Diplomat, Autor, Reisender und angesehener Augenarzt

Artikel im Aufbau – Material und Autoren gesucht

Wulf Becker in einem Interview von 2017 zu Julius Mannhardt, seiner Frau und den Eltern seiner Frau. Auch die Beziehung zum südamerikanischen Freiheitshelden Simon Bolivar wird erklärt.

Diese Veröffentlichung wurde durch die Arbeit von Michael, Doris und Wulf Becker möglich

Unter anderem sollen die Themen behandelt werden:

Julius Mannhardt und Theodor Storm

Rolle Mannhardts im Italienisch-französischen Krieg (???)

Mannhardt als Autor: Die Bäder von Lucca; Buch über Moral

Reise nach Südamerika zum Besuch bei den Verwandten in Caracas, etc…

Dieser Text hat einen unbekannten Verfasser. Es ist im Familienbrief Heft 14 von 2005 erschienen.

Das Jahr 1861 brachte meinen Eltern eine große Sorge um ihren Sohn Carl. Die Knaben in seinem Institut waren zur Beobachtung einer Sonnenfinsternis zusammengerufen worden. In Papierstücke sollten sie mit ihren Stahlfedern ein Loch stechen, für Betrachtung des Hergangs unter Ausschaltung des dafür störenden Tageslichtes. In der Unruhe dieses Haufens aufgeregter Knaben wandte Carl seinen Kopf hastig rückwärts. Im gleichen Augenblick erhielt sein Hintermann einen solchen Stoß, daß dessen in Kopfhöhe gehaltene Feder Carl ins Auge traf.
Sofort wurde Dr. Julius Mannhardt von meinen Eltern hinzugezogen. Er war ihnen durch seine Verwandtschaft mit Hudtwalckers und als Hilfsarzt in der letzten Krankheit von Großmama Chamot vertraut. Während meine Eltern anfänglich den völligen Verlust des Auges befürchten mußten, gelang es Mannhardt’s aufopfernder Sorgfalt, in langwieriger Behandlung das Äußere des Auges auch in seiner Beweglichkeit zu erhalten. Die allerdings unheilbar eingeschränkte Sehkraft konnte nur durch vermindertes Ausdrucksvermögen bemerkt werden.

Julius Mannhardt auf Wikipedia

Die Dankbarkeit meiner Eltern verstärkte noch die nahen Beziehungen, welche sie mit dem erfolgreichen Arzt und seiner ihm am 20. Oktober 1860 angetrauten, sogleich die Herzen erobernden jungen Frau Mathilde, geb. Vollmer, verbanden. Sie mögen rechtfertigen, daß der bewegte Lebenslauf dieser Freunde in Verbindung mit dem ihnen als Untergrund dienenden Gut Hanerau bei Hademarschen hier eingeschaltet wird.

Johann Wilhelm 1760-1831
Der Großvater von Julius Mannhardt, Johann Wilhelm (geb. Kleinheppach/Wttmbg. 14.02.1760, gest. Hanerau 20.11.1831), ein sehr befähigter Mann, wurde nach Absolvierung seines Examens als Magister der Theologie in Stuttgart, in die Familie des Altonaer Großkaufmanns Jacob Gysbert van der Smissen 1780 als Hauslehrer aufgenommen, wo er sich große Beliebtheit erwarb. Nach seiner Heirat mit der ältesten Tochter Anna (geb. 8.11.1771, gest. 20.2.1843) am 2. Mai 1795 stellte er sich, inzwischen genügend dafür vorbereitet, endgültig auf den landwirtschaftlichen Beruf ein. Sein damals sehr reicher Schwiegervater erwarb ihm 1798 das Gut Hanerau, für den Kaufpreis von Courantmark 675.000. Vom schwiegerväterlichen Geld wurden in den folgenden Jahren für Zukauf und Ameliorationen noch fast ebenso erhebliche Summen hineingesteckt.

Wilhelm
Einer seiner Söhne, Wilhelm, verheiratete sich 1831 mit Charlotte, Amalie Höpfner (geb. Uetersen 14.8.1809, gest. Hanerau 30.4.1884), als Tochter des Klosterpredigers Höpfner in Uetersen und seiner Frau Charlotte Amalie geb. Hudtwalcker, einer Schwester von meines Vaters Stiefmutter, welchem Mannhardt’schen Paar in Hanerau am 5.2.1834 der Sohn Julius geboren wurde, gestorben Hanerau 24.11.1893.

