Tagebuch der Schwester von Julius, Tante Anna, genannt Ansch

Mannhardt, Anna (Ansch) Viktoria, * Hanerau 4.5.1839, + ebd. 17.12. 1893, war im Knabenpensionat ihres Bruders Johannes tätig; unverheiratet. Aufgenommen: Fotografisches Atelier V. J. Lüttgens Adolphsbrücke Nr. 8

Die Familie von Julius Mannhardt (1864-1893) lebte von ca. 1869 bis ca. 1872 in der Toskana in Bagni di Lucca und in Florenz:
„In Florenz bewohnte Mannhardt nacheinander die dem befreundeten Marquese Gentile Farinola gehörenden Villen Scandici, Torre Galli und schließlich San Lionardo; außerhalb der Porta San Giorgio. In letzterer machten sie ein großes Haus, dank der reichen Einnahmen aus der Praxis des Mannes, zu dessen Patienten auch die königliche Familie gehörte.“ Autorin im Mannhardtschen Familienbrief Heft 14 von 2005.


Als Kindermädchen begleitete Anna Mannhardt, seine Schwester (1839 bis 1893) die Familie. Ihr Ruf als Künstlerin lebt noch heute weiter. Das Haus in der Mannhardtstr. 67 am Stammsitz der Familie in Hanerau hat ein Zimmer, das „Atelier“ genannt wird. Durch einen Durchbruch wurden damals größere Fenster eingesetzt, so dass Anna – genannt Ansch – hier mit ausreichend Licht arbeiten konnte.
Zu ihren Hinterlassenschaften gehören Stoffarbeiten, Bilderrahmen, die sie mit einer speziellen Technik bemalte wurden (offenbar hat sie weiße Glaséhandschuhe dafür verarbeitet) und viele Zeichnungen auf Holz und Papier. Die (Auf)-Zeichnungen von Ansch aus der Zeit in Florenz werden hier veröffentlicht. Vielen Dank an Wulf Becker, der das Tagebuch zur Verfügung gestellt hat. Die Abschriften machte sehr wahrscheinlich seine Mutter, Mathilde Becker (geb. Krombach).

Unter den Datum des 1. März 1870 beschreibt Ansch farbenfroh einen Kutschausflug zum Karneval nach Florenz mit den Etappen: Chiesa di Santo Spirito – Palazzo Corsini al Parione – Piazza di Santa Croce – Passeggiata Arno

Auch einen Hängeschrank, der es auf verschlungenen Wegen von Hanerau nach Kanada zur Nachkommin Ines Mannhardt geschafft hat, hat sie mit einem Stammbaum der Familie versehen.

Abschriften aus dem Tagebuch von Anna „Ansch“ Mannhardt aus der Zeit in Florenz

Aufzeichnungen von Tante Anna „Ansch“ Mannhardt aus der Zeit in Florenz mit der Familie ihres Bruders Julius Mannhardt. Vom 1. 9. 1869 (Reisebeginn) bis ca. 1871
Anna (Ansch) Viktoria, * Hanerau 4.5.1839, + ebd. 17.12. 1893, war im Knabenpensionat ihres Bruders Johannes tätig und blieb unverheiratet und kinderlos.

Durch längeres Zusammensein schon vor 3 Jahren in Hamburg und jetzt in Italien hat Tante Anna Gelegenheit in dieser „kleinen Welt“ zu leben und es ist ihr eine große Herzensfreude. Die Kinder, deren offene Stirnen eine Empfehlung für Wahrheitsliebe tragen und deren gute Anlagen und froher Sinn ihnen viele Herzen zuwenden sind auch hier Recht der Mittelpunkt unseres häuslichen Kreises. Die Lücke, die die leider eingetreten ist, wird schmerzlich empfunden und auch Willi fehlt hier und erfreut der Großeltern Herzen in Hanerau durch seine Gegenwart.

Willi Wilhelm Mannhardt

Willi [21. Mannhardt, Wilhelm, * Hamburg 16.11.1861, + Florenz 31.12.1873] mit seiner Lebendigkeit, dem guten Kopf, seiner regen Fantasie seinem guten Gemüt ist ein rechter Junge. Er denkt viel, träumt von Heldentaten und hört nichts lieber erzählen als von solche und doch fehlte ihm mitunter noch an Mut und fremden Personen gegenüber macht in stumm und unbeholfen.

Eine der Zeichnungen im Tagebuch von „Tante Ansch“. Sie stellt eines der Kinder von Julius dar, die Anna in dieser Zeit liebevoll gemeinsam mit der Mutter Mathilde versorgte.

