Auf den Spuren von Julius Mannhardt – Besuch von Doris Becker in Venezuela 2009

12.06.2009
Um 7 Uhr verließen wir Paderborn. Es war kalt, ein rauer Wind blies; die richtige Stimmung zum „Auf und Davon“. Die Bundesbahn war pünktlich! Die Fahrt über Dortmund nach Frankfurt/Flughafen verlief reibungslos.
In Frankfurt angekommen, erlebten wir den Flughafen als große Baustelle. Wir hatten schon befürchtet eine große Suchaktion starten zu müssen, um einchecken zu können. Um so überraschter waren wir, dass wir unseren Koffer nach kurzer Zeit schon aufgeben konnten. Ohne Ballast verbrachten wir noch einige Zeit am Flughafen., dann ging es los.
Der Flug mit der Condor war sehr angenehm. Die Zuzahlung für Premium Eco hatte sich gelohnt. Wir hatten mehr Beinfreiheit und einen besseren Service an Bord.
In Barbados machten wir einen Zwischenstopp, ließen Urlauber aussteigen und flogen weiter bis Porlamar auf der Insel Margarita. Unser Reiseleiter für die gesamte Rundreise – Luis Sierra – holte uns am Flughafen ab und brachte uns zum Hotel Puerta del Sol. Für eine Nacht bezogen wir dort Quartier, ließen unsere Koffer zurück und begaben uns mit 10kg Handgepäck auf unsere große Rundreise.

Venezuela hat eine Gesamtfläche von 925.026 qkm und ist damit rund zweieinhalb¬mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Dem Festland sind im Karibischen Meer 75 Inseln vorgelagert, deren größte, die Insel Margarita, eine Fläche von ca. 1.000 qkm einnimmt.

Die Grenzen Venezuelas werden im Norden auf einer Länge von etwa 2.800 km durch das Karibische Meer, im Nordosten auf etwa 700 km durch den Atlantik gebildet. Mit dem west¬lich gelegenen Kolumbien hat Venezuela eine gemeinsame Grenze von 2.050 km, die südliche Landesgrenze zu Brasilien ist ca. 2.000 km lang. Der östliche Nachbar ist Guayana.

Die Bevölkerung wird mit 23,05 Millionen Einwohnern angegeben. 66% Mestizen und Mulatten; 22% Weiße, 8% Schwarze und 2% Indios. Davon sind 96% Katholiken und 2% Protestanten. Die Währung ist der Bolivar. Der Wechselkurs lag bei 2,15 Bolivar für 1 US$. Zu unserer Zeit kostete ein Bier 4 Bolivar. 100 l Diesel, oder 35 l normal, oder 30 l super = 1 Euro. Auf dem Schwarzmarkt betrug der Wechselkurs 1US$ = 4 Bolivar oder 1 Euro = 5 Bolivar. Da der Tausch strengstens verboten ist, tauschten wir nur im Hotelzimmer.

13.06.2009
Schweißperlen standen mir auf der Stirn, als ich mein 10 kg Gepäck packen sollte. Ich hatte mich nicht auf eine Reisetasche eingestellt und nun ein kleines Problem. Was irgend ging stopfte ich in meinen Rucksack und eine Tasche, dann ging es los. Die Koffer blieben im Hotel zurück.
Um 10 Uhr verließen wir das Hotel in Porlamar, flogen nach Caracas und um 12 Uhr weiter nach El Vigia. Der Himmel war leicht bewölkt. Mit dem Bus ging es weiter auf der Transandina, die eine Fülle faszinierender Landschaftsein drücke gewährte. Die kurvenreiche Straße führte durch das Tal des Rio Chama, an dessen beiden Seiten sich die Hänge der Paramos (Hochgebirgsvegetation) erheben, die in den unteren Partien durch Terrassenfelder abgestuft sind.
Am Rio Chama machten wir einen Fotostopp. Es war sehr steinig, und außer dem Rizinusstrauch gab es keine Pflanzen festzuhalten. Es war schon etwas spät geworden, sodass die Fotos die Abenddämmerung aufnehmen konnten.

Nach dem langen Tag hielten wir in einem Dorf. Luis kannte an der Straße den kleinen Lebensmittelladen, wo wir zur Stärkung eine Fla¬sche Bier bekamen. Die Freude der Bewohner war groß, als sie hörten, dass wir aus Alemania kommen. Wir waren um so erstaunter, als wir in akzentfreiem Deutsch begrüßt wurden. Gegen 17.30 Uhr waren wir in der Andenstadt Merida. Es war sehr schön dort. Wir verbrachten den Abend auf der Terrasse und ließen den Tag noch einmal Revue passieren. Die abendliche Dusche ließen wir ausfallen, denn wir hatten nur kaltes Wasser. In der Nacht zuckten kräftige Blitze über die Anden, und es goss wie aus Kannen.

14.06.2009
Am Morgen hatte sich das Wetter wieder beruhigt und die Sonne schien. Es war sehr warm. Nach dem Frühstück, unsere wenigen Sachen waren schnell gepackt, fuhren wir zum Supermarkt nach Merida. Es war zwar Sonntag, aber die Geschäfte hatten geöffnet, und wir konnten einkaufen. Eine Reisetasche hatte ich schnell gefunden, die ich dringend brauchte. Nach dem Einkauf holten wir die Stadtrundfahrt in Merida nach, die am Vortag ausgefallen war. Wir waren zu spät gelandet.