Ein Gedicht von Theodor Storm auf Ines, die Frau von Julius
Sie saß in unserem Mädchenkreise,
ein Stern am Frauenfirmament,
Sie sprach in ihres Volkes Weise
nur leis mit klagendem Akzent.
Du hörtest niemals Heimverlangen
den stolzen Mund der schönen Frau,
Nur auf den süßen blassen Wangen
und über der gewölbten Brau
Lag noch Granadas Mondenschimmer
und ihre Augen dachten immer
An ihr beglänztes Heimatland.

Julius als Arzt
Julius Mannhardt gehört ohne Zweifel zu den bedeutenden, man kann wohl sagen, genialen, aber schwierigen Persönlichkeiten. In seinem Charakter wohnten Opferfreudigkeit und Eigenwillen, abenteuernder Sinn, Großzügigkeit, Gemütstiefe und schroffe Art unvermittelt nebeneinander. Als einer der befähigsten Schüler der Autoritäten in der Augenheilkunde, des Professors von Graefe in Berlin und des holländischen Professors Donders hatte er sich als Spezialarzt in diesem Fache in Hamburg aufgetan. Auf ein besonderes Fach sich konzentrierende Ärzte waren damals ja eine neue Erscheinung, ein Dorn im Auge mancher der bisherigen landläufigen Ärzte „für alles“, die von allem, nicht alles verstanden. Der wahrgenommenen Mißgunst gegenüber, vertrat Mannhardt mit herrischem Bewußtsein seine Kenntnis neuester Errungenschaften auf ärztlichem Fachgebiet und seine sich darauf gründenden Erfolge. Die hierdurch wachsende Erbitterung beruflicher Gegnerschaft verleidete dem fremden Eindringling aus dem „dänischen“ Holstein den Aufenthalt in Hamburg.

Mathilde Vollmer 1842-1896
Seine Frau Mathilde Vollmer, geb. 1842 auf der Vollmerschen Kaffee- und Zuckerplantage El Palmar in Venezuela, gestorben Lübeck 24.3.1896, war eine Tochter des Hamburger Kaufmanns und Plantagenbesitzers Gustav Julius Vollmer (geb. Hamburg 3.4.1805, als Sohn des Seifenfabrikanten Johann Peter Vollmer, in Hamburg, und seiner Ehefrau Friederike Elisabeth geb. Bösenberg, und 1865 auf einer Reise nach Venezuela beim Untergang des von ihm benutzten Schiffes ums Leben gekommen). Mathilde Vollmer’s Mutter stammte aus der altspanischen Familie Rivas. Diese Frau Vollmer y Rivas war eine Cousine von Simon Bolivar 1783 – 1830, indem ihre Mutter und diejenige des „Libertados“ Schwestern waren, aus dem vornehmen Geschlecht der Marques de Palacio.

Urkunde für Julius Mannhardt

Mathildes Schwestern
Mathildes Schwestern spielten auch in die Beziehungen meiner Eltern zu Mannhardts hinein. Die älteste, Ignacia, verheiratet mit dem venezolanischen Politiker Sanavria, durch ihre zwei Söhne, die sich als liebenswürdige, bildhübsche Jünglinge ungefähr meines Alters einige Zeit in Hamburg aufhielten, und wo wir uns regelmäßig im gastfreundlichen Hause Adolf Schramm’s trafen. Ihr folgte im Alter Ines, geb. Caracas 24.4.1840, hochbetagt gestorben Berlin 1936, verheiratet 1865 mit dem Schriftsteller Hermann Heiberg, geb. 17.11.1840. 1881 erregten seine Plaudereien mit der Herzogin von Seeland Aufsehen und 1885 steht er mit dem grausam folgerichtig gestalteten Roman „Apotheker Heinrich“ vorübergehend in der ersten Reihe erfolgreicher Romandichter. Auf Mathilde Mannhardt folgte schließlich die jüngste Schwester Francisca Pedronita, Panchita genannt, geb. Caracas 29.4.1845, gestorben Lübeck 30.9.1903, verheiratet 21.4.1861 mit Juan Alberto Droege aus Tampico/Mexiko, dort geboren 10.6.1839, gestorben Lübeck 19.9.1912. Die Tochter Droege, mit gleichem Vornamen der Mutter, wie diese Panchita genannt, geboren Tempico 28.6.1864, verheiratete sich mit meinem Jugendfreund vom ostholsteinischen Gut Perdoel, Wilhelm Rücker, im benachbarten Belau.

