli 1866 nahe der böhmischen Stadt Königgrätz).

Die Eltern von Frau von Stieglitz, Oberhofmeister v. Altenburg, v. Münchhausen, waren sehr lieb und gut zu mir. Ich mußte sie oft besuchen und von meinem Leben erzählen. Da sagte die alte Dame eines Tages: „Mademoiselle, ich möchte Ihnen gern ein kleines Andenken schenken. Bitte reichen Sie mir aus dem Glasschrank das kleine Gestell mit den Fingerringen. Suchen Sie eines davon aus.“ Sie mag innerlich gezittert haben, daß ich einen der kostbaren Perlen oder Brillanten wählen würde. Ich dumme Gans nahm einen ganz wertlosen. Eine kleine runde Platte, worauf ganz feine Goldfäden Glaube, Liebe, Hoffnung darstellen. Es wäre ja großzügiger gewesen, wenn sie mir einen kostbareren an den Finger gesteckt hätte. Sie sagte mal bei unserer Unterhaltung, ohne sich böses zu denken: „Ja Mademoiselle, ich bin ganz fest davon überzeugt, daß wir Adeligen im Himmel einen anderen Platz haben werden, als die Bürgerlichen.
Herr v. Stieglitz hatte einen Bruder, Gutsbesitzer, der einen Ball gab. Es ge-schah das Ungeheuerliche, das die Bonne, Frl. Ines Vollmer, dazu eingeladen wurde. Ich zog ein sehr schönes, teures Ballkleid an, trug einen Kranz von rosa Zwergastern und weiße, sehr elegante Atlasstiefel. Ich hatte früher einen sehr kleinen, hübsch gebauten Fuß und tanzte gut und leicht wie eine Feder. Und die simple Bonne war Ballkönigin und ging von Arm zu Arm. Die Offiziere waren begeistert von der rein deutsch sprechenden Ausländerin. Die Damen, die vornehmen Adeligen hätten mir am liebsten die Augen ausgekratzt.
Eines Tages ging ich in den Anlagen, nahe dem Schloß, mit den beiden Jungen spazieren. Ein Offizier kam uns entgegen und redete die Jungen an, erkundig-te sich nach den Eltern und Brüdern und fixierte sehr aufmerksam und dringlich das Kinderfräulein. Er grüßte beim Abschied sehr höflich. „Wie heißt der Offizier?“ fragte ich die Jungen. „C’etait le duc, Mademoiselle.“ Als ich das der Gnädigen geb. v. Münchhausen erzählte, konnte sie sich gar nicht beruhigen. Der Herzog, der gleich nach dem lieben Gott kam, hatte mit der bürgerlichen Bonne gesprochen. Daß ich nicht vor lauter Devotion in die Erde gesunken bin.
Herr v. Stieglitz konnte meine schiefe Stellung nicht aushalten. Er war froh, als er mich bis Leipzig im Zug begleiten konnte, damit ich sicher nach Dresden zur Familie seines Bruders fahren konnte, wo ich drei Monate zu Besuch war und die intimste Freundin der Tochter wurde.

Am Bahnhof in Dresden Ich erzählte eines Tages dem General in Dresden, auf der Herreise hätte ich allein, ganz ruhig am Hamburger Bahnhof gesessen. Da hätte mich ein eigen-tümlich aussehender, dunkler junger Mann angeredet und mir angeboten, mich im Kupee zu beschützen. Im Augenblick wo ich einsteigen wollte, fassen mich zwei große starke Herren beim Arm und sagen: „Mein Fräulein, Sie stei-gen in unser Kupee.“ Es waren zwei Mecklenburger, Brüder, Eisenbahnbeam-te, die bis Hagenow fuhren. „Das war ein Verbrecher oder Abenteurer, mit dem hätten Sie nie Hamburg erreicht. Wir kennen diese Sorte.“ Sie sorgten wie Brüder für mich, gaben mir von ihrem Butterbrot zu essen, und nahmen meine Füße zwischen ihre, um mich zu wärmen. Es war sehr kalt. Als ich dies kleine Abenteuer dem General erzählte, sagte er: „Na, Frl. Ines, ich werde bei der Rückreise für sie sorgen und Ihnen ganz sichere Begleitung mitgeben. Ich habe in meinem Büro einen jungen Mann, einen prächtigen, zuverlässigen Menschen. Da werden Sie schon glücklich hinkommen.“ Bei der langen Reise, wo wir viel Zeit zur Unterhaltung hatten, verliebte er sich so gründlich in mich, daß er mir eine Liebeserklärung machte. Das hatte der General nicht ahnen können und ihm nicht zugetraut.

Nach diesem Altenburger Intermezzo fuhr ich wieder zu meinen lieben Jaussauds und Lamprechts nach Bergedorf. Herr Jaussaud, der Maler war und sehr gut, künstlerisch, die Flöte spielte, hatte mehrere Schüler, die zur Stunde zu uns ins Haus kamen.
Am Geburtstag des Pensionsvorstehers Herrn v. Bülow gab es einen schönen großen Ball. Wir Pensionärinnen von Jaussauds wurden dazu eingeladen. Natürlich an allen Ecken und Enden Kurmacherei und Geheimnisse. Ich spielte Klavier und begleitete einen gewissen Pacheco, auch aus Caracas. Wir beide wollten uns in sechs bis acht Jahren ganz sicher heiraten. Die heimliche Korrespondenz, und heimliche Rendezvous kamen natürlich heraus. Da fragte Herr und Frau Jaussaud: „Wann haben Sie sich denn überhaupt je allein gesehen und gesprochen? Sie waren ja unter unserer Aufsicht.“

Zur Aushilfe bei Julius und Mathilde Mannhardt Meine Schwester Mathilde heiratete also den Augenarzt Julius Mannhardt. Es kamen sehr bald Kinder. Sie baten mich, um Mathilde zu entlasten, zu ihnen zu ziehen, was ich gern tat. Ich mochte nicht mehr in Pension sein.
Mathilde war zwei Jahre jünger als ich. Mannhardt erkrankte an sehr schlimmem Gelenkrheumatismus. Lag steif, auf allen Gliedern Eisbeutel, mit einem Wärter, der immer einschlief. Mathilde lag in der anderen Etage und erwartete täglich die Entbindung und konnte also nichts für ihren kranken Mann tun. Ich, 21 jähriges Mädchen, ging immer zwischen den zwei Kranken auf und nieder. Da sagte Mathilde: „Du Ines, es kommt jetzt. Es muß schnell jemand die Hebamme, Wärterin oder Arzt holen.“ Aber so schnell kam die notwendige Hilfe nicht, und ich mußte bei der Entbindung bleiben, um evtl. zu helfen, bis die richtige kam. Das Kind wurde geboren, und mir hat es nicht geschadet, daß ich dies große Ereignis, unpassenderweise, miterlebte. All die frommen Tanten, Großmütter, Freundinnen ect. waren entrüstet über mein unpassendes Benehmen. So etwas dürfte nicht sein. Es wäre unerhört. Der arme Mannhardt lag noch lange krank und steif.
Meine Schwester Panchita, ein schönes, lustiges, leichtlebiges, von der Ham-burger Gesellschaft sehr bewundertes und gefeiertes Mädchen, fand es ein unerhörtes Verlangen von unserem Vater, daß sie Mathilde besuchen sollte und sich das Baby ansehen. „Wozu? Ich kann keine ganz kleinen ausstehen. Sie sehen aus wie neun quabbliche Frösche.“ Später wurde sie die ärgste, närrische Mutter sehr vieler Kinder.
Mein Vater wohnte mit unserer Großmutter (er war ein großartiger Sohn und hat für seine Eltern unendlich viel Gutes getan, auch für meine Schwester Panchita) am neuen Jungfernstieg, Ecke Fehlandstraße. Panchita war den Winter überall die Ball- und Schönheitskönigin. Sie hatte den Winter 22 Bälle und unzählige Diners mitgemacht.