Mannhardt, Mathilde

Mit Mathilde [22. Mannhardt, Mathilde, * Hamburg 22.12.1862, + Florenz 12.1.1876], die ihn jetzt am meisten vermisst, neckt er sich gerne, wozu er überhaupt Neigung hat. Diese beiden gleichen sich am meisten in ihrer äußeren noblen Haltung und Anlagen nach. Tilli ist ein lebhafter, fröhlicher Schmetterling sie besitzt ein sanguinisches Temperament, leichte Auffassungsgabe, einen hohen Schönheitssinn ein gutes Urteil in kindlicher Weise und viel Geschick und Freude an weiblicher Handarbeit und kleinen Handleistungen.
Ihr tiefes, anhängliches Gemüt äußert sich selten sie verbirgt es lieber und Schmerzen und kleines Leid erträgt sie mit einem gewissen Heroismus.

Wolf Mannhardt

Wolf, der gute Junge, wie man ihn oft nennt hat ein wirklich goldenes Gemüt und seine großen dunklen Augen sprechen dieses aus. Wie die anderen faßt und lernt er leicht, sein gutes Gedächtnis seine Ausdauer und Ruhe und eine noch schnellere Auffassung machen ihm das Lernen leichter wie den beiden anderen. Dazu besitzt er einen Eifer, der nie angespornt zu werden braucht. Der Mangel an Spielkameraden und der Umgang mit den beiden Schwestern geben ihm etwas mädchenhaftes und seine Zerstreutheit, die sich seit einiger Zeit bei ihm zeigt, äußert sich in oft recht komischer Weise. Sein Eifer, anderen gefällig zu sein, wird mitunter eine Quelle des Verdrußes für ihn selbst, wenn dieser ihn schneller führen will als seine Beine erlauben.
Unsere liebe kleine Pute [24. Mannhardt, Franziska Viktoria (Panchita), * Hamburg 7.10.1865, + Rom 21.4.1904, Florenz; unverheiratet] ist ein kleines Original und es gibt nichts Verschiedeneres als die beiden kleinen Schwestern. Mathilde mit ihrer kleinen graziösen Figur, zierlichen Bewegungen und lebhaften Augen ist ein rechtes Gegenstück zu der kleinen gedrungenen dicken Figur Panchitas (Pute) mit den ernsten, träumerischen Augen, dem oft melancholischen Ausdruck derselben, ihrer pedantischen Ruhe, die an Phlegma grenzt und ihrem Hang zur Hypochondrie, ein altjüngferliches kleines Wesen, wie es ein Kind von 4 Jahren nur sein kann. Und doch ist sie ebenso anziehend in ihrer Eigentümlichkeit, daß sie einem recht ans Herz wächst, ihr kleiner kluger Kopf ist voll drolliger Einfälle und mit ihrem hellen Verstand verbindet sie ein gutes, anhängliches Gemüt und eine außerordentliche Entschiedenheit und Festigkeit des Charakters und Willens. Sie redet nicht allzuviel und doch kann sie so herzlich lachen, wenn man mit ihr spielt und plappert in der kindlichen Weise.
Auf der langen und oftmals beschwerlichen Reise betrugen sie sich sämtlich wie routinierte kleine Reisende, obgleich ihre Geduld oft auf die Probe gestellt wurde.

Reisebeginn 1.9.1869: Hanerau – Itzehoe – Heidelberg
Am 1. Sept. fuhren wir von Hanerau, am 12. erreichten wir erst Florenz. „Sind wir nun in Florenz“, fragte Pute, als wir in Itzehoe einfuhren. Als sie hörte, daß sie noch lange reisen mußte, beschloß sie, nicht eher zu schlafen als bis sie ihr Ziel erreicht, was sie jedoch schon nach einigen Stunden durch festes Schlafen im Coupé dementierte.
In Heidelberg wurden die Sehenswürdigkeiten schon sehr genoßen, besonders von Mathilde und Wolf, die kaum erwarten konnten, nach dem Schloß zu gehen. Wolf schalt auf die bösen Franzosen und war voller Erstaunen, als er am Fenster der Castellanswohnung noch einen Vogel im Käfig und Blumentöpfe sah: „die müssen doch schon sehr alt sein“, während Tilli nun von dem „sprengenden“ Turm sprach.