Merida ist die Hauptstadt des gleichnamigen Bundeslandes, das den zentralen Teil der venezolanischen Anden umfasst und auch als Dach von Venezuela bezeichnet wird. Merida liegt in 1.625 m Höhe auf einem Plateau von 15 km Länge und ca. 3 km Breite. Das Tal ist sehr fruchtbar. Merida ist eine expandierende und weltoffene Großstadt mit etwa 300.000 Einwohnern. Sie besitzt die zweitälteste Universität des Landes, die „Universität de Los Andes“, die 1810 gegründet wurde.
Die erste Stadtgründung am 9. Oktober 1548 war ein illegaler Akt. Juan Rodriguez, der von Pamplona (heute Kolumbien) aus mit 60 Begleitern in die Sierra Nevada zog, um Gold zu suchen, war nicht im Besitz der königlichen Erlaubnis, die für die Anlage von Siedlungen erforderlich war. Die rechtmäßige Gründung er¬folgte dann am 24. Juni 1550 durch Juan de Maldomado.
Die Stadt wurde erst 1777 dem Generalkapitanat Venezuela zugeordnet und unterstützte sehr früh die Unabhängigkeitsbestrebungen. Bei seinem Feldzug von Kolumbien nach Caracas 1813 wurde Bolivar in dieser Stadt zum ersten Mal als Libertator gefeiert. Im Parque de Las Cinco Republicas steht das Reiterdenkmal Bolivas, das zu Ehren des Befreiers 1842 aufgestellt wurde.

Bei dem verheerenden Erdbeben von 1812 wurde ein Großteil der Gebäude aus der Kolonialzeit zerstört. Das Zentrum, um die Plaza Bolivar, ist im Schachbrettmuster angelegt. Südlich erhebt sich die mächtige Kathedrale, die auf eine lange Baugeschichte zurückblicken kann, in der die unterschiedlichsten Stilformen zur Geltung kommen. Durch Erdbeben und Kriege konnte der Bauplan nicht ausgeführt werden. Vollendet wurde der bereits 1803 begonnene Bau schließlich erst 1958. In der Krypta ruhen die Gebeine von San Clemente, einem römischen Martyrer.

Der Palast neben der Kathedrale wurde Mitte des 20. Jahrhunderts im Renaissancestil erbaut und ist die Residenz des Erzbischofs. Ein weiteres kleines Denkmal zeigt Bolivar und Humboldt.


Merida besitzt viele Parks und Grünanlagen, die im Stadtbild verstreut sind. Was Merida so einmalig macht ist nicht zuletzt die Seilbahn auf den Pico Espejo. Die Talstation be¬findet sich im Parque Las Heroinas. Mit einer Län¬ge von 12,5 km und der Gipfelstation auf 4.765 m ist sie sowohl die längste als auch die höchste Seilbahn der Welt. Rund eine Stunde dauert die Fahrt vom subtropischen Talgrund in die Gletscherwelt des Pico Espejo.
Südlich der Stadt erhebt sich der 5.007 m hohe Pico Bolivar, der höchste Berg Venezuelas, und auch die umgebenden Gipfel erreichen fast eine Höhe von 5.000 m.
Trotz der Lage in den Tropen existieren direkt unterhalb der Gipfel Gletscher, und Schneefall ist nicht selten. Diese Berge gehören zur 500 km langen Cordillera de Merida, einem Andenausläufer, der in Kolumbien von der Hauptkordillere der Anden Richtung Osten abzweigt.
Wir besuchten eine Forellenzucht, die in den Anden Tradition hat. Die Führung durch die Aufzuchtstation war sehr interessant. Die verendeten Tiere wurden mit Köchern gefischt, und die Geier erwarteten schon ihre tägliche Fütterung.


Nach unserem Mittagessen fuhren wir durch die Nebelwaldregion und in den Sierra Nevada Nationalpark.
Auf dem Weg dorthin waren die Bäume und sogar die Stromleitungen mit den Greisenbärten (Bromelien) behangen; ein Zeichen für hohe Luftfeuchtigkeit. Es ist kaum zu glauben, dass diese Pflanze, die wie eine Flechte aussieht, mit der Ananas verwandt ist.
Wir erreichten bei Mucuy den Sierra Nevada Nationalpark und begaben uns auf die Wanderung Richtung Humboldt-Gletscher. Nach wenigen hundert Metern waren nicht mehr alle bereit ein Teilstück zu gehen. Es war einfach zu heiß, zu feucht und zu an¬strengend.
Die Berghänge sind mit dichten Wäldern bewachsen. Während die Baumgrenze in Europa bei etwa 1.900 m liegt, gedeihen die tropischen Nebenwälder noch bis in Höhen von über 3.000 m. Sie weisen eine enorme Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten auf. Mit zunehmender Höhe wird der Wald immer niedriger und geht schließlich in die Hochgebirgslandschaft der Paramos über. Paramos nennt man die typische Hochgebirgsvegetation der nördlichen Anden in Höhen von 2.800 m bis 4.500 m.

Wir Zurückgebliebenen konnten in der Ruhe Vogelschwärme beobachten und uns an der hübschen Pflanzenwelt erfreuen. Erschöpft kamen die Wanderer von ihrer Tour zurück. Wir freuten uns nun auf ein schönes Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee. Luis hatte auch hierfür einen herrlichen Vorschlag, und so verbrachten wir eine Verschnaufpause in einem wunderschönen Gartenrestaurant. Über die Panamericana ging es durch die venezolanischen Hochanden bis nach Escaquey. Für eine Nacht bezogen wir in der Estancia La Canada unsere Zimmer. Es regnete sehr heftig, als wir zum Abendessen gingen. Das Restaurant war liebevoll eingedeckt, aber das Dach war nicht ganz dicht, so dass uns die Regentropfen auf den Tisch fielen. Ein Glas half uns den Schaden zu begrenzen.

15.06.2009
Um 8 Uhr verließen wir die Estancia. Das Wetter war super. Viele schöne Fotos machten wir von der Umgebung. Grünschillernde Kolibris sogen den üppig blühenden Pflanzen Nektar, und die Bergwelt bot ein atemberaubendes Panorama.


Zum Frühstück wurden wir mit leckerem Mangosaft verwöhnt. Die Säfte waren immer frisch gepresst; nur an die morgendlichen Mais- und Weizenfladen konnte ich mich nicht gewöhnen.
Die Fahrt führte weiter ins Hochland über Mucuraba und Mucuchies, das auf 2.900 m liegt. Man kann dort sehr schön den Terrassenfeldbau überblicken, eine landwirtschaftliche Methode, die in der Andenregion schon lange vor der Ankunft der Spanier angewandt wurde.


