Erinnerungen von Marion Ehrhardt

Der letzte Tannrodaer Gutsherr, Heinrich von Gleichen Rußwurm, war mein Stiefvater. Geboren 1882, war er 25 Jahre älter als meine Mutter und verkehrte schon in jungen Jahren in Hamburg im Haus meiner Großeltern. Meine Mutter kannte ihn also seit Kinderzeiten. Selbstverständlich war meine Mutter vor ihrer Ehe mit Gleichen 1939 schon verheiratet gewesen, denn sie brachte ja drei Töchter mit und uneheliche Mütter waren damals noch nicht in Mode. Sie hatte im Mai 1927 einen jungen Rechtsanwalt aus Bremen geheiratet und zehn Monate darauf meine älteste Schwester zur Welt gebracht. Als sie 1929 meine zweite Schwester erwartete, starb ihr Mann und sie kehrte in ihr elterliches Haus zurück. Im September 1931 heiratete sie einen Freund ihres verstorbenen Mannes, meinen Vater. Mich erblickte das Licht der Welt im Juli 1932. Die Ehe wurde 1935 geschieden und mein Vater fiel 1944 im Russlandfeldzug.

Diese Veröffentlichung wurde durch die Arbeit von Michael, Doris und Wulf Becker möglich

Mein Stiefvater hatte aus erster geschiedener Ehe zwei Kinder: Kurt, Jahrgang 1915 und Inge, Jahrgang 1919. Während Kurt im Krieg war und wir ihn nur selten sahen, wohnte Inge zeitweise bei uns in der kleinen Wohnung über der Garage. Sie absolvierte eine Ausbildung als Gärtnerin und ging später für mehrere Jahre nach Südafrika. Sie starb vor einigen Jahren.

Der MDR berichtet 2007 über das Geschlecht der von Gleichen

Nach unserer Übersiedlung aus Hamburg, im April 1939, kam ich in Tannroda in die Grundschule. An viele meiner Schulkameraden und die Lehrer Weissenborn, Schröer und Kaiser erinnere ich mich noch gut. Ab 1943 bis zum Kriegsende besuchte ich die Mittelschule am Hexenberg in Bad Berka. Unser Haushalt bestand im Wesentlichen nur aus den Eltern, uns drei Kindern und der Kinderpflegerin, die aus Hamburg mitgekommen war. Unseren Stiefvater sahen wir fast nur am Wochenende zu den gemeinsamen Mahlzeiten, da er sich meistens in Berlin aufhielt, wo er den Deutschen Klub leitete, der, laut Brockhaus 1968, „gesellige Beziehungen zwischen führenden Persönlichkeiten der Aristokratie, der Wirtschaft, der Wissenschaft, der hohen Bürokratie und konservativen Politikern” pflegte.

Hilfe im Haushalt

Es gab eine öfter wechselnde Hausangestellte, aber wir Kinder hatten zusammen mit der Kinder-pflegerin selbst für die Sauberkeit und Ordnung unserer Räume zu sorgen, wobei die Aufgaben turnusmäßig verteilt wurden, so dass ich zum Beispiel jede dritte Woche für unser Badezimmer verantwortlich war. Dann war noch ein Hauswarts Ehepaar vorhanden, das, ebenso wie der Gärtner, über der heutigen Gaststätte wohnte.

Da wir keine Köchin hatten, kochten abwechselnd meine Mutter, unsere Kinderpflegerin, meine älteste Schwester oder die Hauswartsfrau. Der Gärtner war ausschließlich für die Gärtnerei zu-ständig, während es auf dem Gutshof in Kottendorf einen Verwalter gab, der sorgsam darauf be-dacht war, dass wir von den landwirtschaftlichen Erträgen nur das erhielten, was uns auf Grund der Rationierung der Lebensmittel zustand, zum Beispiel für mich täglich einen Viertelliter Vollmilch. So hielten wir Kinder uns zwei Ziegen, Zwerghühner und Kaninchen und belieferten damit dann die Küche mit Milch, Eiern und Fleisch. Wir mussten auch in der Gärtnerei helfen.