Auf der Reise durch die Schweiz zeigten sie, besonders Mathilde, sich sehr empfänglich für die Schönheiten der Natur, auch die Geschichte des Tell interessierte sie sehr und die betreffenden Orte wurden mit Interesse betrachtet. Die Fahrt über den St. Gotthardt genossen sie ebenfalls, wenn es auch sehr kalt gefunden wurde dort oben, aber die Wasserfälle, Brücken und Sennhütten boten viel Anziehungskraft. In den dunklen Reisekleidern mit den schwarzen Ledertaschen, die Proviant und Unterhaltung für Langeweile enthielten, sahen sie ganz reisekostümiert aus.
In Andermatt wurden Panchitas Stiefel gestohlen und mußte sie bis Lugano in Gummischuhen weiterreisen. Bei aller Sorge haben die Kinder uns viel Freude auf der Reise verschafft, was beides je ganz besonders von dem Kleinen hervorzuheben ist, der trotz aller Strapazen die ganze Reise so gut bestanden hat und intellektuelle Fortschritte machte.
In Lugano blieben wir 3 Tage, das Klima und die Natur sind herrlich und diese Rast, die durch das verspätete Ankommen des Gepäcks verursacht war, war sehr angenehm, wenn auch die italienischen Gasthäuser dies weniger sind.
Die Fahrt bis Lugano über den Monte Cenere mit dem Vorspann von Ochsen, die herrliche Natur, das Tessintal mit den zahlreichen Wasserfällen, den Weingärten, den anmutigen Bergen und den an denselben liegenden Ortschaften, den vielen Kapellen und Heiligenbildern riß die Kinder oft zum Entzücken hin. Wie süß und wie reizend ertönte es oft, auch Pute teilte diese Bewunderung und Freude. In Carmolata, wo wir die letzte Nacht, aber auch in dem sehr schlechten italienischen Gasthaus, war großer Jubel über das große Bett, in dem sie alle drei schliefen und am folgenden Tage machten wir die letzte 13 ständige Fahrt bis nach Florenz.
Tage der Trauer: Bruder Julius verstirbt
Das Leben in dieser Stadt, wo wir zweimal die Wohnung wechselten, gab uns heitere Tage im Anfang bis dann Trauertage folgten und Brüderchen genommen wurde. Im Anfang begriffen die Kinder es kaum, daß es für immer fort sei und fühlten den Verlust erst allmählich, sprachen viel von ihm und fragten, wie er es im Himmel habe. Besonders bei Tilli zeigt sich ihr tiefempfängliches Gemüt, ihr beständiges Reden von Julius [25. Mannhardt, Gustav Julius, * Hanerau 26.7.1868, + Florenz 12.10.1869] zeigt, wie lieb sie ihn gehabt und wieviel sie an ihn denkt.
Wolf: „warum hat der liebe Gott das Brüderchen sterben lassen“
Pute: „Ja, das ist auch recht häßlich vom lieben Gott“
Wolf: „alles, was der liebe Gott tut, ist gut, sagt Mama und ich sage es auch.“
Pute: „Die Engel sind aber auch gut. weißt du, Wolf, die haben nichts zu essen, dann können sie auch sterben.“
Wolf: „nein, sie sterben niemals und sie essen auch“
Pute: „aber sie haben keine Teller „
Wolf: „o ja, goldene Teller“
Pute: „aber trinken können sie nicht, denn sie haben keine Tassen“
Das weiß Wolf nicht zu widerlegen und meint, was Brüderchen wohl für Flügel hat, vielleicht goldene?
Pute: „nein, ich glaube grüne und ausgezackte wie die Engel die wir heute sahen, in der „Lotterie“. Wolf lacht sie aus und verbessert „Galerie“ und meint, es sei doch ein schweres Wort und wenn er nach Hanerau käme, könne er es nicht erzählen, womit die Uffizien gemeint waren.
Pute: „wir gehen jetzt immer in dem König sein Haus, ich mag es nicht jeden Tag, ich will noch in eine andere Stadt und andere Bilder sehen.“
Wolf aber sehnt sich jetzt nach Papas Kommen, damit es zu Tisch gehen kann und beklagt, daß es heute kein Abendbrot mehr gebe, wenn so spät gegessen wird.
Pute sagt sehr entschieden: „Abendbrot will ich haben und auch Lotterie spielen, sonst sterbe ich vor Hunger „
Wolf: das will ich Mama sagen, du haut heute schon so viel gegessen“
Mathildens Bemerkungen sind oft sehr ergötzlich, wenn wir in Galerie etc. gehen. Bei den Bronzesachen fand sich ein Rest eines Fußes und während sie die „reizenden Nippsachen“ bewunderte, rief sie „pfui, da ist auch ein alter, kaputter Schuh “. ln der Kirche hielt sie eine Armenbüchse für einen Briefkasten und wunderte sich, einen solchen in der Kirche zu finden.