Mucuchies heißt bei den Indianern in den Anden „Sonne“. Das Andendorf wurde bereits 1596 gegründet. Die hübsche sehenswerte Plaza Bolivar mit dem Reiterdenkmal vor der Kathedrale wurde das Opfer unserer Kameras.
Danach erreichten wir den auf 3.140 m hoch liegenden Ort San Rafael. Dort besichtigten wir die Steinkapelle des Künstlers Felix Sanchez, die er 1983 geschaffen hat – eines der beliebtesten Fotomotive in den Anden.
Es ging weiter auf die Llanos-Route die Passstraße hinauf. Bei einer Höhe von 4.007 m, im Nationalpark Sierra Culata, der erst 1989 als Nationalpark ausgewiesen wurde, erreichten wir den Pass Pico El Aquila. Dies ist der höchste Punkt auf den eine Straße in Venezuela führt. Er ist meist von dichtem Nebel eingehüllt, so auch, als wir dort waren. Der Wind war eisig, und die Luft in dieser Höhe sehr dünn, aber die Vegetation war sehr interessant.


Die Nationalblume, die Frailejones-Espeletie gibt es dort in Überzahl. Die Pflanzen bilden mit ihren äußeren Blättern einen Schutzmantel gegen die Kälte. Langsam wachsend, sterben die unteren Teile ab, während sich oben immer wieder neue Blätter bilden. Im Idealfall können sie Mannshöhe erreichen, was auch zu ihrer spanischen Bezeichnung geführt hat, denn in den Nebelschwaden wirken sie von weitem wie „Große Mönche“ (eben frailejones), die durch die Einsamkeit wandern. Im Oktober und November blü¬hen die dichtgedrängten Espeletien, dann verwandeln sich ganze Berghänge in ein Meer großer gelber Blumen, das nur von den in Serpentinen über die Pässe führende Straßen durchtrennt wird. Auf unserer Wanderung haben wir alle Wachstumsphasen erlebt und natürlich fotografiert. 54 Arten wachsen in Venezuela, davon die meisten im Andenbereich.
Das Wetter war umgeschlagen. Es war sehr kalt ge¬worden. Nach kurzer Fahrt erreichten wir eine Condorstation, in der drei Tiere im Gehege gehalten wurden.
Auf einer Höhe von 3.500 m, im Restaurant Mucubaji, stärkten wir uns für unsere Wanderung. Eine „kleine Wanderung“ sagte Luis! Wir waren zwei Stunden in dieser typischen Hochgebirgsvegetation unterwegs. Außer uns, gab es nur Natur. Es war einmalig schön. Der Waldboden war durch den starken Regen aufgeweicht und machte den Abgang bis zur Laguna Victoria recht beschwerlich. Aber wir haben uns gegenseitig geholfen und wurden am Ende mit einem weiteren Höhepunkt belohnt.
Der Mucubaji ist der größte von rund 200 Gletscherseen im Bundesstaat Merida. Er lag spiegelglatt, umringt von Wald und Wiesen, im Nachmittagslicht. Stuten und Fohlen grasten ruhig in der unberührten Landschaft, nur Vogellaute durchbrachen die Stille. Wir folgten dem Rio Santo Domingo der hier entspringt und gelangten zur Straße, an dem uns unser Bus erwartete. Erschöpft aber zufrieden kamen wir in unserem Hotel Los Frailes, an. Im landschaftlich schönsten Teil des Santo Damingo-Tals liegt das romantische Hotel.

Der strahlendweiße Glockenturm des ehemaligen Klosters leuchtete schon in der Ferne. Das malerisch in der Einsamkeit der Berge liegende Gebäude wurde 1642 als Klosteranlage gebaut. Den Innenhof ziert ein Springbrunnen, um den sich die Gästegebäude ranken, die ehemals Schlafstätten der Mönche waren.
Nach einem heißen Bad versammelten wir uns in der Bar zum Begrüßungstrunk. In dem großen, zum Restaurant umgestalteten Raum nahmen wir ein sehr gutes Abendessen ein und in der Bar den „Absacker“.

16.06.2009
Um 7.30 Uhr gab es Frühstück. Beim letzten Rundgang im strahlenden Sonnenschein beobachteten wir unzählige Kolibris. Wir setzten unsere Fahrt fort, durch das Tal von Arakey, vorbei an Santo Domingo und Los Piedras. In Richtung Barinas gelangten wir nach wenigen Kilometern zum Aussichtspunkt, von dem der Staudamm des Complejo Hidroelectrico Jose Antonio Paez zu überblicken ist, an dem die Flüsse Arakey und Santo Domingo zusammenfließen.
Danach fuhren wir über Barinitas (Ende der An¬den) zum Flughafen. Die Sonne knallte ganz schön und machte uns träge. Bei Punta Gardas begeisterten uns die Teakholzalleen, die in voller Blüte standen.
Über San Sivestre am Fluß Pagney gelangten wir wieder nach Barinas und zur Hacienda Santa Maria, unser Quartier für eine Nacht. Die Hacienda lag wunderschön in einem großen Park. Prachtvolle Palmen, Sternfrüchte, Greifvögel und Aras erblickten wir vor unserer Haustür.

Nach der Zimmerverteilung unternahmen wir eine zweistündige Fahrt mit einem Lkw, um die Tiere auf der 3.500 ha großen Farm zu beobachten. Wir befanden uns in den Llanos altos, die im Norden an die venezolanischen Anden grenzen. Sie liegen meist auf 100-200 m Höhe und werden nicht überschwemmt. Barinas liegt in dieser Zone. Die Wälder der Llanos altos sind für die Holzindustrie von großer Bedeutung, und die Stadt Barinas ist ein wichtiges landwirtschaftliches Zentrum. Hier liegen die größten Ackerbaugebiete Venezuelas. Für uns war die Größe der Farmen (Hatos) unvorstellbar. Flächen so groß wie unsere Landkreise sind eher die Regel als die Ausnahme. Eine große Herde Rinder stampfte über den staubigen Weg und wurde vom Llanero auf die Weide getrieben.
Von den Säugetieren waren die Wasserschweine am häufigsten zu sehen. Sie sind die größten Nagetiere der Welt und können über 1m lang und 70 kg schwer werden. Sie suchen ihre Nahrung vorwiegend in den Morgen- und Abendstunden an Land und verbringen die restliche Zeit im Wasser, wohin sie auch bei Gefahr flüchten. Sie können bis zu 10 Minuten tauchen und hervorragend schwimmen. Vor allem in der Woche vor Ostern werden sie gejagt, weil ihr Fleisch als Fastennahrung in der Karwoche gegessen wird. Man glaubt nämlich, dass das Fleisch eines im Wasser lebenden Tieres das kirchliche Fastengebot erfüllt (aus dem gleichen Grund wurden früher in Europa Biber gejagt). Zum Abendessen gab es auch Fleisch vom Wasserschwein. Es schmeckte ganz gut, war aber sehr trocken.

