Unterwegs auf der schwierigsten Zugstrecke der Welt

Hinter dem hölzernen Bahnhofsgebäude dampft eine mehr als 100 Jahre alte, schwarze Lokomotive vor sich hin: der „Tren Ecuador“. Der „Zug Ecuador“ verbindet seit 1908 die Pazifikmetropole Guayaquil mit der Anden-Hauptstadt Quito, der höchstgelegenen Kapitale der Welt. Eine mörderische Zugstrecke auf 450 Kilometern Länge.

Ausschnitt aus der Reportage über den „Tren Ecuador“

Ein Projekt des Präsidenten Eloy Alfaro, erzählt Alex Ortiz, Zugbegleiter im „Tren Ecuador“: „Präsident Alfaro hatte ein großes Ziel: das Land mit Hilfe des Zuges zu vereinigen. Früher war es eine schwierige Wegstrecke, und sie war gefährlich: Es gab Raubüberfälle, Überschwemmungen und Erdrutsche. Die Reisenden haben ihr Testament gemacht. Es war eine Vision des Präsidenten Eloy Alfaro, eine moderne Verbindung zwischen der Hauptstadt und dem wichtigsten Hafen herzustellen, so dass man nicht mehr auf Eseln und Maultieren bis zu 29 Tage für die Reise nach Quito brauchte.“

Seit 2013 fahren wieder Züge von 0 auf fast 4.000 Meter Höhe
Nach langer Unterbrechung schleppen sich seit 2013 wieder Züge von null auf fast 4.000 Meter Höhe: von der Küste ins Hochgebirge, vom Pazifik in die Anden, von Guayaquil bis Quito.
Guayaquil ist als Handels- und Industriezentrum weit bedeutender als Quito und mit seinen vier Millionen Einwohnern auch ein Drittel größer als die Hauptstadt. Über den Hafen wird seit jeher der Handel des ganzen Landes abgewickelt, von hier werden vor allem Bananen, Kakao und Shrimps in alle Welt verschifft.

Zwischen den Anden und dem Pazifik, zwischen Quito und Guayaquil, gibt es einen ständigen Wettstreit: die politische Macht gegen die wirtschaftliche. Die Quiteños blicken auf die Bewohner der sonnenverwöhnten Küste mit Hochmut herab, nennen sie extrem abwertend „Monos“, Affen, weil hier unten mehr getanzt, mehr getrunken und mehr geliebt wird. So jedenfalls das Vorurteil. Die lebenslustigen Küstenbewohner dagegen halten die Hochländer für eingebildet und arrogant.

Die hundert Jahre alte Dampflokomotive zieht die drei luxuriösen Waggons des „Tren Ecuadors“ hinaus aus der lärmenden Metropole Guayaquil in die Weite und Schwüle der Subtropen, vorbei an großen Plantagen. Als der Zug das erste Mal hier vorbei stampfte und dampfte, war Ecuador noch weitgehend feudalistisch organisiert. Besonders an der Küste lebten die Menschen strikt getrennt in arm und reich: elitäre Großgrundbesitzer und arme, abhängige Arbeiter und Bauern. Diese mussten auf den Zuckerrohr- und Bananen-Plantagen in der sengenden Sonne schuften. Präsident Eloy Alfaro setzte damals eine gewisse Modernisierung durch:

„Er trennte Staat und Kirche. Er führte das Wahlrecht für Frauen ein und gewährte Frauen auch erstmals den Zugang zu höherer Bildung. Er war ein liberaler Präsident. Wohl zu liberal für seine Zeit. Alfaro hatte viele Feinde und wurde schließlich ermordet. Aber sein Vermächtnis, der Tren Ecuador, war damals das wichtigste Projekt der ganzen Epoche. Und eigentlich kann man erst seit dieser Verbindung zwischen den beiden wichtigsten Städten von einem geeinten Land sprechen.“

Kaffee und Kakao
Im Zug wird Kaffee und Kakao serviert. Beides stammt von den Plantagen, die am Zugfenster vorüberziehen. Auch an der Kakao-Plantage von Nils Olsen. Die Hacienda des 65-Jährigen blonden Hünen umfasst 500 Hektar, mehr als 700 Fußballfelder. Sein Großvater ist von Schweden nach Ecuador ausgewandert. Auf seiner Plantage wächst ein besonderer Kakao, der nur für feinste Schokoladen verwendet wird. Chocolatiers in der ganzen Welt bestellen in Ecuador, erzählt Nils Olsen: „Pepa de Oro, goldene Bohne, nennt man den Kakao mit diesem einzigartigen Geschmack. Und der hat die Plantagenbesitzer reich gemacht! Viele haben früher so viel Geld verdient, dass sie lediglich einmal im Jahr ihre Pflanzungen besucht haben. Sie lebten in Europa, kamen im Dezember zur Erntezeit, ließen die Kakaobohnen pflücken und verkauften sie dann in Europa. Sie mussten sich nicht mal um die Bewässerung Sorgen machen, weil sich unser Klima schon um alles kümmert. Sie sind steinreich geworden mit der goldenen Bohne.“