Das Schlafgemach derer von Gleichen: Die Liegestatt war eine Nachbildung des dreischläfrigen Bettes des sagenhaften Grafen von Gleichen auf der Wachsenburg bei Arnstadt

Große Feste gab es in Kriegszeiten natürlich nicht, mit einer Ausnahme: Im Mai 1942 heiratete meine Stiefschwester Inge von Gleichen den fünf Jahre älteren Hermann von Seydlitz, der im darauf folgenden Jahr als Major in Stalingrad fiel. Viele Gäste kamen und es war eine wunder-schöne Feier, obwohl wegen des Krieges nicht getanzt wurde. Ich Neunjährige war fasziniert von den Uniformen der Offiziere und hatte meinen ersten Rausch, da ich heimlich nach dem Festessen die nicht vollständig geleerten Sektgläser austrank. In kleinerem Rahmen wurden auch die Kon-firmationen meiner beiden Schwestern gefeiert und zur Adventszeit gab es immer für alle Angestellten eine Weihnachtsfeier mit stimmungsvoller Kerzenbeleuchtung in dem großen Gewölbekeller, den wir Kinder den „Saufkeller“ nannten. Dorthin zogen wir uns bei Fliegeralarm zurück und vorsichtshalber auch, als die Amerikaner kamen.

Tannroda Foto: Maik Schuck / Weimar

Mein Stiefvater ging selten in die Kirche, in der es auf der Empore links vom Altar ein Patronatsgestühl gab. Hin und wieder wurde der Pfarrer eingeladen und ich nehme an, dass dann Kirchenangelegenheiten besprochen wurden. Meine kirchlichen Aktivitäten bestanden darin, dass ich mit meinen Schulfreunden die Glocken läutete, wobei es besonders schön war, sich am Strang mit hochziehen zu lassen. Anschließend betätigten wir den Blasebalg der Orgel, um dann während der Predigt auf der Treppe Karten zu spielen, natürlich nicht um irgendeinen Gewinn. Am Ende des Gottesdienstes meldete ich mich beim Pfarrer als vorhanden gewesen, was ja nicht einmal gelogen war.

Am 16. April 1939 fand in Tannroda die kirchliche Trauung von Heinrich Freiherr von Gleichen-Rußwurm und Ilse-Marie, geb. Mannhardt statt

Im März 1945 bekamen wir Einquartierung von sechs Offizieren einer Nachrichtentruppe, die Leitungen verlegen musste, da das Führerhauptquartier nach Thüringen umziehen sollte. Vom Major bis zum Burschen waren das alles sehr nette Menschen, mit denen wir uns gut verstanden. Sie wurden in den ersten Apriltagen abgelöst durch eine SS-Polizeieinheit, die Deserteure aufspüren sollte und die alles andere als angenehm war. Zu dieser Zeit schleppte sich von uns aus sichtbar zwei Tage lang ein entsetzlicher Zug von KZ-Häftlingen die Straße aus Kranichfeld entlang. Wer nicht mehr gehen konnte, wurde erschossen. Es knallte den ganzen Tag.

Marion Ehrhardt (* 23. Juli 1932 in Hamburg; † 4. November 2011) war eine deutsche Romanistin und Lusitanistin.

Zu der Zeit hörte man bei Westwind schon das Grummeln der Geschütze. Die Schulen waren geschlossen worden, weil Tiefflieger Jagd auf Zivilpersonen wie Schulkinder machten. Dadurch und durch Bomben verloren wir mehrere Freunde wie auch Schulkameraden, die als Flakhelfer eingesetzt waren. Am 12. April, dem Geburtstag meiner Mutter, besetzten die Amerikaner Tann-roda und beschlagnahmten unser Haus. Wir konnten jedoch in zwei Räumen am Laubengang bleiben. Ich erinnere mich noch gut daran, wie die Amerikaner unsere Kaninchen mit Schokolade fütterten, während wir Kinder, die wir seit Jahren keine Schokolade gesehen hatten, mit wässrigen Mündern dabeistanden. Der Kontakt mit der deutschen Bevölkerung war den Amis anfangs streng verboten.

Nach dem Abzug der Amerikaner kehrten wir bis zum endgültigen Rauswurf durch die Russen in unsere Wohnung zurück. Das Haus war noch voller Flüchtlinge. Das Auswärtige Amt hatte in den letzten Kriegstagen ein Ehepaar bei uns einquartiert. Den Mann, einen Konsul, holten die Russen zum Verhör und er tauchte nie wieder auf. Die Verhaftungen häuften sich, wobei die Menschen von Ort zu Ort getrieben wurden und ihre Zahl immer mehr anstieg, bis sie in ein La-ger gesteckt wurden. Kam ein neuer Trupp an, wurden andere, wie mein Stiefvater, wieder laufen gelassen.