Panchita heiratet Alberto Dröge Sie hatte, als sie sich mit Dröge verlobte, vier ernste Heiratsanträge. Dröge wollte aber siegen und wettete mit seinen Freunden, daß er sie bekommen würde. Er wußte es einzurichten, daß wir zwei Schwestern zur silbernen Hochzeit seiner Eltern eingeladen wurden. Panchita hatte einen Schneeglöckchenkranz im Haar und sah bezaubernd hübsch aus. Einer von Dröges Brüdern war ebenso verliebt in sie. Da wurde Lansier oder Quadrille und la cour getanzt, wo man sich ganz nett unterhalten kann, aber sehr oft gestört wird und scharf bei den vielen verschiedenen Touren aufpassen muß. Alberto Dröge brachte es trotzdem fertig, während all der Kunsttouren ihr einen Heiratsantrag zu machen. Sie wollte sich totlachen. „Lassen Sie doch den Unsinn, ich bin ja noch ein Kind.“ Er siegte aber, und sie verlobten sich. Er 24 Jahre, sie 17 Jahre alt. Sechs Wochen nach der silbernen Hochzeit der Eltern war grüne Hochzeit des Sohnes, in Burgfelde, der wunderschönen Riesenvilla des alten Dröge.
Dröges hatten 14 Kinder, und die Frau sah aus wie zwischen 20 und 30. Gleich nach der Hochzeit reiste das junge Paar nach Mexico, der Stadt Tampico. Es war zur Zeit des deutschen Kaisers Maximilian, den sie dort ermordeten. Die Deutschen flohen alle nach Deutschland. Auch Panchita mit zwei kleinen Kindern und das dritte erwartend. „Du Ines, ich geniere mich so vor Schwiegermuttern. Ich mag es ihr gar nicht sagen.“ Ich tröstete und beruhigte sie. „Sag Du es ihr nur ruhig. Sie erwartet nämlich auch in allernächster Zeit ein Kind.“ „Du? Wirklich? Das ist ja himmlich.“ Der kleine Enkel wurde früher als der Onkel geboren. War also älter als sein Onkel.

Panchitas Streiche Von Panchita ließen sich zahllose, lustige, leichtsinnige Streiche erzählen. Mein Vater war aber so vernarrt in dieses hübsche Töchterchen, daß er ihr nichts abschlagen konnte. Er wollte z.B. durchaus nicht, daß sie mittags am alten Jungfernstieg spazieren gehen sollte, wo ihr alle ihre Ballverehrer begegneten. Da verschloß er einmal Mantel und Hut, damit sie nicht heraus könnte. Sie machte es möglich, ihre Freundin schleunigst kommen zu lassen; sie hätte ihr sehr Wichtiges mitzuteilen. Kaum war die Freundin da, nimmt sie ihr Hut und Mantel weg und flieht damit, um nach den Jungfernstieg zu gehen. Mein Vater begegnet ihr und will sehr böse werden. Da macht sie mit den Fingern die Bewegung „ätsch, ätsch. Siehst Du Gustav? Ich bin doch nach dem Jungfernstieg gegangen.“
Mein Vater wohnte mit uns zwei Jahre in Hamburg. Wir sind in der Zeit sehr oft umgezogen. An der Alster, Holzdamm, Jungfernstieg. Damals verkehrten wir sehr viel mit der Familie Duncker, die ein Segelboot hatten. Wir waren die meiste Zeit auf der Alster segeln. Es sollte ein Riesenkomet erscheinen, von dem immer gesprochen wurde, und alle Zeitungen voll waren. Ganz bestimmt würde der Komet die Erde zerstören, als die Erde untergehen. Da machten wir in einer lustigen Stunde aus „allgemeines duzen“. Es war nicht so üblich und häufig wie in der Jetztzeit. Aber es war lustig, und was wollten wir mehr.

Reise an den Rhein mit Vater und Schwester Panchita
Eine hübsche Rheinreise muß ich noch beschreiben, die mein Vater mit meiner Schwester Panchita und mir unternahm. Er wollte ein Stück von seiner schönen Heimat mit seinen zwei Töchtern bereisen. Mannhardt riet ihm dringend, nach Heidelberg und an den Rhein zu fahren. Er hatte einen Studienfreund in Heidelberg, der dort Privatdozent war. Ein sehr gescheiter, hochgebildeter, liebenswürdiger Mensch. Der sollte uns auf alle Schönheiten aufmerksam machen. Mein Vater mietete eine schöne Wohnung in der vornehmsten Gegend Heidelbergs. Ich glaube es hieß Promenade oder Anlagen. Dr. Schelske, dem wir empfohlen waren, war ein sehr anregender Reiseführer. Wir haben sehr viel Schönes dort gesehen. Weite Spaziergänge in die Umgebung gemacht, mit Wagen und Eisenbahn. All die schönen Ruinen gesehen. Dr. Schelske war unermüdlich. Es machte ihm viel Spaß, mit den drei Überseern herumzustrolchen.
Meine Schwester Panchita war unerlaubt hübsch und anziehend. Immer einen Schelm im Nacken. Da war es also kein zu großes Opfer für Dr. Schelske. Er nannte sie nie anders als „Kindskopf“. „Ich will aber kein Kind sein.“ Sie war 17 Jahre alt, ich 22 Jahre. Das nie die Rede von mir war, ich bei einer so schönen, jüngeren Schwester nicht beachtet wurde, schien mir natürlich und selbstverständlich. Sie nannte mich in ihrem Übermut immer „alte Jungfer“. Auch das schien mir richtig. Ich kam mir wirklich alt vor.
Dr. Schelske überredete meinen Vater, den schönen Rhein entlangzufahren. Auf dieser Rheintour, wie Wiesbaden, wohnten wir im ersten Hotel. Überall wohin wir kamen, wurde Panchita als eine Schönheitskönigin gefeiert. Bei einer längeren Dampferpartie wich ein junger, feiner gut deutsch sprechender junger Mann nicht von ihrer Seite. Als das Dampfschiff anlegte und wir aus-steigen wollten, ruft sie ganz deutlich vernehmbar: „Ach Gott sei dank, daß wir da sind. Wie war das schrecklich langweilig.“
Von Heidelberg aus machten wir bis nach Freiburg i/E. einen Ausflug. Mein Vater war natürlich glücklich und stolz auf sein hübsches Töchterchen. Wir machten den Eindruck, schwerreiche Südamerikaner zu sein. Infolgedessen fiel trotz der „alten Jungfer“ ein kleiner Heiratsantrag für mich ab. Der Sohn der Wirtin wollte sich den kleinen Goldfisch angeln. Er war sehr enttäuscht, als mein Vater ihm erklärte: „Nein, eine so hohe Kaution könnte er nicht leis-ten. Ich glaube nicht, daß er an gebrochenem Herzen gestorben ist.
Dr. Schelske zog nach einiger Zeit nach Hamburg zu Julius Mannhardt, als Assistent. Er wollte sich auch als Augenarzt später irgendwo niederlassen.