Im Kloster San Marco hält Pute den Heiligenschein für einen goldenen Teller. Als Mama ihnen sagt, wie gut sie es hätten anderen Kindern gegenüber und Tilli sagte, Sonntag sei der schönste Tag, ruft Pute, „nein, Sonntag gibt es kein Mittagessen, sondern nur Frühstück“.
Pute: „es ist doch köstlich vom lieben Gott, einen Augenblick regnet es und gleich scheint wieder die Sonne.“ Beim Beten unterbricht sie sich oft und macht Fragen. „alle Menschen groß und klein“ läßt sie an die kleinen Schornsteinfeger in der Stadt denken, von denen sie gehört, dass die oft vor Hunger sterben und schließt sie deshalb besonders in ihre Bitte ein.
„Herr laß ruhen in Deiner Hand “ veranlaßt sie zur Frage “ hält der liebe Gott uns in dieser oder in der linken Hand?“
„Mama die Weintrauben hängen noch höher als der Himmel “ und es stellt sich heraus, daß sie die Fruchtkammer meint, wo Antonio sein Obst bewahrt und die über dem großen Billiardzimmer mit dem Deckengemälde in Scandicci liegt.
Mit Antonio haben sie große Freundschaft geschloßen, er hatte die Kinder einmal mitgenommen und sie mit Weintrauben und Nüßen beschenkt.
Am 17. Dez. zogen wir nach 6 wöchentlichem Aufenthalt aus der Villa Scandicci nach dem alten Schloß Torre Gallo, das der Marchese [gemeint ist möglicherweise Marchese Paolo Gentile Farinola] so gut wie möglich für den Winter hatte herstellen lassen. Der Umzug machte den Kindern viel Vergnügen und sie halfen wieder mit. Es war ihnen sehr leid den schönen Park und Dada, das zahme Lamm zu verlassen, aber das Heu hat auch viel Reiz und die Reise nach Torre Galli wer ein Ereignis, wenn es auch nur eine Entfernung von einigen Schritten ist und Weihnachten ist auch vor der Tür, wozu fleißig gearbeitet, gelernt und gesungen wurde.

Torre Galli
Also am 18. zogen wir ein und da auch die vielen Kisten aus Florenz ankamen, gab es viel auszupacken und einzurichten. Die Kinder fanden Ein Entresol zu einer Puppenstube und konnten sich kaum zu den Mahlzeiten davon trennen. Am Sonntag den 19. kam zum Frühstück Frl. Brunswick, die von Constantinopel gekommen und am Abend zu unserer großen Freude Eugen aus Krain, um die Festzeit mit uns zu verbringen. In den nächsten Tagen gab es mancherlei zu beschaffen. Eugen ging mit Julius meistens zur Stadt und sie kamen gewöhnlich wie Weihnachtsmänner beladen zurück. Am 22., Tillis Geburtstag, war wieder ein Freudentag für die Kleinen und Tilli besonders sehr glücklich über ihren Geburtstagstisch. Am 25. wurde der Weihnachtsbaum aufgeputzt, den Eugen aus Krain mitgebracht und mit Mandarinen, Confect und bunten Papierblumen schön geschmückt. Am 24. blieb Eugen und Julius kam früher nach Hause.
Da Antonio nicht geruhte, seine Pflicht zu tun, machten Julius und Eugen einige Sägeübungen. Da Ferdinando ebenfalls ausblieb, gingen Eugen und ich im Mondschein aus und brachten – und nachher auch der Gärtner – eine hübsche Portion Lorbeeren, sodaß der Salon mit seinen bunten Decorationen sich sehr hübsch mit Tanne und Lorbeerschmuck ausnahm. Wie glücklich waren die Kinder, nachdem noch die “ schönste Zeit “ gesungen, den hellen Lichterglanz sahen. Sie hatten sich so wenig Erwartungen gemacht und waren nun wirklich überrascht. Der Jubel über die vielen schönen Sachen war groß, die Krippe mit den Figuren machte ebenfalls Freude. Tilli, die sich ein Puppenhaus gewünscht und aus Bescheidenheit nicht gewagt hatte, es zu äußern, war erfreut, ein solches zu finden und die vom Papa auf die eine Wand gemalte Kapelle mit der Madonna erregte großes Bewundern. Da war dann auch noch die Hanerauer Kiste – die gute Großmama hatte sich nicht abweisen lassen, einige Liebesgaben zu senden, sowie die üblichen braunen Kuchen, die wir nicht hatten backen können, von denen Mathilde [offenbar ist die Mutter Mathilde gemeint: Mathilde de la Merced Vollmer y Rivas, * Plantage El Palmar b. Caracas/Venezuela 24.9.1842, + Lübeck 24.5.1896] aber auch welche mitgebracht hatte nur Überraschung.
Nachdem der erste Jubel sich gelegt, Pute ihre gelben Stiefel probiert uno Wolf seine Soldaten mit größter Geduld wieder aufgestellt, wenn sie ihm wieder umgeworfen waren, setzten wir uns an den Kamin, nahmen Tee, lasen Briefe und waren innig froh – und doch zog ein schmerzlicher Ton durch die Freude – die Zahl war ja nicht vollzählig und wohl besonders im Mutterherzen richteten sich die Gedanken in die Ferne zu Willi und hinauf, wo der kleine Liebling unter den Engelscharen ein schöneres Weihnachtsfest feiert.
Am 1. Festtag kam Frl. Gottel mit Nora und brachten den Kindern eine schöne Bonbonniere in Form einer Laterne mit. Es war eine schöne, gemütliche Zeit. Leider regnete und schneite es fast beständig. Eugen mit Julius ging zur Stadt, abends lasen, plauschten, spielten Lotto mit den Kindern. Der 29. Dez. brachte helles, freundliches Wetter, Schnee auf den Bergen und hier unten warmer Sonnenschein, so hatte Eugen noch die letzten Tage schönere Eindrücke von der Natur. Am 31. abends reiste er ab, Julius begleitete ihn nach Florenz und kam gerade beim Jahreswechsel zurück.

