Nach ihren Aufzeichnungen übernommen von Wulf Becker 2009

verfasst vermutlich Anfang der 1980er Jahre in Langgöns, Hessen

Ich habe heute Nacht bis ½ 2 Uhr Briefe aus den Jahren 1943 gelesen zwischen Papi und mir, nachdem wir ausgebombt (29./30. Mai 1943, Joseph-Haydn-Straße Wuppertal-Barmen, Anm. W. B.) waren. Wenn man auch eine Pauschalerinnerung an diese Zeit hat, die Einzelheiten werden erst beim Lesen wieder lebendig. Es ist richtig, dass man sich nicht mit der Vergangenheit belasten, sondern in der Gegenwart leben soll. Ich schreibe auch nicht mit sozusagen erhobenem Zeigefinger: nun seht mal, wie gut es Euch heute geht und mit was wir uns plagen mussten. Ich las die Briefe eigentlich nur, ehe ich sie vernichten wollte, tue es aber nun doch nicht. Es steht nichts darin, was nicht jeder lesen könnte, es könnte ja sein, dass doch einer von Euch einmal Interesse dafür hat. Auf alle Fälle schreibe ich schon einiges darüber, weil ich finde, dass einfach nicht in Vergessenheit geraten darf, was Papi damals beruflich und für uns Ungeheuerliches geleistet hat.

Diese Veröffentlichung wurde durch die Arbeit von Wulf Becker möglich

Mathilde machte eine Lehre in Hamburg und lebte bei Verwandten. Wulf im April 2017 zu der Zeit zwischen 1927 und 1929

Nachdem er uns nach Radevormwald befördert und Onkel Karl uns einige Tage später bis Gießen gebracht hatte, denn Papi musste sofort nach Barmen zurück, wohnte er die ersten Tage bei Tante Otti (Ehefrau von Onkel Karl, Anm. W. B.), bis er ihre Ungezogenheit nicht mehr ertrug.

Er hauste zunächst im Keller unseres zerbombten Hauses, zusammen mit einem seiner Leute aus dem E-Werk, später bekam er einen Kellerraum in dem Haus vom Wasserwerk, in dem wir im Herbst eine Wohnung bekamen (Lönsstraße 20, Anm. W. B.). Bis dahin wohnte er in diesem Keller. Der Direktor vom E-Werk war als Reserveoffizier an der Front, sein Stellvertreter hatte sich zunächst abgesetzt und krankgemeldet, ein anderer Dipl.-Ing. war schon immer kränklich und nun wegen Herzmuskelschwäche wochenlang bettlägerig. Papi war der einzige Dipl.-Ing., natürlich hatte er seine Leute, die mit ihm durch Dick und Dünn gingen, aber die Initiative und der Ansporn musste von ihm ausgehen. Sie schafften es, innerhalb kürzester Zeit die Stromversorgung wieder in Gang zu bringen und vor allem die Fabrikanten, der kriegswichtigen Betriebe waren ihm so dankbar dafür, dass sie später halfen, wo sie nur konnten bei der Beschaffung der Dinge, die für die Familie und den Aufbau eines neuen Hausstands dringend gebraucht wurden.

„Onkel Karl brachte uns bis Gießen“

Onkel Karl war ein jüngerer Bruder von Mathilde: Karl Anton *06.02.1912 + 05.03.1967

Aus dem Keller unseres Hauses holte er heraus, was erhalten geblieben war, vor allem die Einkochgefäße, um das, was in unserem großen Nutzgarten, der ebenfalls große Bombentrichter hatte, noch brauchbar war, zu ernten und zu konservieren und das auf einer Kochplatte im Keller. Außerdem beschaffte er alle Bezugsscheine für Kleidung für uns alle, für Möbel, für Geschirr und alle Haushaltsgegenstände, Betten, Bettwäsche, was man sich nur denken kann. Mit den Scheinen allein war es ja nicht getan, man musste auch suchen, wo man für sie noch etwas bekam. Ich war ja zuerst im Löwenthal, dann in Tannroda völlig außer Gefecht gesetzt und konnte überhaupt nichts dazu tun. Von Anfang an strebte er danach, wieder eine Wohnung für uns alle zu bekommen, weil er ungeheuer unter der Trennung von der Familie litt.

Drei von insgesamt sieben Kindern, die Mathilde und Hans Becker erfolgreich durch den Krieg brachten. Zeitweise mussten sie voneinander getrennt leben.