Panchita hatte sich unterdessen mit Dröge verlobt. Das hinderte Schelske aber nicht, dem Kindskopf noch höllisch Hof zu machen. „Frl. Panchita, was mei-nen Sie, wollen sie heute, jetzt gleich, mit mir nach Blankenese und dort zusammen frühstücken.“ „Nein, das kann ich wirklich nicht. Alberto kommt in einer halben Stunde, um mich abzuholen.“ „Ach was, Ihren Alberto haben Sie im Leben noch lange. Nun machen Sie sich schnell fertig und kommen mit. Daß er uns nicht doch noch überrumpelt und daran hindert.“ Und weg waren sie. Das Gesicht von Dröge, als er sie nicht fand, ist nicht zu beschreiben. „Ach Ines, sprich keinen Unsinn, ich bin nicht für Scherze aufgelegt. Sie wußte doch, daß ich sie abholen wollte.“ Aber was war zu machen? Bei der unabänderlichen Tatsache. Alberto fand sich darein. Man konnte dem schelmischen, übermütigen Kinde ja nicht böse sein. Er beschleunigte aber die Hochzeit. Es war doch sicherer. Nach sechs Wochen saßen sie auf dem Dampfer, um nach Tampico in Mexico zu reisen.

Kennenlernen auf der Hochzeit bei Esselbachs
Noch eine kleine echte Herm. Heiberg Szene will ich niederschreiben, die eigentlich schon früher hätte erwähnt werden müssen.
Wie wir uns kennenlernten.
Ich hatte mit Elisabeth Esselbach, die auch in Hanerau in Pension gewesen war, und die ich zufällig dort traf, verabredet, das bei der ersten die sich von uns verlobte, die andere Brautjungfer sein sollte. Sie verlobte sich mit dem Architekten Hermann Meyer, und ich wurde eingeladen. Mein Vater erlaubte mir die Reise, und ich wohnte in Esselbach Hotel Stadt Hamburg. Wir waren sechs Brautjungfern. Am Abend vor dem Polterabend sollten sich die Gäste kennenlernen. Es waren auch drei dänische Offiziere dabei. Bei der schlimmen Feindschaft damals eine schwierige Sache fürs zu Tisch führen. Der so-genannte Polterabend bestand aus Steifheit und Langeweile. (Anm.: Der Deutsch-Dänische Krieg vom 1. Februar bis zum 30. Oktober 1864)
Ich war Hermann Heiberg als dunkle, sehr schlanke Ausländerin gleich aufge-fallen. Er ließ sich mir vorstellen und fragte nach einer kleinen Weile: „Gnädiges Fräulein, finden Sie es nicht sträflich langweilig? Was machen wir, um Leben hineinzubringen?“ „Ich setze mich ans Klavier und spiele einen flotten Walzer.“ „Famos!“ Dann fingen sie an zu tanzen. Hermann Heiberg arrangierte eine Polonaise mit sehr viel scherzhaften Kommandos, und alle mußten mitmachen. Alt und Jung. Also alle amüsierten sich herrlich, und die alte Esselbach war mir sehr dankbar. Ihr sehr bedeutender Sohn war Ingenieur, und vom alten Siemens besonders bevorzugt und nach Schleswig gerufen worden. Die alte Esselbach hätte mich gerne als Schwiegertochter gehabt, und der junge schien sich auch für mich zu interessieren.
Hermann Heiberg freute sich auf die Hochzeit mit dem schönen Diner. Es wurde in Stadt Hamburg besonders gut gekocht.
Von der Domkirche mit vielen Landauern zurückgekehrt, ging es ans zu Tisch führen. Mir hatten Esselbachs einen dänischen Offizier zugedacht. Ich sollte zwischen zwei Dänen sitzen. Plötzlich steht Hermann Heiberg vor mir. „Gnädiges Fräulein, ich habe nachgesehen. Die Tischzettel auf den Weingläsern sagen, daß ich das Glück habe Sie zu führen.“ „Ich glaube Sie irren sich. Frau Esselbach hat anders bestimmt.“ „Ich führe Sie an Ihren Platz, um Sie zu überzeugen, daß ich recht habe.“ Und er hatte recht. Als wir glücklich saßen, sagte er: „Mir hatte man irgend eine langweilige Schleswige Jungfrau bestimmt. Ich habe einfach die Zettel anders gelegt, und nun können die anderen sehen wie sie fertig werden.“ Wir merkten gleich, daß eine heillose Verwirrung entstanden war. Hermann Heiberg aber machte ein ganz dummes, un-schuldiges Gesicht.
Es gab eine echte Schleswige Bouillonsuppe mit einer Masse Fleischklößen, und dicken Reis mit Rosinen geschmückt. „Gnädiges Fräulein, Sie haben acht Klöße und ich nur fünf. Da müssen Sie mir zwei abgeben“ Was ich dann ohne besondere Überraschung oder Ziererei tat. Das nahm im Sturm sein Herz ein. Er machte mir so viele Komplimente, daß es nur so dampfte. „Gnädiges Fräulein wir müssen uns morgen wiedersehen. Ich richte es schon ein. Sie machen bei meiner Mutter Besuch, oder auch nicht. Sie ist eine großzügige Frau. Ich lade noch mehrere von den liebenswürdigen Gästen hier ein, und meine Mut-ter bittet Sie alle zum Tee und Abendbrot.“
Frau Dr. Heiberg, eine interessante, sehr lebhafte Frau, fand sich darein, es war ja nicht mehr zu ändern. Eine große, für sie ganz unbekannte Gesell-schaft erschien lustig und vergnügt zur rechten Zeit. Es gab Tee und Riesen-schüsseln belegtes Butterbrot. Es war eine herrliche Nachfeier.