Marion Ehrhardt bei wikipedia

Ein weiteres Mal wurde mein Stiefvater erneut festgenommen mit der Begründung, er sei „ein arbeitsscheuer Baron, der vom Turm aus mit dem Fernglas beobachtet hätte ob die Leute arbeiteten und der bis in die jüngste Zeit den Stiefel auf den Nacken der Bauern gehabt habe“ was natürlich vollkommen idiotisch war. Später wurden auch wir von irgendeinem Tannrodaer angezeigt, von uns seien Waffen versteckt worden. Da Gleichen gerade in Weimar war, stellten die Russen meine Mutter an die Wand: „Du Frau, Du lügst, Du wirst erschossen!“.
Ich glaubte, es rettete meine Mutter nur, dass sie sich ihre Todesangst nicht anmerken ließ und den Militärs geduldig immer wieder wahrheitsgemäß erklärte, dass das Jagdgewehr ihres Mannes, mein Luftgewehr und die Patronen, welche die Amis bei ihrem überstürzten Abzug hatten liegen lassen, schon längst abgegeben worden oder in der Ilm gelandet seien.

Erinnerungen von Michael Becker an seine Zeit in Tannroda bei Großcousine Marion:

Marions Mutter, Freifrau Maria von Gleichen, war meine Patentante und war die Cousine von Oma (Mathilde Becker geb. Krombach).
1942 war ich zum ersten Mal für einige Wochen in Tannroda. Ich lebte dort mit Baron von Gleichen (Raimond August Heinrich Freiherr von Gleichen-Rußwurm), Tante Maria von Gleichen und den Töchtern Mathilde (Tilla), Hedwig (Hedi) und Marion.
Schloss Tannroda steht auf einem Berghügel am rechten Ufer der Ilm. Gegenüber, am linken Ufer der Ilm, befand sich in den Kriegszeiten ein Barackenlager für russische Kriegsgefangene, die in der Tannroda Papierfabrik als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Vom Gelände der Burg konnte man auf das unmittelbar am Ufer der Ilm gelegene Gefangenenlager schauen.
Ich erinnere mich, dass an manchen Abenden aus dem Lager Schreie und Schüsse zu hören waren. Meine fragenden Blicke zu meiner Tante bzw. der Kinderbetreuerin wurden beantwortet, indem sie mich aus dem Blick- und Hörbereich des Lagers führten.

Auf Burg Tannnroda 1942. Hedi, Michael und Marion

In Tannroda wurde ich eingeschult. Auf dem Weg zur Schule begegneten mir öfters Trupps erbärmlich aussehender Gefangener, die vom Lager zur nahe gelegenen Papierfabrik von Wachsoldaten geführt wurden. Anwohner der Straße gaben den Gefangenen heimlich etwas zum Essen.
Aber auch schöne Erinnerungen habe ich an Tannroda. Ich bekam mein erstes Fahrrad, mit dem ich das große Burggelände und die Waldwege erkundete.
Auch eine schmerzhafte Erinnerung blieb nicht aus. Ich durfte zum ersten Mal ein Pferd besteigen, ohne Sattel, nur mit Zaumzeug. Das Pferd wurde auf den Hof geführt, ich stieg auf. Der Pferdeführer ließ uns nach kurzer Zeit frei laufen. Das Pferd wollte in den Stall zurück, ich konnte es auf dem Weg nicht anhalten. Der Eingang zum Stall war nicht hoch genug um Ross und Reiter gleichzeitig hinein zu lassen. Ich wurde abgeworfen, das Pferd trabte alleine in den Stall. Zum Glück hatte ich mich nicht verletzt.
Zu Tilla und Marion bestand bis zum Tod enger Kontakt. Marion haben wir mehrere Male in Portugal besucht und dort auch viele Familienangehörige getroffen. Hedi trafen wir auf dem Geburtstag von Marion in Portugal. Bis heute besteht noch reger Briefkontakt zu Hedi in Kanada.