Rund 40 Kilometer von Hanerau entfernt: Kellinghusen

Vollmer schickt zwei Töchter nach Deutschland
Vollmer, der seine Frau früh in Venezuela verloren hatte, schickte seine beiden Töchter Ines und Mathilde, um sie aus den politischen Wirren Venezuelas, in die er selbst verstrickt war, – er hatte wiederholt seine Familie auf seine entlegene Besitzung Palmar in Sicherheit bringen müssen, – in die deutsche Erziehung, 1852 nach Hamburg. Sie wurden in einem Lübecker Pensionat unterrichtet. 1856 kehrte Vollmer nach Hamburg zurück. Er bezog mit seiner alten Mutter eine Wohnung in der Feland-Str. Nr. 1 (Ecke des neuen Jungfernstiegs). In diese Wohnung zog, nachdem Vollmer sie aufgegeben hatte, die verwitwete Frau Consul Wesselhoeft, meines Vaters Stiefmutter. Zur Vervollkommnung von Mathildes Erziehung nach beendeter Pensionszeit, auch auf hauswirtschaftlichem Gebiet, fand Mathilde die Aufnahme in dem großen Betriebe des Mannhardt’chen Gutes Hanerau. Hier führte das Schicksal das zukünftige Paar zusammen.

Beziehung der Familie Mannhardt zu der Familie des südamerikanischen Freiheitskämpfers Simon Bolivar: Im Jahre 1852 kamen zwei Mädchen von Caracas nach Deutschland. Ines und Mathilde de la Merced Vollmer y Rivas. Sie waren Töchter des Hamburger Kaufmann und Plantagenbesitzer Gustav Julius Vollmer (geb. Hamburg 3.4.1805, gest. Schiffsreise 1865) und seiner Frau Francisca (geb. Caracas 1842, gest. Lübeck 1896). Diese stammte aus der altspanischen Familie Rivas. Francisca Rivas y Palacios (später Vollmer y Rivas) war eine Cousine von Simon Bolivar. Ihre Mutter und die des „Libertadors“ waren Schwestern, aus dem vornehmen Geschlecht der Marques de Palacios.


Es hätte auch für die beiden anderen nach Deutschland gekommenen Schwestern gelten können, deren eigenartiger Zauber von Anmut der Erscheinung und des Wesens, sogar noch denjenigen der besungenen Ines übertraf. Dazu trat bei Mathilde in reichem Maße Begabung und Gefühl für Musik. Meine schwärmerisch zu Mathilde Mannhardt hingezogene jugendliche Schwester Marie war ein sehr häufiger Gast in deren Winterwohnung in der Großen Theaterstraße. Mir ist aus dieser Wohnung nur der tiefe Eindruck erinnerlich, den ein mächtiger, mit schwerem Schnitzwerk verzierter alter Schrank auf mich machte. Er stand in einem Zimmer, dessen ganze Fensterfläche mit altertümlichen, netzartig in Blei gefaßten kleinen Scheiben ausgefüllt war, welche das Tageslicht nur gedämpft hindurchschimmern ließen. In Ehrfurcht empfand ich eine geheimnisvolle Märchenstimmung.
Im Sommer wohnten Mannhardts möglichst auf dem Lande, z.B. auf einem Bauernhof in Niendorf. Den Weg zu seiner Praxis legte der Doktor reitend zurück.
Die Mannhardt aus seinem gespannten Verhältnis zu Teilen der Hamburger Ärzteschaft erwachsene Ungeduld veranlaßte ihn, sich unter Angabe der Gründe mit seinen früheren Lehrern in Verbindung zu setzen, wegen Nennung eines auswärtigen, auf seinem Fach noch jungfräulichen Gebietes, für reibungslose Befriedigung seines Tatendranges.