Die alten Heibergs merkten gleich, daß der sehr junge Sohn, Anfänger an der großen Buchhandlung, (früher van der Smissen), Feuer gefangen hatte. Nicht ganz unbesorgt dachten sie, was daraus werden sollte. Hermann kam dann noch einmal nach Hamburg um mich zu sehen. Wir korrespondierten sehr lebhaft, und nach sechs Wochen hielt er bei meinem Vater um meine Hand an. Auch die Meinigen, mein Vater und die Geschwister, waren von der unvernünftigen Verlobung nicht begeistert. Hermann war so sehr jung und hatte noch keine feste Position. Die große Verantwortung für zwei Familien zu arbeiten und zu verdienen. Sie hatten sich eine andere Partie für mich ge-wünscht. Aber die Tatsache war nicht mehr zu ändern, und nach zwei Jahren Verlobungszeit heirateten wir und waren unaussprechlich glücklich.

Mein Vater erlaubte mir nach langem Bitten, daß ich wieder nach Schleswig reisen durfte. Es war kurz nach den verschiedenen Schlachten. Der Haß gegen die Dänen war damals sehr arg. Mein Schwiegervater, der alte Heiberg, war ein fanatischer Kämpfer für sein Schleswig Holstein; ebenso meine Schwiegermutter. Drei Frauen taten sich damals besonders hervor: Frau Arnemann, deutsch, Frau Dr. Heiberg, deutsch und Frau Esselbach, Besitzerin des Hotels Stadt Hamburg, dänisch.
Damals war meine Schwägerin Nanny mit dem Buchhändler Friedrich verlobt, und ich als Brautjungfer zur Hochzeit eingeladen.

Begegnungen mit dem König/ späteren Kaiser und dem Prinzen
Der alte König Wilhelm, später Kaiser (Anm.: ab 1871), sollte nach Schleswig kommen, um sein tapferes, siegreiches Heer zu begrüßen. Bismarck, Moltke und der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm, alle waren in verschiedenen Quartieren untergebracht. Die, wie üblich weißgekleideten Jungfrauen, sagten dem alten König ein Gedicht auf. Meine Schwägerin Nanny, die glänzend rezitierte, sagte ein langes, vom alten Heiberg gedichtetes Poem her. Alle wollten ihre Blumen natürlich dem König überreichen. Ich hatte mir aber fest vorgenommen, meinen Strauß dem schönen, stolzen, jungen Kronprinzen zu geben. Die Herrschaften kehrten uns alle den Rücken zu. Ich behielt den Posten, um genau zu sehen, was der Kronprinz tat. Im dichten Gedränge arbeitete ich mich tapfer und frech durch und zupfte dem Kronprinzen so lange am Ärmel, bis er sich umdrehte. Nun konnte ich ihm glücklich und stolz meine Blumen schenken. Von einem jungen, gut aussehenden 23 jährigen Mädchen ließ er es sich ganz gern gefallen.
Ich erzählte dies kleine Erlebnis verschiedenen Offizieren bei einer Festlichkeit, die ihnen zu Ehren arrangiert wurde. „Nein, nein gnädiges Fräulein, das haben Sie wirklich getan? Das ist ja ganz, ganz unmöglich.“ Man darf nämlich diese hohen Herrschaften nicht berühren. Die Herren waren starr. Ich hatte keine Ahnung, ein so großes Verbrechen begangen zu haben.
Viele, viele Jahre später stand ich dem Kronprinzen Friedrich noch einmal gegenüber. Im Berliner Rathaus, wo ein großer Bazar war, den hauptsächlich Frau Hedwig Heyl leitete. Sie war persönlich intim befreundet mit der Kronprinzessin Victoria, späterer Kaiserin Friedrich. Die jungen Mädchen aus allen Kreisen verkauften in verschiedenen Kostümen, die zur Verkaufsbaude passen mußten. Meine Tochter Asta, jetzige Frau Geheimrat Brandt, verkaufte als sehr echte Holländerin Hyazinthenzwiebeln und Liköre. Der Kronprinz entdeckte sie gleich, kaufte ihr einen Likör ab und gab ihr ein goldenes 20 Markstück dafür, das sie zum Andenken an einem Armband befestigen ließ. Er redete mich als Mutter der jungen Holländerin an und examinierte mich. „Gnädige Frau, was spielt augenblicklich die Musik?“ Ich antwortete: „Ich glaube, es ist ein Volkslied.“ „Nein, gnädige Frau. Es ist aus dem Trompeter von Säckingen.“ Es war sehr günstig für mich, daß ich das nicht richtig wußte, denn er mochte es gar nicht, wenn nicht er der Bewandertere war.

Noch eine kurze Erinnerung gehört zu dieser Bazarepisode. Frau Hedwig Heyl erwartete in dieser Zeit ein Kind, und die Kronprinzessin hatte sich ausgebeten, bei dem Baby Pate zu sein. Heyls ließen damals zu ihrem besonderen Empfang einen Riesensaal an ihrem Hause anbauen. Sie hatten einen wunderschönen, großen Garten und Platz genug. Da verbot kurz vor dem Tauftage der alte Kaiser der Schwiegertochter, persönlich in Heyls Hause zu erscheinen. Eine königliche Prinzessin durfte nicht im Privathaus Feste mitmachen. Es war eine große Enttäuschung, aber Herr Heyl überstand die pekuniären Schwierigkeiten sehr gut. Später, nach vielen Jahren, war die Tochter von Frau Hedwig Heyl unsere Mieterin in Schleswig. Da hat Hedwig Heyl uns mal besucht.