17.06.2009
Wir verließen Barinas und flogen nach Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, und landeten auf dem Flughafen Maiquetia. Die Hauptstadt liegt in knapp 1.000 m Höhe in einem lang gestreckten Tal der Küstenkordillere. Die Einwohnerzahl wird auf ca. 7 Millionen geschätzt. Das Caracas der Gegenwart ist eine wuchernde, alles andere als idyllische Großstadt. 1567 gründeten die Spanier die Stadt. 1755 und 1812 zerstörten schwere Erdbeben einen Großteil der alten Gebäude. Im Schachbrettmuster wurden Teile der Altstadt wieder aufgebaut. Weit nach Nordosten erstreckt sich die Neustadt, die aus Caracas eine der modernsten Großstädte Südamerikas gemacht hat. Jedoch durchziehen die Hütten der armen Bevölkerung, wie in kaum einer anderen Metropole des Kontinents, die Viertel der Wohlhabenden. Kein schöner Anblick für Besucher.

Der Straßenverkehr war enorm, dennoch erreichten wir den sehr besuchenswerten Parque de los Proceres, mit den mächtigen Pylonen, auf denen in kunstvoller Reliefarbeit Szenen aus den Freiheitskämpfen dargestellt sind. Eine Statuengalerie ihrer Helden ergänzt das Bild.
Wir fuhren hinauf zur Oberstadt, um von dort aus einen Überblick über die Stadt zu bekommen. Wir waren von dem Ausmaß sehr beeindruckt. Nach dem Mittagessen begaben wir uns in die Altstadt.
An der Plaza El Venezolano steht die Casa Natal de Bolivar, das Geburtshaus von Simon Bolivar, in dem er am 24. Juli 1783 das Licht der Welt erblickte.

Er verließ das Stadthaus seiner wohlhabenden Familie 1799, um den damals in diesen Kreisen üblichen Bildungsurlaub in Spanien anzutreten. Die Bolivars trennten sich sieben Jahre später von diesem Haus.1806 verkauften die Erben das Haus. Nachdem es mehrere Male den Besitzer gewechselt hatte und sich in einem desolaten Zustand befand, wurde es von einer Gesellschaft gekauft. Zu Beginn des 20. Jh. ließ der Diktator Gomez das Anwesen nach den alten Entwürfen errichten. Es zeigt heute wieder ein typisches Kolonialhaus, mit den vergitterten Außenfenstern und einem prachtvollen Portal.
Die zu sehenden Einrichtungsgegenstände waren nur zu einem Teil im Besitz der Familie Bolivar, stammen aber alle aus der spät¬kolonialen Epoche. Der bekannte Maler Tilo Salas hat einige der Wände des Hauses mit wichtigen Szenen aus dem Leben Simon Bolivars ausgestattet.

Im Gebäude Concejo Municipal (Rathaus) war einst eine höhere Schule untergebracht, später ein philologisches und theologisches Seminar für junge Männer, eine Art Universität für Reiche, die weiß, christlich und unbescholten sein mussten.

Die Casa Amarilla (gelbes Haus) er¬hielt ihren Namen in den ersten Jahren der Republik, als man sie mit dieser freundlichen Farbe anstrich, um ihre dunkle Geschichte als königliches Gefängnis vergessen zu machen.
Die Kathedrale errichtete man 1594 an der Stelle einer schlichten Kapelle aus „Adobe-Ziegeln“ doch wurde sie wie die meisten anderen Kolonialbauten durch mehrere Erdbeben zerstört und anschließend wieder aufgebaut.

In der vierten Seitenkapelle, der Grabkapelle der Familie von Simon Bolivar, sind seine Eltern und seine Frau beigesetzt; die Gebeine des Befreiers ruhten einige Jahre in der Krypta, bevor sie 1876 in das Panteon überführt wurden.

Der Mittelpunkt der Altstadt ist der Plaza Bolivar, der mit einem Reiterstandbild für Simon Bolivar 1874 geschmückt ist.
Der Platz wechselte in den vergangenen Jahrhunderten mehrmals Namen und Funktionen. Er war Markt- und Exerzierplatz, Ort religiöser und profaner Festlichkeiten und erlebte die erste öffentliche Verkündung der Verfassung des unabhängigen Venezuelas. Seine endgültige Bezeichnung erhielt der Platz 1883, zum 100. Geburtstag des Befreiers.

Im Panteon Nacional sind Wegbereiter und Helden der Befreiungskriege und andere nationale Berühmtheiten beigesetzt. Die Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit, die hier einst stand, wurde durch das große Erdbeben von 1812 völlig zerstört. Die überlebensgroße Statue Bolivars im Mittelschiff fertigte der Italiener Pietro Tenerani an. Die rechte Hand auf dem Herzen symbolisiert die Reinheit des Gewissens und der Lorbeer in der linken Hand Lohn und Ruhm für Tapferkeit, die rechte Freiheit. Die drei Figuren des Reliefs repräsentieren die drei befreiten Staaten Venezuela, Kolumbien und Ecuador.

Auf dem Weg zum Hotel fuhren wir durch die Vollmerstraße, in der Nachkommen der Familie Vollmer eine Bäckerei betreiben. Am späten Nachmittag ging es dann zu unserem Hotel Avila, wo wir 1994 schon einmal übernachtet hatten.