1870

Am Neujahrstag wurde unter großem Jubel der Baum wieder angezündet und geplündert und wieder Lotterie gespielt. Pute war seit einigen Tagen stark erkältet, erholte sich aber schnell wieder. Dann kam Wolf an die Reihe, hatte starkes Fieber, darauf legte sich Mathilde und blieb fast 3 Wochen fest im Bett. Pute fühlte sich recht einsam unten. Von der Mama treu gepflegt und gehegt, blieben die beiden geduldigen Patienten oben und erst an Wolfs Geburtstag durften sie wieder hinuntergetragen werden.


Während der Zeit hatte der Maler Sontags angefangen, den Papa zu malen und Pute machte ihre Bemerkungen dazu. Die kleinen FArinolas waren auch einige Male hier gewesen. Am 5. Februar waren sie alle wieder ganz gesund und konnten sich Papas Geburtstag erfreuen. Die kleinen Arbeiten der Kinder wurden aufgezeirt, es wurde gesungen und aufgesagt und für Kuchen hatte Mama reichlich gesorgt.
Im Februar sind schöne Frühlingstage Schnee auf den Bergen, Veilchen, Lilien, Anemonen und NArzisen blühen in Fülle auf den Feldern. Wir machten hübsche Spaziergänge.die Kinder tummelten sich im Freien und sind vergnügt. Der Winter soll ungewöhnlich strenge gewesen sein, hier wie überall. Wir haben oft abends gefroren und zogen uns ganz in das letzte, mit einem Ofen versehene Zimmer zurück.