Besuch in Paris 1864
Während meiner Verlobungszeit, wir waren über zwei Jahre verlobt, weil Hermann nicht früher heiraten konnte, bekam ich eine Einladung von meiner Patentante Trinidad, sie in Paris zu besuchen. Mein Vater sah das sehr gern, und Hermann mußte sich nolens volens darin finden. Ich freute mich natürlich mächtig. Paris war doch der Inbegriff alles Herrlichen. Ich reiste selig ab und wurde von Tante Trinidad sehr herzlich empfangen. Sie wohnte ganz nahe beim Champs Elisees, auch nicht weit vom Place de la Concorde, dem Luovre und dem Arc de Triomphe. Schönste und vornehmste Gegend. Tante Trinidad war unermüdlich, mir alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Unsere Hauptbeschäftigung war aber, in die verschiedenen großen Warenhäuser zu gehen und uns die prächtig ausgestellten Moden anzusehen. Sie war sehr gefällig und gutmütig und wurde von all ihren Freunden in Caracas gehörig ausgenützt, alles Modernste mußte sie für sie besorgen. Sie hatte einen sehr guten Geschmack und das viele Einkaufen, mit einem vollen Portemonnaie, machte ihr riesigen Spaß. Aber ihre Patennichte machte ihr keine Freude bei dieser wichtigen Beschäftigung. Es ist ein großer Mangel bei mir, ich weiß es genau, aber mir hat von jeher der Sinn und das Interesse für Mode gefehlt. Ob man die Schleife auf der rechten oder linken Schulter trägt, ob die Krawatte schmal oder breit, lang oder kurz getragen wird, ist mir vollständig gleichgültig. Trinidad begriff mich nicht und schallt mich oft deshalb aus. Ich freute mich wenn es regnete, weil ich hoffte, dann nicht in Modehäuser gehen zu müssen. Aber der Regen und Sturm störte sie gar nicht; wir mußten Moden bewundern. Französisch sprechen habe ich in den fünf Monaten leider wenig gelernt, weil wir nur mit spanisch sprechenden Südamerikanern verkehrten. Mit den Angestellten und in den Läden sprach ich französisch.
Wir mußten in der Zeit umziehen, also Wohnungen suchen und besehen. Das war ganz amüsant, mit der lebhaften, intelligenten Tante. Wir mieteten schließlich eine sehr hübsche Etage, in Boulevard Malesherbes, nicht weit vom hübschen, kleinen botanischen Parc Moncea. Die Madeleinekirche ganz nahe und all die schönen, vornehmen Boulevards, wo man vor dem Hause Kaffee genießt.
Das Leben zu beobachten interessierte mich natürlich. Napoleon III und die schöne Eugenie standen im Jahre ’64 auf höchster Höhe. „Er“ hatte Paris durch Niederreißen ganzer Viertel und Neubauten in Prachtstraßen umge-wandelt. Ich habe das hohe Paar oft in der Equipage vorüberfahren sehen. Zum großen Nationalfest wurde unglaublich viel angestellt. Die Place de la Concorde wurde möglichst echt zur Alhambra umgewandelt. Die Bauten dazu und Illuminationen waren märchenhaft schön und großartig. Es ist vielleicht das Prächtigste, was Paris geleistet hat. Wir zwei Beide waren überall dabei und haben sehr, sehr viel gesehen.
Bei Trinidad gingen sehr viele Freunde und Bekannte ein und aus. Sie war der Mittelpunkt für die spanische Kolonie. Unter anderem verkehrte bei uns ein junger Ehemann aus Lima, namens Normann. Er war ein paar Jahre in Hamburg gewesen, um deutsch zu lernen. Er freute sich riesig, mit mir recht viel deutsch zu sprechen und das Verlernte wieder aufzufrischen. Seine Frau, ein zartes, feines, kleines Frauchen, war nicht so begeistert bei diesen sehr häufigen Besuchen. Sie wurde immer stiller und ernster. Schließlich konnte sie es nicht mehr aushalten und fragte mich mit leiser, heiserer Stimme: „Frl. Vollmer, was bedeutet das Wort „deutsch“, das so häufig bei Ihrer Unterhal-tung mit meinem Mann vorkommt?“ Ich antwortete ganz ahnungslos und un-befangen, das heißt „Allemand“. Sie atmete förmlich auf und sagte ganz selig: „Ach, ich hatte mir eingebildet, es hieße „amour“. Nun bin ich ganz glücklich, mich so töricht geirrt zu haben. Ich mußte ihm immer mehr von seinem geliebten Hamburg erzählen. Wir haben dann noch eine Zeit korrespondiert. Er fragte immer wieder nach dem Datum meiner Hochzeit.

Als wir nach unserer Hochzeit in Schleswig ankamen, war in einem hübschen Kästchen eine wunderschöne Brosche mit echten Perlen auf dem Tisch. Ich trage sie noch heute und gebe sie als antike, französische Arbeit aus. Na, ja! 1865, ist das nicht antik zu nennen?

Noch ein anderer Herr verkehrte bei Trinidad, der beim Ministerium eine sehr hohe Stellung bekleidete. Der freute sich, mit uns spanisch sprechen zu können und besuchte uns auch sehr oft. Daß ein junges Mädchen so selbständig und selbstverständlich sich in Paris „allein“ auf den Straßen bewegte, konnte er anfangs nicht begreifen. Die Französinnen durften damals keinen Schritt alleine tun. Es machte ihm riesigen Spaß sein schönes Paris zu zeigen. Mal nicht Modehäuser, sondern mehr historisches. Er führte mich nach der herrlichen gothischen St. Chapelle, nach dem Pantheon und nach der Notre Dame Kirche. Er stieg mit mir den Turm hinauf, um mir zu zeigen, wo der bucklige Zwerg Quasimodo gehaust hatte, weil ich das Buch Notre Dame von Victor Hugo las. Er führte mich zu der Morgue, wo ich zwei Leichen hinter Glas sah. Er führte mich nach dem Grab von Marie Antoniette, und besuchte uns unentwegt weiter. Er hatte die Absicht, mich zu heiraten. Ich sollte doch den zu jungen Buchhändler aufgeben und in Paris bleiben. Meine Tante hätte es natürlich sehr gern gesehen, aber als ich das in meinen Briefen an Hermann an-deutete, verstand er keinen Spaß. Es kam ein Brandbrief von ihm; ich müsse augenblicklich zurückkehren, es sei etwas vorgefallen, was sich nicht schreiben ließe. Ich mußte also sofort abreisen.
Trinidad war wütend. Das wäre eine Beleidigung. Ich sollte nicht so dumm sein und es mir nicht gefallen lassen. Mein Bewerber war sehr enttäuscht.
Aber mein schönes Paris war plötzlich für mich vorbei. Für immer. Ich reiste, nicht ganz leichten Herzens, zurück. Und Hermann Heiberg war froh, daß der Herr vom Ministerium ihm nicht seine Braut geraubt hatte.

Bis zur Hochzeit in Hamburg
Nach dem Besuch in Paris war ich bis zu meiner Hochzeit in Hamburg bei meinem Vater und sorgte und nähte für meine Aussteuer. Wir ließen das schöne Leinenzeug aus Bielefeld kommen. Eine ältere Freundin, Franziska Bauch, die einen Weißwarenladen und Näherei hatte, half mir beim Nähen. Sie war unglaublich tüchtig und schnell. Ich mußte tags vorher Riesenvorräte, zum Nähen bereit, einrichten. Wenn wir dachten es würde unmöglich sein al-les zu bewältigen, war sie trotzdem unzufrieden und wurde fuchswild, daß wir nicht mehr geleistet hätten.
Bei dem Prediger der St. Georgen-Kirche Detmer wurden wir getraut. Mein Vater hatte unvernünftigerweise eine unerhörte, großartige Hochzeitsfeier erdacht.