18.6.2009
Um 6.30 Uhr fuhren wir zum Flughafen, um 8.40 Uhr sollte unser Flieger starten. Doch unsere Ge-duld wurde auf eine große Probe gestellt. Endlich um 13.30 Uhr hatte das Warten ein Ende. Eine klei¬ne Maschine, mit 19 Sitzen, brachte uns nach Carupano. Herr Müller, der seit ca. 30 Jahren dort lebt, hat uns auf der Hazienda Vuelta Zarga empfangen. Beim Mittagessen erfuhren wir von seinem Pro¬jekt der Wiederaufforstung, das er vor 20 Jahren begann.
Wir bestiegen einen Lastwagen und fuhren zur Küste und in die Bucht Playa de Uva. Die Fahrt dort¬hin war mehr als abenteuerlich. Wir wurden kräftig durchgeschüttelt, und der aufwirbelnde Staub der Straße hüllte die kleinen Dörfer, die wir passierten, in dicke Schwaden ein.
Die Posada Playa de Uva, unsere Unterkunft für eine Nacht, war traumhaft. Ein luxuriöses Camp mit kleinem Pool und Privatstrand (auch wenn es so etwas in Venezuela eigentlich nicht gibt). Noch besser war das Bad in der Karibik, wo die Wellen über unseren Köpfen zusammenschlugen. Als wir das Meer verließen, brachte uns der Kellner einen Cocktail, den wir so richtig genossen.

19.06.2009
um 6.30 Uhr machten wir einen Spaziergang in die nächste Bucht. Es war ein Traum. Meer, blauer Himmel, Palmen und wir – nur wir. Wir genossen die Ruhe an diesem Morgen. Nach dem Frühstück hieß es Abschied nehmen von diesem idyllischen Ort.
Wir verließen unser Camp, und unterwegs nahmen wir Claus Müller wieder auf. Mit ihm unternahmen wir eine Wanderung in die Serrania de Paria. Der Paria-Nationalpark ist eine vogelreiche Bergwelt mit tropischen Primärregenwäldern. Auf einer Anhöhe bekamen wir einen Überblick und Erläuterungen über „sein Werk“. Die Vegetation mit gigantischen Bambusstauden, riesenhaften Kastanienbäumen, Bromelien, Helikonien und Orchideen ist von einer außergewöhnlichen Pracht und Üppigkeit.

Im privaten Wäldchen einer alten Frau pflückten wir eine reife Kakaofrucht, und Claus Müller erklärte und die Verarbeitung der Früchte, von der Ernte bis zur Trocknung. Wir fuhren weiter bis zur Ortschaft Tuna¬pui, und bogen ab zur Finca Vuelta Larga. Claus Müller ist der Besitzer dieses Anwesens, welches er nach ökologischen Gesichtspunkten gebaut hat. Er widmet sein Leben der Aufforstung von Feuchtsavannen und der Auswilderung von bedrohten Tierarten. Ein großer Spaziergang mit vielen Erklärungen, dann mussten wir von ihm Abschied nehmen.
Die Paria-Halbinsel ist ein weithin bekannter Ort für Ornithologen aus aller Welt. Daniel Müller, ein Sohn von Claus, ist ein anerkannter Vogelkenner, der Führungen mit Touristen unternimmt.
Weiter ging es auf der Humboldtroute nach Carupano. Wir hatten wieder das Meer erreicht, das klar und blau hohe Wellen an den Strand schwappen ließ.
Der Ort hat 180 000 Einwohner. In der Casa del Cable (Kabelhaus) befand sich Ende des 19. Jh. das für die Kommunikation mit Europa zuständige Büro, denn von hier verlief das erste unterseeische Kommunikationskabel zwischen dem alten und dem neuen Kontinent; eine Direktverbindung von Carupano nach Marseille. Vier sehr interessante Nationalparks befinden sich in unmittelbarer Nähe der Stadt.
Weiter auf der Hauptstraße gelangten wir nach Santa Cruz de Bucaral, und bald hinter Santa Maria erreichte die Straße eine Höhe von über 1000 m, von dort aus sieht man den höchsten Berg der Serrania de Turimiquire, den Cerro Negro (2800m). Humboldt schrieb dazu: „Der Wald, der den steilen Abhang des Berges von Santa Maria bedeckt, ist einer der dichtesten, die ich je gesehen.“

„Der Wald, der den steilen Abhang des Berges von Santa Maria bedeckt, ist einer der dichtesten, die ich je gesehen.“

Alexander von Humboldt zum Cerro Negro


Wir waren wieder sehr spät dran, als wir zur Kaffeeplantage kamen. Den Weg dorthin brauchten wir nicht suchen; der Duft des Kaffees zeigte ihn uns. Wir besichtigten die Plantage, bewunderten den leuchtend rot blühenden Korallenbaum, der oft als Schattenbaum auf den Kaffeeplantagen gepflanzt wird.
Danach eine Besichtigung vom Rohkaffee bis zur fertig gebrannten Bohne, und natürlich der Kauf für die Lieben daheim. (Zuhause hat der Kaffee nicht mehr geschmeckt).
Bevor wir zu unserem „Hotel“ in Caripe fuhren, machten wir einen Abstecher zur Höhle. Es war bereits dunkel geworden und tausende der Fettschwalme hatten die Höhle verlassen und verdunkelten den Himmel. Es war unheimlich und erinnerte an die „Vögel von Hitchcock“. Unser Hotel war sehr einfach, aber für eine Nacht ausreichend.

20.06.2009
Nach dem Frühstück, um 6.30 Uhr, fuhren wir zum Cueva del Guacharo, dem größten Höhlensystem Venezuelas. Inmitten einer abwechslungsreichen Gebirgslandschaft liegt die Höhle, die mit einer (bekannten) Gesamtlänge von über 10 km angegeben wird.
Allerdings machen weniger die Tropfsteinformationen oder die Größe diesen Ort so einzigartig, sondern das massenhafte Vorkommen der eigentümlichen Fettschwalme (Guacharos). Man schätzt, dass mehr als 30.000 Fettschwalme die Höhle bewohnen. Ihren Namen verdanken diese mit rund 1 m Spannweite recht großen Vögel der Tatsache, dass das Fettgewebe der jungen Tiere in früheren Jahren von den Chaima-Indianern der Umgebung zur Ölgewinnung genutzt wurde. Allerdings wagten sich die Indianer nur in den vordersten Teil der Höhle, denn für sie lag in den hinteren Höhlenteilen der Eingang zur Hölle.