Julius Mannhardt ca. 1868. Quelle: Mannhardtscher Familienbrief 14 von 2005, Herausgeber: Hinrich Hansen

Konstantinopel
Das ihm angeratene Konstantinopel begeisterte seine stets für das Außergewöhnliche und die Ferne wache Phantasie, und zum Beschluß der Übersiedlung dorthin, einstweilen ohne Familie. Seine Erwartungen fanden Erfüllung. Zahlreiche Briefe aus Konstantinopel haben sich erhalten.
Sein Enkel, Leo Knözinger in München, besitzt einen längeren höchst spannenden Bericht über einen tollen Streich; in Kürze ungefähr folgenden Verlaufs:
Mit einem Freunde wollte Mannhardt eine vom Österreichischen Lloyd angelaufene Insel des Ägäischen Meeres kennen lernen. An Bord befanden sich einige den beiden befreundete österreichische Offiziere und der Pascha dieser Insel mit seinem Harem.
Ein Aufenthalt unter Deck wäre bei der herrschenden Hitze unerträglich gewesen. Um dem abzuhelfen, wurde für den Aufenthalt des Harems in frischer Seeluft ein Teil des Verdecks durch Segeltuchbahnen abgeschieden, welche an einer Kombination von Tauen herabhingen. Das Ganze wurde durch ein am Schiffsmast befestigtes Haupttau schwebend gehalten. Der in Mannhardts Kreisen nicht gesparte Champagner entfachte großen Übermut, in welchem Mannhardt sich zur Wette verstieg; er wollte ihnen den Anblick des Harems verschaffen. Die ihm entgegengehaltene Unmöglichkeit eines solchen Frevels an der Landessitte reizte ihn zur Tat. In einem von der Mannschaft unbeachteten Augenblick klomm er blitzschnell an die Befestigungsstelle des Haupttaues und durchschnitt es. Die hüllenden Segeltuchwände fielen klatschend zu Boden, und unter Gekreisch in allen Tonarten flüchteten die sehr leicht bekleideten Haremsdamen wirr durcheinander unter Deck. Die Offiziere beschworen Mannhardt, die Insel nicht zu betreten, in Gewißheit der Rache des Paschas, der übrigens seine volle Ruhe bewahrte. In Mannhardts Charakter lag das „nun gerade!“.
Der Etikette gemäß wurde als Erster der Pascha an Land gebracht, dann folgten die Haremsdamen, was geraume Zeit in Anspruch nahm, und endlich auch die beiden Freunde. Beim Betreten des Landes wurden sie sehr höflich offiziell mit dem Bemerken begrüßt, in Abwesenheit des Paschas hätten Räuberbanden die Insel unsicher gemacht. Beim hereinbrechenden Abenddunkel wurden die beiden Herren in Sicherheit nach einem Regierungsschloß in schönster Lage der Insel für ihr Nachtlager geleitet. Dort von der Wachmannschaft ehrerbietigst begrüßt, fanden sie alles aufs Beste bereitet. Aus ihrem ersten Schlummer erweckte sie eine durch die offenen Fenster dringende ekelerregende Geruchswelle. Eiligst schlossen sie die Fenster, vergebens, denn durch ihre Ritzen wie auch durch Türritzen aus dem Innern des Gebäudes drang in zunehmendem Maße der widerliche, schwere Übelkeit erzeugende Geruch. Also fort aus dieser Hölle! Sie stürmten hinab, um aus diesem Ring von Verpestung ins Freie zu gelangen. Da versperrte ihnen die Schloßwache mit blankgezogenen Säbeln den Ausgang, und in großer Ehrerbietung zeigte ihnen der Hauptmann den Befehl des Paschas. Er und seine Leute hätten mit ihrem Kopf dafür zu haften, bei der herrschenden Unsicherheit, die beiden Gäste in sicherer Obhut innerhalb des Schlosses zu bewahren und am nächsten Morgen für ihre fernere Reise an Bord des Dampfers zu entlassen. Das war Rache auf orientalische Art!
1868 berief er seine in Hanerau gebliebene Frau mit 4 kleinen Kindern zu sich, die jedoch wegen der vorgefundenen Lebensschwierigkeiten des damaligen Orients schon 1869 zurückkehrte, um dort seine ferneren Beschlüsse abzuwarten.

Zeit in Florenz
Sie zielten auf Florenz, der neuen Residenz des mit Ausnahme von Rom unter Viktor Emanuel vereinigten Italiens. Alles politisch, wissenschaftlich und gesellschaftlich Maßgebende des neuen Staates strömte dorthin. Bei solcher plötzlichen Entwicklung fehlte es dort an tüchtigen Ärzten. Im Herbst 1869 fand sich die Familie nun wieder zusammen, um in Florenz ein köstliches Leben zu beginnen.