Hochzeit am 20. Juni
Wir, Brautpaar und die Allernächsten fuhren mit Landauern nach dem Res-taurant Andreasbrunnen, weit aus dem Dammtor hinaus, das jetzt wohl kaum mehr existiert. Für die geladenen Gäste hatte mein Vater Alsterdampfschiffe zum Hinbringen und Abholen gemietet. Es waren wohl über 50 Personen.
Ich wußte das es unvernünftig und unverzeihlich war und wählte als Hochzeitskleid bescheidenen, weißen Mull. „Warum hast Du nicht weißen Atlas oder moirée antique genommen?“ fragte mein Vater. „Vater, weil das viel, viel teurer ist.“ Er schüttelte stumm lächelnd den Kopf. Mir widerstand dieser Luxus, aber ich konnte nichts daran ändern.
Wir Brautpaar fuhren früher ab, übernachteten in Hamburg, Alsterhotel, nahe Thaliatheater und fuhren morgens nach Lübeck. Onkel Wolf Baudissin, Bruder meiner Schwiegermutter hatte uns eingeladen, ihn auf unserer Hochzeitsreise in Reinfeld, nahe bei Lübeck zu besuchen. Dort waren wir zwei Tage. Wir nahmen uns dann einen Landauer, um damit 14 Tage durch das schöne östliche Holstein zu fahren.
Auch von den alten Dröges, meiner Schwester Panchitas Schwiegereltern, hatten wir eine Einladung. Auf dem schönen Gut Bunghorst, nahe bei Plön, waren wir drei Tage und wurden sehr verzogen. Dann fuhr unserer Equipage wieder vor, und wir genossen die wunderschöne Landschaft, von Gut zu Gut und von Stadt zu Stadt fahrend. In jeder Stadt wurde im Hotel Stadt Hamburg gewohnt. Bis Preetz, nahe bei Kiel, dort entließen wir den Wagen. In Kiel besuchten wir Friedrichs und Nannys Familie und gelangten endlich nach Schleswig.
Unsere Wohnung, jetzt Bergas Buchhandlung, damals Hermanns eigenes Haus, war wunderschön mit Blumen und Kränzen geschmückt. Herr Bergas, unser damaliger Geschäftsführer und vier junge Angestellte, standen zum Empfang im Torweg der zur Wohnung führte. Es ist ein sehr schönes, großes Haus, oben für zwei Familien eingerichtet. Unten der schöne Raum für die Buchhandlung, und links für die spätere Druckerei.
Ich bekam gleich den Hausstand, mit Herrn Bergas und den vier Angestellten. Ich hatte eine sehr tüchtige Köchin, die mich allmählich zu einer einigermaßen, vernünftigen Hausfrau heranzog.
Meine Schwiegereltern waren beide sehr gut und herzlich zu mir. Besonders der alte Doktor Heiberg verzog seine ausländische Schwiegertochter. Meine Schwiegermutter mag innerlich gedacht haben: Eine tüchtige, sparsame Deutsche wäre mir lieber gewesen. Sie hatte so manchen Liebling unter den Schleswiger jungen Mädchen.
Ich erwartete sehr bald ein Kind. Nach zehn Monaten wurde unser Junge geboren, von dem ich schon früher schrieb, daß er nur sieben Wochen lebte. Meine Schwester Mathilde besuchte uns zur Überraschung an unserem Hochzeitstag, dem 20. Juni und fand uns betrübt an der Leiche des nicht lebensfähigen Kindes.
Nach einem Jahr wurde unser Sohn Ernst geboren. Wir verkehrten damals sehr viel mit der Priorin Ulrike von Pogwisch am Johanneskloster, Schwester der Ottilie von Goethe, der Schwiegertochter vom großen Goethe. Die Priorin von Pogwisch hatte mich in ihr Herz geschlossen. Sie lud uns sehr häufig abends zum Tee ein. „Wissen Sie, Frau Ines, ich möchte gar zu gern, daß sie und ich überrascht würden, und das Kindchen hier bei mir im Hause zur Welt käme. Und Patentante will ich jedenfalls sein.“ Es wurde nicht im Jungfernkloster adliger Damen geboren, aber Pate ist Frau Priorin gewesen. Und Ernst wurde nach ihr Ernst Ulrich getauft.
Im Kloster wohnte eine alte Frau Kanzleirat Vollersten zur Miete. Die war so entzückt von dem niedlichen Baby, daß sie ihm aus Freude und Entzücken ein Sparkassenbuch mit 50 Mark schenkte.

Sieben Jahre und drei Kinder
Die drei ältesten Kinder, Ernst, Asta und Felix wurden in Schleswig geboren. Sieben wunderschöne, glückliche Jahre haben wir da verlebt. Dann kaufte uns Bergas Haus und Geschäft ab.
Hermann war Schleswig und die Buchhandlung zu klein geworden. Er sehnte sich nach der großen, weiten Welt, wo er mit seinem Unternehmungsgeist etwas anderes anfangen konnte, als hinter dem Ladentisch Bücher verkaufen.
Wir nahmen in Schleswig eine Ausnahmestellung ein. Wohl durch die Schwiegereltern, aber besonders durch Hermanns ungewöhnlich frischen, regen Geist und Witz. Er war eine schöne, elegante Erscheinung. Die sehr bürokratische, vornehme Regierungsgesellschaft betrachtete uns einfaches, bescheidenes Ehepaar als gleichberechtigt. Alle neuen Regierungs- und Militär-Ehepaare machten auch bei uns Besuch und luden uns ein. Hermanns intimste Freunde waren die Assessoren Baron Blome, von Rumohr, Metzner und John Louth, der damals die Eisenbahn bis Flensburg weiter baute. John war der Sohn des englischen Bahndirektors Louth. Er hatte ein entzückendes Fuhrwerk, mit zwei prächtigen Apfelschimmeln und holte uns sehr oft zum Spazierenfahren ab.
In den sieben Jahren, die wir in Schleswig lebten, gaben wir manche hübsche, lustige Gesellschaft. Auch den ersten Kostümball, zu dem die ganze Jugend freudig aufgeregt Vorbereitungen machte.
John Louth, ein auffallend schöner Mensch, als Ludwig XIV. sehr kostbar und echt gekleidet, und Karin Röhse, ebenfalls eine stolze Erscheinung, ganz weiß als Schneewittchen, eröffneten das Fest unter den Klängen des Wagnerschen Einzugsmarsches. Ich hatte mich als Türkin auch in weiß mit Silber und mit Pumphosen gekleidet. Hermann wollte, daß man meine besonders kleinen Füße in den hohen Weißatlas-Stiefeln bewundern sollte. Es waren wunderschöne, kostbare Kostüme dabei. Luise Gräfin Reventlow, spätere Frau von Asseburg ließ bei Gerson extra ein rose seidenes Kleid, ganz mit weißen Perlen be-stickt (als Hofdame), anfertigen. Es war ein herrliches Fest, und noch lange, lange haben die Schleswiger davon geschwärmt.