Der Eingang der Höhle ist 28 m breit und 23 m hoch. Die Höhle ist heute als „Monumento Natural Alejandro de Humboldt“ geschützt und die Umgebung insgesamt über 15.500 ha, wurde zum Nationalpark erklärt. Man schätzt, dass es in Venezuela noch etwa 30 weitere Höhlen gibt, die Fettschwalme beherbergen.
Seit 1658 war die Höhle den Spaniern bekannt, und im Jahr 1799 beobachtete Alexander von Humboldt die „Ernte“ der jungen Fettschwalme. Ihr Bauchfett ist stark mit Fett durchwachsen, und eine Fettschicht läuft vom Unterleib zum After und bildet zwischen den Beinen des Vogels eine Art Knopf. Dieses Fett ist unter dem Namen Guacharoschmalz oder -öl bekannt; es ist halbflüssig, hell und geruchslos. Es ist so rein, dass man es länger als ein Jahr aufbewahren kann, ohne dass es ranzig wird. In der Klosterküche zu Caripe wurde kein anderes Fett gebraucht, als das aus der Höhle.
Heute sind die Vögel geschützt, das Interesse an ihnen besteht aber weiter. Die Fettschwalme besitzt nämlich ein einzigartiges Ortungssystem, das ähnlich wie die Ultraschallortung der Fledermäuse funktioniert. Im Gegensatz zu den Ultraschallsignalen der Fledermäuse ist der Klicklaut, den die Vögel zur Ortung verwenden, auch für den Menschen hörbar. Die Fettschwalme nutzen dieses System sowohl um sich in der Dunkelheit der Höhle zurecht zu finden, als auch um nachts ihre Nahrung zu suchen. Sie sind die einzigen nachtaktiven Vögel, die sich von Früchten ernähren. Licht brauchen sie zur Nahrungssuche nicht, sie meiden es sogar. So scheiterten Versuche, die Höhle mit Lampen zu beleuchten, da die Vögel daraufhin ihre Nester verließen. Wir mussten uns mit der Taschenlampe des Führers begnügen, was sehr beschwerlich war. Wegen der Ausscheidungen der Vögel ist es in der Höhle dreckig und besonders nach Regenfällen sehr rutschig. Die totale Finsternis, der Gestank, das Kreischen der Tiere und der rutschige Weg waren uns unheimlich.
Vorbei an einem Stausee, der nur wenig Wasser hatte, gelangten wir nach Maturin, der Hauptstadt Monagas. Nun war es nicht mehr weit bis zum Anleger, wo ein Boot auf uns wartete, um uns zum Orinoco-Dschungelcamp zu bringen.
Zwei Stunden dauerte die Bootsfahrt bis zu unserem Dschungelcamp im Orinoco-Delta. Der Orinoco ist der drittgrößte Fluss Südamerikas und der achtgrößte der Welt. Er entspringt im Inneren des venezolanischen Amazonasterritoriums und fließt dann 2.500 km in einem weiten Bogen quer durch Venezuela. Mit seinen Nebenflüssen entwässert er eine Fläche, die fast dreimal so groß ist wie Deutschland. Das Einzugsgebiet umfasst, neben dem Großteil Venezuelas, auch weite Gebiete des kolumbianischen Tieflandes. Nordöstlich von Ciudad Bolivar fächert sich der Orinoco in ein über 250 km breites Delta auf. Rund 18.000 m³ Wasser pro Sekunde ergießen sich in den Atlantik. Der Rio Grande ist mit einer maximalen Breite von 28 km der Hauptmündungsarm des Orinoco. Das ganze Delta ist von einem Gewirr aus Kanälen durchzogen und kaum besiedelt. Zu den Bewohnern des Deltas gehören rund 15.000 Warao-Indianer, die schon seit Jahrhunderten dort leben. Sie sind in ihrem Lebensstil ganz an das nasse Element angepasst; nicht umsonst bedeutet ihr Name soviel wie „die in Booten leben“. Der zentrale Teil des Orinoco-Deltas ist noch weitgehend unberührt.


Im Delta gibt es zwei Hauptvegetationstypen: zum einen bis 25 m hohe Regenwälder, zum anderen niedrige Strauch- und Krautgesellschaften. Da wir jedoch auf dem Kanal reisten, sahen wir nur die ans Wasser angrenzenden Zonen. Auffallend waren die vielen Palmen in den Wäldern. Die geernteten Palmherzen sind eine der wichtigsten Lebensgrundlagen der Warao-Indianer. Aus den Fasern der jungen Blätter fertigen sie Gefäße und Hängematten. Nicht zu übersehen waren die 3-4 m hohen Aronstabgewächse.


Sie bilden regelrechte Monokulturen entlang der Kanäle. Die mit dem Kuckuck verwandten Hoatzins ernähren sich ausschließlich von den Blättern dieser Pflanzen. Dieser interessante Vogel wohnt immer an den Flußläufen und ist der Charaktervogel des Deltas. Seine Größe und Aussehen erinnern etwas an ein altertümliches Huhn. Mehrere hundert Vogelarten gibt es im Orinoco-Delta. Besonders häufig sind Wasservögel wie Eisvögel, Reiher und Ibisse. Begeistert waren wir von den Affen. Sie schwangen sich von Ast zu Ast und beobachteten uns ganz neugierig.
Schwimmpflanzen, vor allem Wasserhyazinthen, Wasserkohl und die kleinen, runden Blätter des Schwimmfarns trieben auf der Wasseroberfläche. Ebenso üppig blühten die Puderquastensträucher. Ihre zarten rosafarbenen Quasten bewegten sich dezent im lauen Lüftchen. Die Landschaft war zu schön, um sie richtig beschreiben zu können.
Im Camp wurden wir schon erwartet. Die Zimmer waren geräu¬mig und luftig. Die Temperaturen sehr hoch, ebenso die Luftfeuchtigkeit. Das Wasser wurde aus dem Fluß hochgepumpt und war dank des Generators immer verfügbar.