Urkunde für Julius Mannhardt

Diplomatische Mission: Treffen mit Garibaldi
In Konstantinopel hatte seine Persönlichkeit in den Kreisen der preußischen Gesellschaft einen solchen Eindruck hinterlassen, daß von dieser Seite die Regierung auf ihn hingewiesen wurde, für die politisch geheime Mission, Unterhandlungen mit Garibaldi über Stellung eines freiwilligen Hilfskorps im deutsch-französischen Krieg zu führen. Er wurde im Sommer 1870 hiermit beauftragt. Vom preußischen Gesandten in Florenz, Graf Brassier de St. Simon, erfährt er, daß er auch bereits den Auftrag der Unterstützung etwaiger Unternehmungen des Garibaldi habe. Nach großen Reiseschwierigkeiten fand Mannhardt auf der Insel Caprera, Garibaldis Aufenthalt, herzliche Aufnahme. Seine zweistündige Unterredung mit ihm endete mit folgenden Worten des Helden zweier Welten: „Ich nehme Ihren Vorschlag an. Meine Sache wird es sein, zu Ihnen an Bord zu kommen. Sie bringen mich dann an den Punkt der Küste, den ich bezeichnen werde; und falls Sie die Geldmittel bereit halten, verpflichte ich mich, 14 Tage darauf mit 10 000 Mann in Savoyen zu stehen und sie auf 30 000 Mann zu bringen, wenn Sie genügend Mittel liefern.“ Ich antwortete ihm ein „sta bene“, worauf er sagte: „So sind wir alliiert.“ Er reichte mir die Hand, in die ich einschlug. „Jedoch mache ich eine Bedingung“, sagte er. „Ich kämpfe nur gegen Napoleon; macht man, was ich für möglich halte, in Frankreich die Republik, so kämpfe ich, wenn es nötig ist, für diese und nicht gegen sie.“ „Ich akzeptierte lächelnd die Bedingung, nicht ahnend, daß seine Voraussetzung schon eine Woche später sich erfüllt haben würde.“

Als Mannhardt in der Nacht vom 1. auf den 2. September wieder in Florenz angelangt und dem Grafen Brassier mitteilte, alles sei mit Garibaldi verabredet und die Aktion könne beginnen, überreichte ihm der Gesandte ein soeben über Berlin aus dem Großen Hauptquartier angelangtes Telegramm. Die ganze Armee Mac Mahon’s in Sedan sei eingeschlossen und habe sich ergeben müssen. Mannhardts Überzeugung nach, war der Krieg beendet. Er gab dem Gesandten die Depesche mit den Worten zurück: „tant mieux- nous avons donc travaillé pour le roi de Prusse“. Bald darauf mußte er hören, daß nach dem Sturz des Kaiserreiches der Krieg weitergehe, und das Garibaldi Caprera verlassen habe, um der neuen französischen Regierung, der nationalen Verteidigung, seine Dienste anzubieten.

In Florenz bewohnte Mannhardt nacheinander die dem befreundeten Marquese Gentile Farinola gehörenden Villen Scandici, Torre Galli und schließlich San Lionardo; außerhalb der Porta San Giorgio. In letzterer machten sie ein großes Haus, dank der reichen Einnahmen aus der Praxis des Mannes, zu dessen Patienten auch die königliche Familie gehörte. Hier verkehrten im glänzenden einheimischen Gesellschaftsrahmen durchreisende Fremde, Gelehrte und Künstler. Von den Hamburgern gehörten dazu der dortige Arzt Dr. Bergeest, seine Nichte Susanne Eytele, eine geborene Hubbe, welche uns, als wir 1912 in Villars bei ihr wohnten, viel vom dortigen Leben erzählte, und sein Neffe Hans Speckter, der Hamburger Maler. Die aufs Schönste entfalteten musikalischen Gaben von Frau Mannhardt wurden im Klavierspiel durch den Unterricht von Hans von Bülow gefördert, welchem nach dem Zerbrechen seiner Ehe, mit der Franz Liszt-Tochter Cosima, die Art der Florentiner Atmosphäre neue Spannkraft verlieh. Der von ihr beseelte Wohllaut ihres Gesanges trug sie der Gegenwart entrückt, weit über sich selbst hinaus, sodaß, wenn sie geendet, sie bescheiden über den Bann staunte, in welchen ihre Zuhörerschaft geraten war.