Umzug nach Berlin
1872, also bald nach dem Kriege (Anm.: deutsch-französischer Krieg 1870/71), zogen wir nach Berlin. Ich erlebte in Schleswig noch die Gründung des deutschen Roten Kreuz Vereins mit, und mein Name stand unter den Gründern. Pfarrer Büttel, sehr intim befreundet mit dem damaligen Präsidenten von Elwanger, war die Seele des Vereins. Später kam Präsident von Köller, der auch mit Büttel sehr befreundet war dazu.
Im Johanneskloster war damals Baron von Brockdorff Klosterprobst, Besitzer der Villa Anettenhöhe, Onkel und Pate des Grafen Brockdorff-Rantzau. Brockdorff hatten einen Sohn, der starb. Der Baron bekam die Erlaubnis, ihn in seinem Park begraben zu dürfen, wo er unter einem großen schwarzen Marmorstein ruht. Dann adoptierte er den Neffen und machte ihn zu seinem Erben. Er machte das grausame Testament, wenn seine Witwe wieder heiraten würde, verlöre sie den Besitz Anettenhöhe. Sie heiratete nicht wieder, ob-wohl sie bedeutend jünger als der Baron war, und, o horror bürgerlicher Abstammung. Wenn ein Unwissender fragte: Was ist Ihre Frau Gemahlin für eine Geborene? Antwortete er: Meine Gemahlin heißt Baronin von Brockdorff.
Ich erinnere mich noch, daß die Familie Arthur von Reventlow eine große Rolle spielte. Sie wohnten in einer schönen Villa auf der Freiheit, nicht weit vom Johanniskloster. Er war sehr verschwenderisch und verschuldet. Eine Nacht war arger Feueralarm. Die Villa von Reventlows brannte lichterloh und ganz nieder. Er hatte sie sehr, sehr hoch versichert. Wie das Feuer entstanden ist, weiß ich nicht. Später wohnten sie im Scheelschen Palais, jetziges Amtsgerichtshaus. Wunderschöne, große Räume. Die Tochter Luise heiratete den Offizier von Asseburg, von dem es hieß, er wäre so reich, daß er täglich hundert Mark Einnahme hätte.

Theater
In Schleswig war damals noch das alte gemütliche Stadttheater. Es lag neben dem Haus von den alten Heibergs. Meine Schwiegermutter liebte das Theater. Und die Direktion und Schauspieler liebten Frau Dr. Heiberg, weil sie ihnen sehr großherzig viele schöne Requisiten borgte. Sie saß sehr häufig in ihrer Theaterloge, und die Heibergschen Kinder hausten ebensoviel hinter den Kulissen und im Theaterkeller wie zu Hause. Eine Zeitlang war da ein Direktor namens Kessler, Vater der später berühmten Hofschauspielerin Marie Kess-ler, die ein besonderer Liebling des alten Kaisers Wilhelm war.
Das alte Theater brannte nieder und es wurde ein neues in Lollfuss gebaut. Nach vielen Jahren wurde im Theaterrestaurant der Hermann-Heiberg-Stammtisch gegründet, an dem sich alle Abende die Freunde meines Mannes und die zugereisten Fremden zu einem gemütlichen, anregenden Zusammen-sein trafen.
Noch eine kleine Theateranekdote fällt mir in diesem Augenblick ein. Die bekannte, schöne, sehr beliebte Hofschauspielerin Klara Meyer vom Berliner Hoftheater kam nach Schleswig, um eine Gastrolle zu geben. Es wurde Romeo und Julia gespielt. Große Verlegenheit! Im Theater gab es keinen Balkon für Julia. Sie halfen sich ganz vergnügt. Der Kachelofen war so groß und sicher, daß sie ohne Schaden darauf stehen und sprechen konnte. Sie erzählte es uns lachend beim Abendessen nach der Vorstellung. Mein Mann wollte sie recht feiern und ging zum Gärtner Blanck, um einen Blumenstrauß für die Künstlerin zu bestellen. „Aber ein recht, recht schönes Bukett, verstehen Sie?“ „Ja, Herr Heiberg, wie hoch darf ich gehen? Darf es mehr als 1,50 Mark kosten?“ Als mein Mann dies dem Fräulein Klara erzählte, lachte sie herzlich. „Sehen Sie, Herr Heiberg, wie lohnend es für mich war, in Schleswig eine Gastrolle zu geben.“
Der Kaiser Wilhelm I. hatte die Schauspielerin Marie Kessler sehr gern. Er unterhielt sich in seiner Loge häufig mit ihr und ließ sich vom Bühnenleben erzählen. Sie trug sehr schöne kostbare Toiletten. In einer Rolle hatte sie ein schönes Spitzenkleid über blauem Seidenunterkleid an. Der Kaiser fragte sie unter anderem: „Ihr Kleid ist wohl sehr teuer gewesen? Hat wohl über 200 Mark gekosten?“ „Nein, Majestät, über 100 Mark.“ Es waren sehr kostbare Spitzen. Der unglaublich bescheidene, einfache, sparsame Kaiser verstummte, starr bei dieser ungeheuerlichen Summe.

Vater lebt mit ältester Schwester Ignacia in Hamburg
Mein Vater lebte mit meiner ältesten Schwester Ignacia in Hamburg. Damals bewarb sich Sanavria um sie. Aber mein Vater wollte nicht, daß sie einen Venezolaner heiraten sollte, und hoffte wohl im Stillen, sie würde einen Deut-schen kennen lernen. Sanavria hat sie über acht Jahre treu geliebt und reiste ihr nach. Eines Tages kam ein Brief aus Bris von ihm. „Fräulein Ignacia Vollmer, Alsterbassin“. Und der Brief langte richtig an. Schließlich sah mein Vater ein, daß er nichts ändern konnte. Sie haben sich geheiratet und sind sehr, sehr glücklich geworden.
Nun hielt es mein Vater aber in seiner ersehnten, geliebten Heimat nicht mehr aus. Das steife, formelle Leben beengte ihn. Er sehnte sich zurück, nach Freiheit und Zwanglosigkeit. Drüben auf der Plantage Palmar konnte er als kleiner König schalten und walten. Außerdem zog ihn seine Lieblingstochter Ignacia zurück. Er beschloß, wieder nach Venezuela zurückzukehren.

Vater Vollmer ertrinkt auf der Rückreise nach Venezuela
Ein halbes Jahr nach meiner Hochzeit reiste mein Vater über England zurück. Er fuhr mit einem Dampfschiff. Ganz sichere Linie. Es war ein besonders stürmischer, unberechenbarer Herbst. Immer neue traurige Schiffsnachrichten. Von unserem Schiff keine Kunde. Ich fragte meinen Mann immer wieder: „Hast Du nichts erfahren? Frag doch mal Vaters Freund in Hamburg, ob er nichts vom Schiff weiß.“ Hermann wich immer aus. Da sagte ich eines Tages energisch: „Frage doch in Hamburg an.“ „Na, und wenn Herr Bauch antwortet?“ Da schrie ich auf und rief: „Vater ist ertrunken.“ Und so war es. Bei seiner Schwerhörigkeit hatte er nicht die Gefahr bemerkt, von der alle Passagiere sprachen, und er war der Einzige, der ertrank. Er war noch einmal in die Kajüte zurückgekehrt, um etwas Gepäck zu retten. Es konnte ihm nicht mehr geholfen werden.
Für uns junges Ehepaar, Anfänger im schweren Lebenskampf, war das eine Lebensfrage. Mein Vater wünschte damals keine lange Verlobung. Mein Mann noch sehr jung, war nicht im Stande zu heiraten. Da sagte mein Vater: „Heiratet nur. Ich gebe Euch jährlich 1000 Taler.“ Einmal bekamen wir 500 Taler, dann starb mein Vater und die junge Ehe fing mit Sorgen an, die mein Mann sein lebenlang tragen mußte.