  1. Februar
    Heute bei köstlichem Frühlingswetter hatten Mathilde und ich einen Schrecken. Ihr könnt heute recht spazieren gehen, geht den Hügel hinauf, sagte Mathilde zu den Kindern. Diese beuteten diese Erlaubnis gründlich aus, denn es verging eine 1/2 Stunde, eine ganze Stunde, 2 Stunden, die Kinder kamen nicht wieder. Ceco, Milchfrau und andere gehen auf Suche aus, endlich finde ich die 3 Kleinen Deserteure bei Saffiano, wo sie ganz vergnügt sich am Blumenpflücken ergötzen. Natürlich endet das Vergnügen nicht so sonnig und sie werden nicht wieder echappieren. Doch freute sich Julius über die unternehmenden kleinen Wanderer.
  2. März
    Am 1. März hatten wir alle ein großes Vergnügen. Es war wieder ein sonniger Frühlingstag, als wir um 1/2 9 uns in den Wagen setzten, der uns nach Florenz bringen sollte. Es war so warm, daß die Kinder in leichtem Sommerkostüm fahren konnten. Sie waren wie auegelassene Füllen und plapperten und freuten sich über alles, was auf dem Weg zu sehen war: Babies, Hunde, blühende Bäume, etc. Ein kleiner Hund ließ vom Book seinen Schwanz in den Wagen hängen und wedelte damit um Putes Kopf, das gab auch viel Spaß zum Lachen.
    Es war das erste Mal, daß wir wieder in Florenz waren. Die Fröhlichkeit der Kinder, die heitere Natur und Sonnenschein waren ansteckend und unwiderstehlich. In S. Spirito trafen wir Julius, der dann mit uns die Corsofahrt machte von mehreren Stunden. Nun fing der Jubel erst recht an. Pute kreischte oft laut und rief drohend mit emporgehobenem Finger: „Der, der hat mich geworfen“ in komischem Zorn, wenn ihre Nase getroffen wurde. Wolf saß beim Kutscher, Tilli sammelte Konfetti und reckte sie verschämt den andrängenden Leuten zu, die danach griffen. Die Masken und Aufzüge erregten große Heiterkeit besonders das Schiff mit der waghalsigen Mannschaft, die infolgedessen auch leider Schiffbruch erlitt, sowie der prächtige Zug des Carnevalskönigs, den Pute bestimmt für den König von Italien hielt, und sich ganz gehoben fühlte, dass seine Majestät sie mit Confetti geworfen hätte. Diese Riesenfigur mit Perücke und Zopf bot lange viel Stoff zu Fragen und Vermutungen.
    Sehr hübsch war eine antike Karosse mit Watte behängt, die Leute und Kutscher waren sehr gelungen. Als aber der Mama eine Mehltüte auf die Nase geworfen wurde und platzte, war große Heiterkeit, und dem Kutscher wurde der Hut abgeworfen, die kleinen kostümierten Kinder mit gemalten Bärtchen wurden sehr bewundert.
    Am Palzzo Corsini auf dem Balkon standen Marie und Nora und warfen hübsche Sachen in den Wagen, wenn wir vorbeifuhren. So gings bis zum Abend, die Lampen wurden angezündet, da waren die Kinder auch müde und wir fuhren nach Hause. Das neue Schauspiel hatte uns alle sehr amüsiert. Sie Straßen, Brücken, Plätze, jeder Raum war dicht gedrängt von den zahllosen Menschen, Kopf an Kopf, nur Raum für die Wagenreihen lassend. Ebenso waren die Fenster und Balkons besetzt, bunte Teppiche hingen herab und Regen von Confetti wurde herabgeworfen.
    Die schönen Paläste und Kirchen bildeten den herrlichen Rahmen zu dieser belebten Szene. Piazzo San Croce war besonders schön mit der weißen Fassade seiner Kirche, auf deren Stufen eine bunte Masse sich terrassenförmig erhob der große Platz mit dem großen Standbild Dantes, um das die Leute aus dem Volk sich tanzend schwenkte, die bunte doppelte Wagenreihe machte sich besonders schön. Auch der Lungo Arno bei Sonnenuntergang war sehr hübsch.

Die Schule ist auch ein Vergnügen für Tante Anna und die Kinder. Sie machen gute Fortschritte, besonders Pute, die sehr nett zu lesen anfängt. Ihre Buchstaben sind kräftig und charakteristisch. Etwas Musikstunde haben Mathilde und Wolf auch angefangen und macht Ihnen Freude. Mit zunehmendem gutem Wetter wird morgens der Papa begleitet, entweder geht Mama mit, aber meistens gehen sie alleine und kommen ganz vernünftig zurück, wenn die Dicke auch mitunter fällt.
Am 13. besuchte uns Herr Panofka zum ersten Mal, wir begleiteten ihn abends zurück, es war ein schöner Abend beim Mondschein, als wir am Berge unter den Oliven hingingen, Torre Galli und die Villa in magischer Beleuchtung unter uns.
Am 26. besuchten wir den Markt von Scandicci. Es war nicht viel zu sehen. Ein Improvisator stand auf seiner Tonne und hielt seine Reden, ein anderer hatte einen großen Kreis um sich versammelt und machte Kunststücke, die Kinder freuten sich über eine mäßige Spielzeugbude und an einigen sehr hübschen jungen Ochsen, sonst war nicht viel zu finden.
Am 7. April zogen Farinolas in ihre Villa ein, eine frohe Zeit begann. für die Kinder, sie waren viel im Park und Marie und Nora kamen angestürmt, um sie zu holen. Am nächsten Tag kam Nora angeritten, Marie rief die Kinder und glücklich zogen sie den Hügel hinauf, ein malerisches Bild. Wolf vorauf, dann Nora und Marie zu Pferde in ihren roten Jacken und großen Strohhüten, oben standen der Marchese und die Marchesa.
Der Marchese ließ die Kinder auch einige Male reiten, worüber sie nicht wenig stolz und glücklich waren.
Heute spielten die Kinder vor der Tür, sie wollten eine zerbrochene Puppe begraben. Wir waren oben und hörten ihre Reden durch das offene Fenster
„So“, sagte Pute,“ nun wollen wir warten und aufpassen, bis der liebe Gott oder ein Engel kommt, um sie in den Himmel zu holen, aber wir müssen ganz leise sein.“ Der Maler sollte die Kinder skizzieren doch mißlangen die kleinen Bilder und leider ist keines ähnlich geworden.
Die Osterwoche feierten Farinolas in der Stadt, wir gingen Karfreitag alle nach Florenz in die Kirche, wo wir eine gute Predigt hörten. Die Kinder waren recht aufmerksam, als aber der Pastor das
verpönte Wort „schrecklich“ aussprach, machten sie alle eine sehr fragende und verwunderte Miene und Bewegung. Wolf ist der Hauptaufpasser und wenn jemand „schrecklich, furchtbar, etc.“ sagt, wiederholt er es mit einem halb mokanten, halb entsetzten Ausdruck und da ein Soldo zur Strafe gesetzt ist, so hat er sich schon „viel“ Geld verdient, so dass er meint, Willi einen Strohhut kaufen zu können – der gute Junge!
Ostersonntag gab es neues Vergnügen. Der alte bewährte Freund, der Osterhase, der fast jeden Abend Kuchen zum Verspielen bringt, hatte seine bunten Ostereier im Garten zwischen blühenden Levkojen, Orangen und Nelken versteckt und das Suchen war ein großer Spaß. Auch hatten sich 6 kleine Kuchenosterhasen in ein Nest mit einem Ei für jeden gesetzt mit einem Spruch für jeden.
Herr Panofka kam und Mathilde, die Große, legte ihre ersten Singproben ab.
Am 23. fuhr Julius nach Bagni di Lucca und mietete eine Villa, dann kam die Packwoche und es gab viel zu tun, da die Sachen früher fortgeschickt wurden.
Am 30. April nahmen wir Abschied von den freundlichen Farinolas, nachdem noch in aller Eile ein Besuch bei den Seidenraupen gemacht worden war. Dann ging es nach Florenz, wo wir nach einigen Besorgungen mit Herrn Panofka zum Bahnhof gingen und frühstückten. Als dann Julius kam, war es Zeit, einzusteigen und dieser aß im Coupe, was wir mitgenommen. Die Fahrt bis Lucca ist sehr hübsch, aber schöner war an herrlichem Frühlingsabend die 3 stündige Fahrt in 2 offenen Wagen von Lucca bis zu den Bädern.