Die Villa Fernsicht bei Kellinghusen. Allerdings gewohnte er sie nur kurz. Gutshaus Fernsicht, von der Stör aus gesehen, 1905. Von unbekannt – www.delcampe.de, PD-alt-100, Link


Der zeitweilige Ministerpräsident des vereinten Staates, Mario Minghetti, und seine Frau, geborene Prinzessin von Camporeale, die späteren Schwiegereltern des Reichskanzlers Bülow, zählten zu den näheren Freunden. Diese geistreiche Frau fand in dem Hausherrn eine verwandte Seele auf dem Gebiet der Sammlerleidenschaft. Zusammen machten sie Entdeckungszüge bei den Händlern von Antiquitäten. Ich erinnere mich an seine meinen Eltern gegebene lebhafte Schilderung eines Erlebnisses mit ihr. Sie benachrichtigte ihn von einem Entwurf, die Neugestaltung der ihr nicht mehr gefallenen Verteilung von Möbeln und Bildern in ihren Empfangsräumen, verknüpft mit der Bitte, sie an Ort und Stelle weiter zu beraten. Das geschah eines Abends. Mannhardt setzte seine Erfahrung ein. Es sei für die Wirkung sicherer, mit den einzelnen Objekten selbst, anstatt mit ihnen auf Papier gezeichnet, Neues auszuprobieren, und ob sie dafür ihr zahlreiches Personal zur Verfügung stellen wolle. Mit Feuereifer willigte sie ein. Trotz später Stunde ging es nun an ein tolles Hin und Her des Umgestaltens, und bei Morgengrauen fand sich das Chaos zu erhöhter Harmonie umgegliedert.

Als Dank für Behandlung von den Franziskanern aufgenommen
Auch in Florenz übte Mannhardt unentgeltlich die Behandlung Unbemittelter aus, so auch bei den Franziskanern, der dortigen Niederlassung. Als Dank wurde er von ihnen als Laienbruder aufgenommen. Der Protestant, gekleidet in ihre Kutte, wie ein Bild ihn wiedergibt, nahm lebhaften Gedankenaustausch mit ihnen bei ihren kargen Mahlzeiten.

Die Bäder von Lucca
Die Sommer jener Jahre wurden von der Familie in den Bagni di Lucca verbracht, zuletzt in Sanct Paulo in Eppan, bei der befreundeten Familie von Putger-Tschenschentaler. Die Gegend um Lucca regte Mannhardt zu einigen Novellen mit dem Sammeltitel „Erzählungen aus den Bädern von Lucca“ unter dem Decknamen G-Dur an. Erschienen in den „Grenzboten“, eingeleitet von der Redaktion, mit Theodor Storms Schreiben, Hademarschen 8. Dezember 1884: „Die Erzählungen aus den Bädern von Lucca, deren erste hier zum Abdruck gebracht wird,“ so schreibt er, „haben mir beim Lesen des Manuskripts eine eigentümliche Freude gewährt; schon deshalb vielleicht, weil sie so ganz abseits des literarischen Herweges liegen. Man fühlt sogleich, es ist kein Schriftsteller von Fach, aber eine bedeutend ausgeprägte Persönlichkeit, die uns hier was erzählt; in keuscher, aber oft etwas herber Weise, fast unpersönlich und oft die intimsten Dinge; aber mit seltener Ausnahme steht der Verfasser denselben kühl, nur als Beobachter gegenüber. Das Interesse an der Erzählung wird dadurch gesteigert, daß wir es hier nicht etwa mit einer Dichtung, sondern mit der Niederschrift von Erlebtem zu tun haben. Der Verfasser, ein in einer anderen als der Schreibekunst weithin namhafter Mann, hat viele Jahre in Italien im genauen Verkehr mit der ersten Gesellschaft gelebt; die Mitteilungen, welche er hier aus seinem reichen Leben gibt, dürfte nach meiner Ansicht eine so festbegründete Zeitschrift, wie die „Monatshefte“, ihren Lesern nicht entziehen.“
Geschichte einer faux ménage“ und ferner im 59. Jahrgang Nr. 1 vom 4. Januar 1900 und Nr. 2 vom 11. Januar 1900 „Frau Venus“.

Rom, Tunis und Florenz
Mit Verlegung der Residenz 1871 von Florenz nach Rom zog Mannhardt mit seiner ärztlichen Praxis nach Rom. Seine Familie blieb aber in Florenz. Auch nach Tunis leistete er einer Berufung folge.