Nach dem Abendessen fuhren wir noch einmal mit dem Boot hinaus, um einen wunderschönen Sonnenuntergang erleben zu können. Luis hatte für das Nötigste gesorgt: Es gab Cuba libre!

21.06.2009
Um 8 Uhr gab es Frühstück. Wie jeden Tag herrliche frisch gepresste Säfte, Obst und die täglichen Maisfladen. Um 9 Uhr gingen wir wieder zum Boot, denn wir wollten mit Luis und einem Führer eine Wanderung durch den Dschungel unternehmen. Mit ei¬ner Machete bewaffnet gingen wir durch das undurchsichtige Gelände. Schweißgebadet kamen wir zum Steg und bestiegen unser Boot. Nach dem Mittagessen bestiegen wir ein weiteres Mal das Boot, um Piranas zu fischen. Sie leben in den Flüssen des südlichen Regenwaldes und den Llanos. Mit mehreren Angeln und Fleisch bewaffnet versuchten wir unser Glück. Es war nicht ganz einfach, denn sie fraßen geschickt das Fleisch vom Haken ohne sich angeln zu lassen. Einige haben aber doch dran glauben müssen. Zum Abschluss erlebten wir noch das Schauspiel der Flußdelphine. Die scheuen Tiere hielten sich eine ganze Weile in der Nähe unseres Bootes auf. Sie machten uns die Betrachtung nicht leicht, denn flink schwammen sie davon, um an der anderen Seite wieder aufzutauchen.

Der Tag war schön. Im Camp angekommen machten wir uns zum Abendessen fertig. Im Badezimmer saß oben auf dem Balken eine große Kröte die mit riesigen Augen hinter schaute. Das Personal holte sie vom Balken, denn uns war das Tier nicht geheuer.

22.06.2009
Um 7 Uhr haben wir unser Dschungelkamp verlas¬sen. Mit dem Boot ging es noch einmal 1 ½ Stunden durch diese wunderschöne Wasserwelt, danach mit unserem Bus weiter nach Maturin und dann weiter zum Flughafen Puerto Ordaz.
Die Straße führte entlang an großen Plantagen der Karibischen Kiefer, die zur Papierherstellung in diversen Bundesstaaten angepflanzt wird. Ebenso wurden die Straßenränder von Cashewsträucher und Säulenkakteen gesäumt.
Wir befanden uns in Ciudad Guayana, das erst seit 1961 besteht und das wichtigste Schwerindustriezentrum Venezuelas ist.
Bauxit – und vor allem die gigantischen Eisenerzvorkommen am Unterlauf des Rio Caroni machen das Gebiet so bedeutsam. Aus dem Zusammenschluss der Orte Puerto Ordaz und San Felix wurde die Bezeichnung Ciudad Guayana, mit ca. 1,3 Millionen Menschen. Wir überquerten den Orinoco auf einer neuen sehr imposanten Brücke und gelangten zum Flughafen.


Dann starteten wir mit einer kleinen Cessna und überflogen den Curi Stausee, der der zweitgrößte der Welt ist und vom Rio Caroni gespeist wird. Der Schwarzwasserfluß Rio Caroni verdankt seine dunkle Färbung Humusstoffen. Er entwässert riesige Sumpfwälder, in denen keine richtige Humusbildung stattfindet. Die Vorstufen der Humussubstanzen werden ausgewaschen und färben die Flüsse kaffeebraun.

Der Flug über den Stausee war gewaltig; ich glaubte mich über dem Meer mit vielen kleinen Inseln. In Canaima sind wir zwischengelandet, kauften Postkarten und flogen dann unserem Etappenziel entgegen. Ein erster Blick über die Canaima-Wasserfälle versetzte uns in schiere Begeisterung.
Das Landen war nicht ganz einfach, denn das Rollfeld bestand aus einer kurzen Sandbahn mit wenig Ausrollmöglichkeit. Der Pilot war aber sehr erfahren, was uns beruhigte. Es hatte leichten Regen gegeben, der aber bis zur Landung aufgehört hatte.
Wir waren an unserem Ziel, dem Arekuna-Camp. Mit unserem Gepäck stiegen wir zum Camp hinauf. Es lag wunderschön auf einer Anhöhe und erlaubte uns einen weiten Blick auf den Antabares-Fluss und seine tropische Umgebung.

Nach dem Bezug unserer Zimmer und dem Mittagessen, gingen wir zum Boot hinunter und fuhren zu den Los Babas Wasserfällen. Unser Boot wurde an ein Stahlseil angeschlossen, um nicht in den Wasserfall gezogen zu werden. Wir hangelten uns bis zu einer Stelle, wo das Aussteigen möglich wurde. Nun kannte unsere Begeisterung keine Grenzen. Es war abenteuerlich und wunderschön.

Dieses Gebiet ist eines der eigentümlichsten Landschaften im Süden Venezuelas. Sie ist von unzähligen wasserreichen Flüssen durchzogen und teils von Grassteppen, teils von Dschungel bedeckt. Sie ist nahezu menschenleer.

Die gelb blühende, röhrenförmige Broccinia-Bromelie wächst nur in der Gran Sabana. Besonders auffällig war das Bulbostylis-Gras, das nur nach Bränden blüht. Die Stockschöpfe dieser Art wachsen vor allem in flachen Senken. Bis heute ist sich die Wissenschaft noch nicht sicher, ob die Grasflächen der Gran Sabana natürlichen Ursprungs sind, oder ob sie durch Abrodung des Waldes durch die Indianer entstanden sind.

Wir wechselten noch auf die andere Seite des Wassers, kamen an einer Indianerbehausung vorbei, genossen noch einen Blick auf den Wasserfall und begaben uns zum Camp zurück.
Von der Terrasse blickten wir aufs Wasser, beobachteten die grandiose Wolkenbildung und den heftigen Tropenregen der hernieder prasselte. Das Schauspiel genossen wir bei einem Cuba libre und kleinen Snaks, die uns der Koch zubereitet hatte.