Geschwister Christel, Michael, Uli und Klaus Becker 1943. Die anderen Geschwister waren zu dieser Zeit unter anderem im Löwental bei Bad Nauheim

Vertreibung für die Bodenreform in der SBZ

Letzter Akt: Im Oktober 1945 erschienen eines späten Abends in Begleitung von uniformierter Polizei zwei Schlapphut- und Ledermanteltypen. Sie verkündeten meinem Stiefvater, er sei, wie alle anderen Großgrundbesitzer auch, verhaftet und würde eingesperrt, um zu verhindern, dass die Bodenreform torpediert würde. Offenbar waren auch wir für jene Reform gefährlich, denn einer der Polizisten kam zurück und teilte uns mit, wir müssten bis zum nächsten Mittag um zwölf den Ort verlassen haben, dürften nur mitnehmen, was wir tragen könnten, also keineswegs unseren Ponywagen benutzen und es sei verboten wiederzukommen. Also begannen wir zu packen, bis alles in einen Rucksack und ein Handbündel passte, denn für uns Kinder zu bewältigende Koffer hatten wir nicht. Mehr als von allen meinen Sachen fiel mir der Abschied von unserem Hund schwer, den wir zurücklassen mussten. Noch viele Jahre später träumte ich davon.

Beschwerliche Flucht
Wir fuhren nach Weimar, ohne zu wissen, wo wir unterkommen könnten, hatten aber Glück und wurden im Hotel Fürstenhof aufgenommen. Von dort aus besuchte meine Mutter täglich ihren Mann, der in der Nähe im Gefängnis saß. Anfang November erhielten wir den Hinweis, dass sich alle Angehörigen der verhafteten Gutsbesitzer mit Marschverpflegung für 14 Tage zwecks Abtransport irgendwohin melden müssten. Natürlich wollten wir das nicht abwarten, und so wurde beschlossen, dass meine Mutter versuchen sollte, sich allein mit ihren drei Töchtern nach Hamburg durchzuschlagen. Mit dem Personenzug fuhren wir von Weimar nach Leinefelde und weiter nach Worbis. Von da machten wir uns zu Fuß auf den Weg nach Kirchohmfeld, von wo aus wir durch Wald und gepflügtes Ackerland quer über das Ohmgebirge in Richtung Grenze und Duderstadt stolperten.

Die Grenze überquerten wir an einem Wachturm, der innen beleuchtet war und die Soldaten des-halb nicht wahrnehmen konnten, was draußen in der Dunkelheit geschah. In Duderstadt herrschte Sperrstunde, deren Ende wir in einem offenen Unterstand für Kühe abwarteten, der, wie wir bald merkten, offenbar auch kürzlich benutzt worden war. Am Morgen marschierten wir dann ans andere Ende der Stadt und fuhren mit dem Bus nach Göttingen, von wo aus wir mit dem Güterzug zunächst nach Uelzen, dann bis zum Güterbahnhof Hamburg-Harburg fuhren. Wenigstens kamen wir gesund bei meiner Großmutter an.

Das Kinderzimmer der drei Stieftöchter des letzten Tannrodaer Gutsherren

Mein Stiefvater kam nach seiner Entlassung auch nach Westen, blieb aber in einem Dorf in der Nähe von Göttingen, da wir in Hamburg ja selbst kaum Platz und Nahrungsmittel hatten. Er starb dort in Groß Schneen am 29. Juli 1959, nachdem die Ehe 1948 geschieden worden war. Meine Mutter, an der ich als Jüngste besonders hing, war eine eher verschlossene Frau, tatkräftig und diszipliniert, die einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte. Unter den Erwachsenen gab es kaum Verbindungen zu den Bewohnern des Ortes, für die wir Norddeutschen immer „die da oben vom Schloss” blieben. Das bekamen auch wir Kinder zu spüren, wenn ich zum Beispiel von einigen Schulkameraden „Baron” genannt wurde, was ich als sehr verletzend empfand, obwohl es sicher nicht so gemeint war.

Rückkehr nach 55 Jahren

Als ich nach 55 Jahren zum ersten Mal wieder nach Tannroda kam, um den Erinnerungen an meine dortigen Kinderjahre nachzugehen, hatte ich nicht erwartet, dass mich noch jemand kennen würde. Deshalb war ich voll kommen überwältigt von dem liebenswerten Empfang durch meine früheren Klassenkameraden. Seitdem ist der Kontakt nicht mehr abgerissen und ich hoffe, dieses Jahr wieder nach Tannroda zu kommen.

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