Als Laienbruder der Franziskaner-Mönche in Florenz. Es scheint, als habe er sich durch seine Dienste als Arzt die Ehre erworben, in den Orden aufgenommen worden zu sein. Nach Angaben von Mathilde Becker, seiner Enkelin, wurde ihm jedoch das Versprechen abgenommen, sich in dem Kleide beerdigt zu lassen
Rückseite des Fotos

In den 70er Jahren trat schwerer Kummer in das bis dahin ungestörte Lebensglück. In Florenz starb 1873 der älteste Sohn Wilhelm und 1876 die heranwachsende älteste Tochter Mathilde, in einem Alter, wo Vater und Tochter sich ganz verstanden und sie von der Familie ihm am nächsten geworden war. Diesen Verlust konnte er nicht verwinden. Da alles in Italien ihn immer wieder daran erinnerte, so beschloß er, endgültig mit dort zu brechen und sich wieder in Deutschland niederzulassen, um von Hanerau aus weitere Entschlüsse zu fassen. Als nun 1877 die Rückwanderung mit einem Aufenthalt von Frau und Kindern in den Bergen als klimatischem Übergang begonnen hatte, während Mannhardt zur endgültigen Auflösung von allem bis 1878 noch zurückgeblieben war, richtete er an meine Eltern, welche sich bisher noch nicht zu einer Reise nach Italien hatten entschließen können, die dringende Aufforderung, diesen letzten Zeitpunkt für gemeinsame Besichtigungen der reichen Schätze an Natur und Kunst in Florenz nicht vorübergehen zu lassen. Sie sagten zu, schon um den Vereinsamten in der trüben Loslösungszeit mit ihrer Freundschaft zu umgeben. Um Ostern, gleich nach meiner Konfirmation, zu welcher mir die Eltern die Teilnahme an dieser Reise schenkten, wurde sie über München und weiter mit der neuen Brennerbahn angetreten. Geführt von ihm fand seine eingehende Kenntnis von allem Sehenswerten einen so freudigen Widerhall bei seinen Besuchern, daß dieser lebendige Verkehr ihm sichtlich wohl tat.
Sein im tiefsten Grunde aber unverändert umdüstertes Gemüt spricht aus seiner Antwort auf den Brief meiner Mutter, in welchem sie ihn vom Tode meines Bruders Carl, seines jungen Patienten von 1861, benachrichtigt hatte. –

Hanerau, 1. Dezember 1878.
Verehrte Frau!
Wenn ich auch fürchtete, so hat mich doch die gestern Abend erhaltene Nachricht, die Sie in tiefe Trauer und mich in herzliche Mitleidenschaft versetzt, recht erschreckt. Ich habe aufs Neue gesehen, daß man, wo man fürchtet, stets auch zugleich hofft.
Ich kenne diesen Augenblick, wo plötzlich, nachdem die Seele lange durch schwankende Furcht und Hoffnung gemartert war, beide erlöschen und eine tiefe Öde zurücklassen, aus zwiefacher Erfahrung. Ich leide an den Folgen solcher Augenblicke seit 5 Jahren; noch jetzt kann ich mich nicht entschließen, die äußeren Zeichen der Trauer abzulegen, weil das Gemüt eine äußere Betätigung verlangt.
Deshalb glaube ich nicht, daß Wunden wie diese heilen. Es geht in jenen Augenblicken uns etwas verloren, was sich nie ersetzt. In gewisser Hinsicht bleibt man Invalide. Aber eigene Erfahrung bringt mich mehr und mehr zu der Ansicht, daß die Dichter und die Moralisten doch recht haben, daß für Erreichung des eigentlichen Zieles des Menschenlebens, der inneren Vollkommenheit, harte Schicksalsschläge förderlich sind, daß, wer nicht selbst Unglück erfahren, unfähig sei, das Höchste zu erreichen. Man muß, um dies zuzugeben, schon selbst durchs Feuer gegangen sein. Der unbesorgt Glückliche wird es nimmer zugeben.
Ich weiß sehr wohl, daß alle Erwägungen, alle Trostgründe keinen Trost geben in solchen Augenblicken, denn Empfindungen sind überhaupt Gründen und Erwägungen nicht zugänglich. Aber doch habe ich erfahren, daß das Bewußtsein der Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit die Überzeugung von einem „justesse suprême“ in allem, was uns zustößt, die Heftigkeit unseres sich auflehnenden Schmerzes, in etwas zu beruhigen vermag. Wenn wir wissen, daß des Lebens ungetrübte Freude keinem Sterblichen zuteil ward, daß es unmöglich ist, durch die zahllosen Komplikationen und Gefahren, durch das Gestrüpp, das unseren Lebenspfad beengt, uns hindurchzuwinden ohne uns an dessen Dornen zu verletzen – dann ertragen wir geduldiger unsere Wunden, weil sie unvermeidbar sind.
Gestatten Sie, verehrte Frau, diese Zeilen als Ausdruck meiner herzlichen Teilnahme an Ihrem Schmerz, der meine Gedanken lebhaft beschäftigt, und zugleich den Ausdruck meiner achtungsvollen Ergebenheit.
J. Mannhardt