Um 20 Uhr gab es ein tolles Abendessen. Der Koch verwöhnte uns; er übertraf sich täglich. Wir waren die einzigen Gäste, an denen er seine ganze Kochkunst ausließ. Toll für uns. Nach dem Regen wurden unzählige Ameisen flügge. Sie schwärmen nicht nur auf der Terrasse, sie hatten auch unsere Zimmer bevölkert. Sehr lästig, denn wir mußten vor dem Zubettgehen die Betten von den Flügeln usw. befreien.

23.06.2009
Es war heiß und schwül. Der „Spaziergang“ zum Cano Guariche und seinem Wasserfall war mir zu anstrengend. Ich genoss die Einsamkeit im Camp und die Schönheit der Berg- und Wasserwelt. Später hatte es sich herausgestellt, dass es eine gute Entscheidung war. Gegen Mittag zog erneut ein heftiger Tropenregen auf. Wir flüchteten in unser Zimmer, weil die Terrasse überschwemmt wurde.
Gegen 15 Uhr kamen die Mutigen völlig durchnässt zurück. Sie erzählten uns, dass sie durch knietiefes Wasser gelaufen sind, über Geröll klettern mussten und nur Halt an einem Drahtseil fanden. Die Strapazen waren ihnen anzusehen, aber auch die Begeisterung über dieses Abenteuer.
Am Abend hatten wir uns schon von Luis verabschiedet. Er begleitete uns nur bis zur Insel Margarita und flog dann nach Hause.

24.06.2009
Am Morgen bestiegen wir ein letztes Mal das Boot und fuhren auf dem Antabaresfluß, vorbei an tosenden Wasserschnellen, um ein Indianerdorf zu besuchen. Das Dorf war aber nicht so interessant, um dort länger zu verweilen. So fuhren wir zum Camp zurück, aßen ein letztes Mal auf der Terrasse zu Mittag und holten unsere Reisetaschen für den Abflug.
Der Flug musste aufgeteilt werden. Die Piste war zu kurz um unsere Reisegruppe in einem Flug transportieren zu können. Bis auf den letzten Zentimeter wurde die Startbahn ausgenutzt, damit das Flugzeug auch wirklich abheben konnte.


Ein kurzer Flug, dann landeten wir in Canaima. Canaima liegt in der unberührten Dschungellandschaft des gleichnamigen Nationalparks im Guayana-Berg¬land und kann nur mit dem Flugzeug erreicht werden. Ein kurzer Fußweg bis zum Rio Carrao, dort bestiegen wir ein Boot, um zum Salto El Sapo zu fahren. Es bestand die Möglichkeit eine Wanderung auf einem schmalen Pfad zu machen, der hinter dem Wasserfall entlang führt. Große Lust verspürte keiner. Wir fuhren nur mit dem Boot bis zum gewaltigen Salto El Sapo, an dem uns ein heftiger Regenschauer ereilte. Wir brauchten also nicht hinter den Wasserfall zu gehen um nass zu werden, der Regenschauer hatte es auch erreicht. Wir waren naß bis auf die Haut. Die Sonne war aber schnell wieder zur Stelle und trocknete uns ein wenig ab.

Zurück zum Flugzeug, dann drehten wir unsere Runde über die Tafelberge die vor 70 Millionen Jahren entstanden sind, als der Boden eines flachen Meeres emporgehoben wurde. Die Hochebene Gran Sabana ist das Land der Tafelberge und der tausend Wasserfälle. Die Vegetation auf ihren Gipfeln ist einzigartig: In den Spalten des vom tropischen Regen blank gewaschenen Felsplateaus wachsen Bromelien und Farne. Wissenschaftler schätzen, dass 70 Prozent der Pflanzen auf den Tafelbergen endemisch sind.

Der Höhepunkt dieses Fluges war das Überfliegen des Salto Angel. Der Salto Angel ist der höchste Wasserfall der Erde. Jimmy Angel (ein Buschpilot aus Missouri) hatte 1936 diesen Wasserfall entdeckt. Als er ein Jahr später zurückkehrte, musste er auf dem Plateau des Auyan-Tepui (2.400 m), von dem der Angel Fall knapp 1.000 m in die Tiefe stürzt, notlanden. Doch gelang es ihm und seinen Begleitern, sich zu retten.

Nach diesen einmaligen Eindrücken starteten wir zu unserer letzten Etappe, zur Insel Margarita. Unser Hotel Flamboian in Polamar lag weit von der Stadt entfernt. Ein Hotel zum Ausspannen und die Erlebnisse der vergangenen Tage nachwirken zu lassen. Wir ließen den Abend feucht-fröhlich ausklingen. Die Luft war so schön und die Stimmung ausgelassen.

25.06. und 26.06.2009
Unser Hotel war genau das Gegenteil von dem, was wir auf der Tour erlebt hatten: „All inclusive“. Das heißt: „Faul von morgens bis abends“. Es war aber auch sehr heiß, also kein Vergnügen sich zu betätigen. Wir verbrachten den Tag am Strand. Sonnenschirme und Liegen waren ausreichend vorhanden, und ein kühles Bad in der Karibik tat sehr gut. Ein Einkaufsbummel durch den Ort, dann waren wir schon wieder strandreif.

Verkäufer die Schmuck, Tücher usw. an den Mann bringen wollten belästigten uns sehr stark. Am Nachmittag wurden wir zum Flughafen nach Polamar gebracht. Auf dem Flughafen war richtig was los. Schubweise wurden wir eingelassen und gründlich durchsucht. Alle Koffer mussten geöffnet werden. Ich hatte das Pech, mein Koffer wurde restlos ausgeräumt; aber erfolglos. Keine Drogen! Eine so scharfe Kontrolle hatte ich bisher noch auf keiner Reise erlebt.
Am 27.06.2009 landeten wir am frühen Nachmittag in Frankfurt. Gegen Abend waren wir wieder gesund und munter in Paderborn.

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