Schließlich wurde ihm die Hälfte der Etage im Wasserwerk zugesprochen, nun musste er noch die Arbeiten zur Teilung dieser Etage und Instandsetzung überwachen und das nötige Material beschaffen. Betten und die Truhen wurden in der Werkstatt vom E-Werk angefertigt, wegen der anderen Möbel war er in Gießen und bekam sie dort. Er half außerdem dort meiner Tante Anna, die in diesem Sommer in eine andere Wohnung umziehen musste, bei diesem Umzug und schaffte Sachen, die sie nicht mehr brauchte, ins Löwenthal, denn bereits damals fasste er den Plan, dort eine Ausweichwohnung für uns herzustellen, falls es unmöglich würde, dass wir in Barmen blieben. Auch das kostete Laufereien und Kämpfe bei der Gemeinde und beim Staatsbad, dem ja das Löwenthal gehörte. Nachdem er schon eine Menge organisiert hatte, aber fürchtete, es würde in Barmen wieder zerstört, machte er große Sendungen von Frachtgut nach Tannroda, wo es in den Ställen untergebracht wurde, später wieder zurückbefördert wurde. Zweimal besuchte er uns in Tannroda und was damals Eisenbahnfahrten bedeuteten kann man sich nicht mehr vorstellen.

Im September war Peter, der ja im Löwenthal geblieben war, sehr krank mit Mittelohrvereiterung an beiden Ohren. So oft es ging, fuhr Papi auch dort hin. Mir wurde erst hinterher gesagt, wie schwer krank Peter damals war. Ich hätte ja auch gar nichts machen können. War selbst durch die Schwangerschaft (mit Wulf, Anm. W. B.) elend und behindert, auch mit Klaus hatte ich Sorgen. Er litt unter krampfartigen Leibschmerzen, am Ort war kein Arzt, zum nächsten war man stundenlang unterwegs und er konnte nichts feststellen, woher die Schmerzen kamen, wahrscheinlich waren sie nervöser und psychischer Ursache, er hatte die ganze schreckliche Zeit noch nicht bewältigt.

Barmen/ Wuppertal. Hier wurden zwei Kinder in schweren Kriegsjahren geboren

Wir alle litten unter großem Kalkmangel, ich bekam aber nur alle 14 Tage als werdende Mutter ein paar Kalktabletten. Auch dafür sorgte Papi und sammelte in Barmen bei allen befreundeten Ärzten und schickte uns Calzipot. Was hat er alles für uns zusammengebettelt. In Barmen, in Hessen, wenn er im Löwenthal war. Übrigens auch Tante Tilli Korell (Klassenkameradin von Mami, Anm. W. B.) schickte uns damals schon Mehl und Äpfelpakete nach Tannroda. Man kann sich nicht mehr vorstellen, welch ein Problem und welcher Schatz auch das selbstverständlichste war, jeder Teller, jede Tasse, jeder Löffel usw. Als wir dann im November nach Barmen zurückkamen, fanden wir eine Wohnung vor, in der alles zum Leben vorhanden war und nicht nur das, Papis Schönheitssinn hatte sie auch schon mit vielem ausgestattet, was eben nicht unbedingt lebensnotwendig war, sondern Herz und Augen erfreuten.

Daneben ging aber das Sammeln der Dinge weiter, die er zur Herrichtung der Löwenthalwohnung brauchte. Ich erinnere noch, dass er einmal mit Ofenrohren dorthin fuhr, mit Tapetenrollen, mit Farbtöpfen und das alles in überfüllten Zügen und sozusagen schwarz, denn auch sonntags war eine Entfernung aus der Stadt, in der man arbeitete, nur mit Sondergenehmigung erlaubt.

Vielleicht könnt Ihr nun verstehen, warum sich Papi auch in späteren Jahren so aufregen konnte über Nichtachtung von Dingen, die einmal unter so großen Mühen beschafft wurden. Und warum ich das alles noch einmal aufrolle? Eben, um es nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und weil mir selbst noch einmal oder vielleicht überhaupt zum 1. Mal ganz klar wurde, was er geleistet hat. Damals war jeder so in sich in Angst, Sorge, Überbeanspruchung befangen, dass er die Leistung des anderen gar nicht voll und gerecht werten konnte. Und wenn das unsrige auch nur eins von Millionen von Schicksalen war, so sollte, was im Allgemeinen vergessen ist, wenigstens innerhalb der Familie nicht vergessen sein.