Neumünster, Westindien, Caracas
Nach seiner Rückkehr hatte er von Hanerau aus seine Praxis in Neumünster eröffnet. Doch in diesem provinzialen Leben wurde er in erhöhtem Maße vom Geist der Unruhe erfaßt. Es trieb ihn für den Winter 1880/81 nach Westindien, wo seine ärztliche Kunst in dem ihm genehmen Rahmen der Tropenaußenwelt reichlich in Anspruch genommen wurde; besonders in Caracas, gestützt auf die glänzenden Verbindungen von Gustavo Vollmer, dem Bruder seiner Frau. In großzügiger Gastlichkeit hatte ihn in Caracas die den Vollmers nahestehende Familie Boultan aufgenommen. Auch in seinen Briefen von dort an seine Frau gestalten sich farbige Bilder.

Kauf Gut Fernsicht bei Kellinghusen 1883
In der Heimat zurückgekehrt, nahm Mannhardt wieder die Provinzpraxis auf. Aber das Leben in Hanerau beschwichtigte auch jetzt nicht seine innere Unruhe. Sein Drang nach schöpferischem und pflegsamem Wirken, während der ihm neben seiner ärztlichen Tätigkeit verbleibenden Zeit, führte 1883 zum Ankauf des Gutes Fernsicht bei Kellinghusen.


Das westholsteinische Marschenland erwies sich mit seiner auch die Häuser durchdringenden Feuchtigkeit so schädlich für die sich hieran nicht gewöhnende Familie, besonders für das unerträglich gewordene Ischiasleiden des Hausherrn, daß wieder die Suche nach einem neuen Heim beginnen mußte. Da Hamburg ihm durch bittere Erinnerungen dauernd verleidet blieb, fand sich die endgültige Lösung in Lübeck.

Dichter Storm und Liliencron, Veröffentlichung seines Buches
War im stillen Gutsleben der Verkehr mit den Dichtern Storm und Liliencron ein Lichtblick gewesen, so gab es in Lübeck verschiedenartige Anregungen, besonders im nahen Umgang mit der auf geistigen Gebieten aller Art lebhaft interessierten vertrauten Familien Klügmann.

Detlev von Liliencron 1905. Quellen deuten darauf hin, dass er sich lediglich einmal – genau wie mit Storm – persönlich mit ihm getroffen hat. Und das gemeinsam in der Villa Fernblick. Quelle: Von Rudolf Dührkoop – Hamburgische Männer und Frauen am Anfang des XX. Jahrhunderts, Hamburg 1905, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=771300


Mannhardt beschäftigte sich in seiner Zurückgezogenheit viel mit philosophischen Werken und legte seine sich daraus entwickelnden eigenen Gedanken zugleich mit diesen Grundlagen nieder; in Briefen während der 80er Jahre an seinen ältesten Sohn Wolf, den späteren Oberlandesgerichtsrat in Hamburg. Veranlaßt, sie drucken zu lassen, erschienen sie unter dem Titel: „Ein Katechismus der Moral und Politik für das deutsche Volk“ – Leipzig – Verlag Hirschfeld, 1891, in zweiter Auflage unter den Buchstaben G.M. als Autor. In interessierten Kreisen ging ein großes Rätselraten über den Autor los, man glaubte u.a. in ihm den Verfasser Langbehn von „Rembrandt als Erzieher“ sehen zu wollen.
Mit der alten Heimat Hanerau blieb er weiter verbunden, und in ihr hat am 24. November 1893 sein durch körperliches Leiden und innere Unrast zermürbtes Leben geendet. Die Witwe verblieb mit ihren Kindern, zwei Söhnen und sechs Töchtern, in Lübeck. Von den 12 Kindern der Ehe starben, außer den beiden in Florenz Begrabenen, noch zwei in ganz frühem Alter.

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