Brief von Julius Mannhardt an seinen Sohn Wolff vom 5. April 1878

Die Abschrift fertigte dankenswerterweise Renate Sternel (Poppenbüttel, Nachkommen von Natalia Mannhardt) an. Die Rechtschreibung orientiert sich am Original. Mögliche Lücken und Unklarheiten werden durch ? und kenntlich gemacht.

Mein lieber Wolff, Florenz, 5. April 78

es ist jetzt wirklich warme Frühlingsluft, und die werdet Ihr nun auch spüren. Ich befinde mich wieder so ziemlich. Da ich aber meist zu Hause bin, so habe ich, um mich allein zu amüsieren, wieder angefangen, in Ton zu modellieren, und mache ein Reliefbild nach einer Zeichnung von Leonardo da Vinci.
Den hiesigen Bekannten geht es gut – Es haben die Kinder bei Azzolino’s die Masern gehabt und Dino ist ziemlich krank dabei gewesen.
Mama und den Kindern geht es gut, wie sie mir schreiben.
Ich schicke Dir anliegend einen Brief für Großmama, eine Briefmarke, und einen Brief, welchen Du am 10. April dem alten Onkel Johannes an seinem Geburtstage übergeben sollst.
Ich habe vergessen, Dir früher zu sagen, daß ich die 2 Lire erhalten habe, und daß ich Dir dafür ein Äquivalent schuldig bleibe – (hoffentlich verstehst Du die Bedeutung dieses Wortes). –

Vorigen Sonntag hatte ich bei Farinolas gegessen und ging nachher zu Mad. ((Madame)) Marliani, welche mit Mad. Sella aus Rom angekommen war. Man hatte in den Tagen vorher schon viel von einem indischen Prinzen gesprochen, der auf der Jagd von einem Löwen verwundet und nach Florenz gekommen sei, um sich zu heilen. Es hatte das in den Journalen gestanden, und Manche behaupteten, die Inder gesehen zu haben. Als ich nun durch die Stadt ging hörte ich von einem Zeitungsverkäufer ausrufen: Tod und Verbrennung des indischen Prinzen. – Als ich zu den Damen kam, fand ich sie in großer Aufregung mit der Zeitung, worin stand, daß der Prinz mit allem indischen Pomp um 12 ½ Uhr Nachts am Ende der ((Ortsbezeichnung)) verbrannt werden würde. Sie sagten mir, sie hätten schon einen Wagen bestellt, um hinauszufahren. Ich warnte sie zwar, sich erst besser zu erkundigen, obgleich ich nicht daran dachte, dass um 12 Uhr der 1.April anfing – sie sagten aber, es sei ganz sicher und alle Welt führe hinaus. So ließ ich mich denn überreden mitzufahren – und nachdem wir die lange Zeit bis 12 Uhr durchlebt hatten, packten wir uns in eine Kutsche und fort giengs.
Am Lung‘Arno strömten die Menschen, Equipagen, Omnibus u.s.w. hinaus zu den ((Ortsbezeichnung wie zuvor)) Ich war aber so schlau, am Thore halten zu lassen und die Beamten zu fragen, welche sich ungeheuer über die Menge Volks amüsierten, und Niemanden warnten. Auf Befragen aber erfuhr ich, daß das Ganze ein großer poisson d’Avril war – daß ganz Florenz und wir dazu, in den April geschickt seien – und Du kannst Dir denken, mit wie langen Gesichtern und wie kleinlaut die Damen nach Hause fuhren.
Grüße Tante Anna und Onkel Johannes und H Normann von mir, mein lieber Wolff. Ich hoffe, Du bist wohl und munter – es grüßt Dich von Herzen Dein Papa