Schwester und Schwager Sanavria
Meine Schwester Ignasia war in Venezuela nach dem Hafen La Guayra gefahren, dem Vater entgegen zu kommen. Anstatt dessen erfuhr sie dort, daß der Dampfer untergegangen sei. Meine Schwester hat in dem Jahr übermenschlichen Kummer erlebt. Sanavria hatte drei entzückende, gesunde, kräftige Kinder. Drei, zwei und ein Jahr alt. Eine Epidemie, Masern mit Keuchhusten, in den Tropen sehr gefährlich, raffte innerhalb eines Monats alle drei Kinder weg. Das Haus war leer. Und dann auch noch den Vater von den Wellen verschlungen. Mein junger Schwager Sanavria bekam in einer Nacht schneeweißes Haar. Es wurden später noch zwei kräftige Jungen geboren. Bei dem ersten erlebte Ignacia, daß es durchaus nicht die Brust nehmen wollte, sich immer übergab. Da untersuchte sie die Milch, und der Arzt konstatierte, daß die Milch infolge des schweren Kummers zu Blut verwandelt war. Die beiden Kinder waren noch lange die Freude der Eltern und sind sehr tüchtige Menschen geworden.
Mein Schwager Sanavria, Diplomat, kam mit der Familie nach Hamburg, als Generalkonsul. Sie wohnten dort 5 Jahre in der Dammtorstraße. Dann wurde er als Chargé d’affairs nach Berlin versetzt. Sie wohnten unter den Linden, Ecke Schadowstraße. Das war für uns sehr angenehm, obgleich die sehr verschiedenen Lebensstellungen keinen intimen Umgang zuließen. Sanavria liebte seine tropische Heimat zu sehr. Der kalte Winter, die kahlen Bäume und der weiße Schnee erschien ihm wie ein Totenlaken. Sie kehrten nach der Heimat zurück.

Anhang

Im Anschluß an die Auszüge aus den Lebenserinnerungen meiner Großtante Ines Heiberg geb. Vollmer, möchte ich noch einige Anekdoten und Fakten erzählen, die teils aus mündlicher Überlieferung meiner jetzt über 90 Jahre alten Tante Angiola Dröge stammen, teils mir in Briefen meines Vetters, resp. Onkels Alberto F. Vollmer in Caracas, mitgeteilt wurden.

Während des Erdbebens in Caracas, im Jahre 1806, befand sich meine Ururgroßmutter, Donna Ignazia de Rivas, geb. Palacio y Blanco, in der Kathedrale. Sie versank unversehrt in eine Spalte, wurde dort von einer sie suchenden Sklavin gefunden, und an ihren langen Haaren herausgezogen.
A. F. Vollmer: Meine Großmutter, deine Urgroßmutter, Franziska Ribas y Palacio, Cousine des Nationalhelden Bolivar, war ein 8 jähriges Mädchen zu der Zeit der Auswanderung nach Osten der Bevölkerung von Caracas. Von der Familie Ribas war sie die einzig Überlebende, denn die Spanier haben die Männer der Familie, José Felix, Antonio José und die weiteren Brüder sehr angegriffen, weil diese die Soldaten gegen die Spanier aufhetzten. Im Jahre 1814 begann der Auszug aus Caracas nach Cumana, und es wird gesagt, daß Franziska Ribas als 8 jähriges Mädchen allein in Cumana war. Eine Sklavin von El Palmar, der elterlichen Hacienda erkannte das Kind, welches bei einem spanischen Offizier in Obhut war und fragte diesen, ob er ihr das Kind verkaufen würde. Der Offizier fragte, ob sie das Kind kenne, worauf sie antwortete, daß dies nicht der Fall sei, aber daß das Mädchen ihr leid täte, so ganz allein zwischen den Soldaten, und sie wollte gern für sie sorgen. So verkaufte der Offizier das Kind an die Sklavin für 36 Pesos macuquinos, weil das Kind ihn auch störte. Es ist zu erwähnen, daß die Sklavin bewußter Weise gesagt hatte, daß sie das Kind nicht kannte, weil sie wußte, wie sehr die Spanier die Ribas haßten.
Von Cumana nach El Palmar in Aragua sind es ungefähr 400 km. Außerordentlichen Strapazen und Gefahren ausgesetzt, mußten sie diese Strecke zu Fuß zurück legen. Sie kamen in San Mateo auf der Hacienda El Palmar an und fanden das Haus leer; alle waren im Kriege umgekommen. Darum ging die Sklavin mit dem Kind weiter nach der Hacienda Sabana Larga zu der Familie Garcia Espino, die gute Freunde der Familie Ribas waren. Dort wurde das Kind aufgenommen und erzogen, und dort war es auch, wo Gustav Voll-mer, Deutscher, das Mädchen kennen lernte, und sie später dann in Curacao heiratete, wahrscheinlich, weil auch zu dieser Zeit die Spanier noch weitere Ribas suchten und verfolgten.

Ebenso sagt die Geschichte, daß um das Jahr 1803 der deutsche Baron Alexander von Humboldt längere Zeit in El Palmar weilte, um dort seine zoologischen und botanischen Studien und Sammlungen zu vervollständigen, durch die später seine wissenschaftlichen Arbeiten in Paris veröffentlicht werden konnten. Zu jener Zeit kannte man in Europa wenig von dem Leben in Latein-Amerika, und Humboldt war es, der den Europäern die Augen öffnete mit seiner Reiseschilderung aus den Tropen.

Bolivar und Rivas Bolivar und Rivas waren Vetter, Söhne von zwei Schwestern Palacios. Die beiden Generale waren die großen Führer der Freiheitsbewegung Latein-Amerikas. Bolivas Onkel, Esteban Palacios, residierte seit geraumer Zeit in Madrid. Bolivas Verwandte schickten ihn mit 16 Jahren zur weiteren Ausbildung zu diesem Onkel. Durch ihn kam er auch an den Hof, und im Spiel begegnete er seinem späteren Gegner, dem zukünftigen König Ferdinand VII. Er hieß damals Prinz von Asturien, und Bolivar spielte mit ihm in den Gärten von Aranjuez eine Partie Federball. Dabei geschah es, daß Bolivar im Eifer des Spieles seinem Partner die Mütze vom Kopf schlug. Man erwartete eine Entschuldigung; Bolivar verweigerte sie, und die Königin gab ihm recht. Als er später diesen harmlosen Vorfall berichtete, sagte er: „Wer hätte Ferdinand VII. prophezeit, daß dieser Zwischenfall ein Zeichen dafür war, daß ich ihm die kostbarsten Edelsteine aus seiner Krone reißen würde?“ (Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien).

Als ich 1966 mit meinen Verwandten die Straße von Cumana nach El Palmar fuhr, mußte ich an die 8 jährige Francisca und die Sklavin denken, die die gleiche Straße zu Fuß gingen, unter außerordentlichen Bedingungen.

geschrieben von Maria Mercedes Daetz, Bremen März 1965

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