„Kakao ist für uns die Goldene Bohne“

Nils Olsen, 65, Haciendabesitzer

Der „Tren Ecuador“ lässt die fruchtbare Küsten-Landschaft langsam hinter sich und schlängelt sich rund 50 Kilometer ins Andenvorland hinauf. Bis zur Hauptstadt Quito braucht der Zug drei Tage. Der Überlandbus benötigt lediglich acht Stunden – wenn es keine Überschwemmungen oder Erdrutsche gibt.
Die Zugstrecke war schon beim Bau die schwierigste der Welt – und das ist sie auch heute noch. Es gibt Erdrutsche, das Klima hier am Äquator setzt dem Material zu. Und eine Straße instand zu halten, ist viel günstiger, als einen Zug zu betreiben. Auch ist der Bus sehr billig. Für drei Dollar kommt man hier schon 80 Kilometer weit.

„El Nariz del Diablo“ – die Teufelsnase
Nicht mehr Palmen, sondern Laubbäume, Büsche und Grasland bestimmen das Andenvorgebirge. Schafe und Alpakas tauchen auf – und plötzlich eine markante, riesige Felswand hinter einer Gleis-Windung: ein scharfer Grad, der links und rechts fast gleichschenklig abfällt. Bis an seine Spitze sind es rund 500 Meter.
„El Nariz del Diablo“ – die Teufelsnase. Statt durch diesen imposanten Felsen einen Tunnel zu bauen, hatten die Brüder Archer und John Harman Anfang des 19. Jahrhunderts die ungewöhnliche Idee, den Berg im Zickzack-Kurs zu überwinden.

Von der Küste in die Anden

Riobamba. Die Hauptstadt der Provinz Chimborazo
Am nächsten Morgen erreicht der „Tren Ecuador“ Riobamba. Die Hauptstadt der Provinz Chimborazo gilt als eine der ersten Stadtgründungen der Spanier in den Anden. Heute ist sie ein wichtiges Agrarzentrum. Es ist empfindlich kalt. Eisig fegt der Andenwind von dem Schneeriesen Chimborazo herunter. Die beiden Heizer der Dampflok, die den Zug jetzt wieder zieht, tragen gegen die Kälte Handschuhe. Mit Schmackes schaufeln sie Kohle in die Brennkammer.

Hacienda bei Alausí

Panamericana – Einfahrt des Zuges in den Bahnhof von Quito

Von Süden rollt der Zug nach Quito ein, kreuzt die legendäre Panamericana –  die Straße, die von Feuerland bis nach Alaska durch beide Kontinente führt. Seit Riobamba geht es nur noch bergab: in die höchste Hauptstadt der Welt. Quito liegt auf 2.850 Metern und übertrifft damit die Hauptstadt Boliviens, Sucre. Klar, dass Quiteños wie Universitäts-Dozent David Villarreal mächtig stolz sind: „Viele denken, dass La Paz in Bolivien die höchste Hauptstadt wäre. Es liegt auf 3.600 Metern. Aber La Paz ist nicht die Hauptstadt, sondern lediglich der Regierungssitz. Die Hauptstadt ist Sucre! Und dies liegt mit 2.800 Meter 50 Meter tiefer als Quito. Das heißt wir haben tatsächlich die höchste Hauptstadt der Welt.“

Versöhnung mit dem Ex-Präsidenten

Längst haben sich die Ecuadorianer versöhnt mit ihrem Ex-Präsidenten. Plätze werden wieder nach ihm benannt und Statuen aufgestellt, vor allem an der Strecke des Tren Ecuador. Sie erinnern an einen Präsidenten, der sich für das kleine Land am Äquator engagiert hat. Wenige Jahre nach der Jungfernfahrt mit dem „Tren Ecuador“ musste der Präsident eine weitere Reise antreten, allerdings sollte er nach Quito gebracht werden, um vor Gericht gestellt zu werden. Der Vorwurf: Korruption beim Bau der Eisenbahn. Die Bevölkerung Quitos, die ihn vier Jahre zuvor noch gefeiert hatte, zerrte ihn jetzt auf die Straße, folterte ihn öffentlich, ermordete ihn auf grausame Weise und leiß seine Überreste auf den Straßen der Hauptstadt liegen.

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