Bagni di Lucca
Eine der schönsten Fahrten, die wir bisher vielleicht gemacht, diese schnelle Fahrt durch das Gebirge, immer der rauschenden Lima zur Seite, die Berge von blühendem Goldregen, Heide, Ginster und Kastanien bedeckt, Weingelände, malerische Ortschaften und Brücken, von den schneebedeckten Häuptern höherer Bergspitzen überragt. Es wurde kühl und dunkelte bereits, als wir in unserer Villa ankamen, ein altes Haus mit ehrwürdiger Haustür, in Mitten eines schattigen Gartens mit Weinhängen und Lauben.
Am Sonntag machten wir eine Rundschau, gingen nach Ponte und über die Bagni Caldi zurück. Am Abend mußte dann leider der Papa weg und Herr Panofka fuhr mit nach Florenz zurück. Die folgende Woche verlief still, wir machten kleine Spaziergänge und erwarteten am Sonnabend Herrn Panofka. Er kam aber erst am Sonntag und o Freude, der Papa war auch wieder da und konnte bis zum Sonnabend bleiben. Das war eine frohe Woche. Die Singstunden fingen gleich mit der Mama an und Papa fing sogar auch an zu singen mit Herrn P. und war ein so eifriger Schüler, daß seine Scala schon um 8 Uhr aus dem Bette als Ständchen für Herrn P. hinauftönte. Il illustrissimo maestro erklärte, Papa habe einen guten Bariton. Als eines Abends Papa mit Mama ein Dett von 4 Tönen sang, gab es einen Triumph.
Spaziergänge, Ausfahrten und Eselreiten für die Kinder fehlten nicht in dieser Jubelwoche, bis es am Sonnabend abermals hieß “ scheiden tut weh „ und Papa sich auf seine Reise nach Constantinopel begab.
Neulich war eine Prozession in Ponte, ich ging mit den Kindern, sie zu sehen. Der dicke Priester in rotem Gewand veranlaßte Tilli zu der Frage „0b es der Carnevalkönig sei.“
Sie sind so lieb und nett, fleißig und aufmerksam beim Lernen und Spielen mit der vollsten Freude und Hingabe eines kindlichen Gemüts. Ihre Schüchternheit hat sich gegenüber Herrn P. etwas gelegt sie haben so wenig Umgang im Ganzen diesen Winter gehabt, daß sie Fremden gegenüber sehr verlegen sind.
Herr P. will Tille gerne singen lassen und er hat es auch angefangen, indem sie ihre Schüchternheit überwunden hat, die Tonleiter zu singen. Er meint, sie würde eine gute Stimme haben. Die Mama hat so große Fortschritte gemacht, daß man staunen muss.

Eine Bekanntschaft haben wir gemacht an dem Curate vor seiner Kirche, wo wir auf dem sehr hübschen Platz einige Male saßen, die Kinder sind besonders von seinem Hund angezogen, und als er gestern Abend herkam, riefen sie voller Jubel: „er hat seinen Hund mitgebracht, der pastore hat seinen Hund mitgebracht.“

  1. Mai Himmelfahrt
    Wir feierten heute Tillis 2. Geburtstag mit dankbarem Herzen desvorjährigen Tages gedenkend, als sie von Neuem geschenkt wurde. Kuchen, Blumen, Stocklaternen und Eselreiten, abends Illumination mit den 3 Laternen machten Freude. Tilli war sehr bewegt. Sie bewahrt treu in ihrem kleinen tiefen Gemüt.
    Pute wächst sehr und wird etwas magerer, sie guckt oft so schelmisch und dann wieder träumerisch in die Welt hinein aus ihren dunklen klugen Augen und äußert selten ihre Gedanken. Spricht sie aber, so zeigt sie tiefes Nachdenken und Gemüt. Während der Schule macht sie oft drollige Bemerkungen, wenn man ihr etwas erzählt. Vor einigen Abenden verbrannte ihre Laterne, weil sie dieselbe schief hielt.

In der biblischen Geschichte hörten sie heute von dem Auszug der Israeliten und vom Passahfest: „Wir haben doch kein solches Fest “ sagte Tilli, „wir haben dafür Ostereier.“
Von Marie und Frl. Gottel kamen schon Briefe an die Kinder, es ist schade, daß der Umgang aufgehört hat. Daß die Adresse „Mademoiselle “ trug, war kein kleines Vergnügen für Pute, die ein wenig eitel ist. Herr Panofka hat viel Spaß mit den Kindern, er ist sehr freundlich gegen sie und amüsiert sie mit Erzählungen und kleinen Kunststücken und Rätseln.

Vom 1. Juni an hatten wir 2 Wochen hindurch fast beständig Gewitter. Mathilde wurde davon afficirt, sowohl körperlich aus auch gemütlich und sie hat eine große Angst, die wir fast vergeblich zu bekämpfen versuchen trotz ihrer eigenen Selbstbeherrschung ist sie nicht stark genug, dem zu widerstehen
Heute oder vielmehr die vergangene Nacht brachte ein starkes Gewitter, ich saß, bis es vorüberging bei den Kindern. „Warum gibt es hier keine Nachtwächter“ sagte Wolf-.
Ja sogar in Constant. Haben die Nachtwächter keine Nase“ erinnerte Pute, indem ihr einfiel, dort einen solchen gesehen zu haben. Da fiel Tilli leisen ein, um sich selbst zu beruhigen, Wo der Herr nicht die Stadt behütet, da wacht der Wächter umsonst. So ist sie immer ein inniges, tiefes Wesen.
Alles erfaßt sie mit dem Herzen und trotz aller Lebhaftigkeit äußert sie selten ihr inneres Leben. Wer sie aber genau beobachtet, dem entfaltet sie ihre edle reiche Natur, ihre graciöse Schönheit, ihr ästhetisches, reines Gesicht und Zartsinn.
Seit dem 6. Juni war große Sorge um den lieben Papa als die Zeitungen von dem entsetzlichen Brande Peras berichteten und da die Kinder abends nach dem Gebetchen ihre eigenen Gedanken und Wünsche in oft seltsam zusammengestellten Sätzen zum Himmel senden, so wurde jetzt besonders um Papas Behütung gebeten. „Warum sagt Mathilde so oft Amen,“ fragte Wolf.
Antwortet Mathilde „Weil es heißt, ja ja das soll also geschehen.“

Giulia wird geboren, genannt Columbina nach dem Luccaer Gebäck
Am 18. ist aber ein Wundern und Jubeln als am Morgen es heißt: „in der Nacht hat der Storch ein Schwesterlein gebracht“ und nun ist dieses der Hauptgegenstand der Gedanken und Spekulationen. Ein Brief vom 16. hat auch über Papas Wohlsein berichtet und beruhigt. Die kleine Giulia, wie sie vorläufig heißt, liegt aber auch so vernünftig, dick und lutschend neben der Mama im Bett, daß es eine Freude ist, auch wird sie Columbina genannt nach dem bewußten Luccaer Gebäck, mit dem sie Ähnlichkeit haben soll. Sie ist aber auch gar rund und niedlich und ein kräftiges Kindchen. Eine große Storchtüte gibt ihren Inhalt zum Frühstück her, auch zum nicht geringen Jubel des Kleeblatts.

Am Sonnabend kam auch der Orden für Herrn P., den Mathilde ihm unter einem Lorbeerkranz brachte. Madame Marliani war an demselben Tag gekommen und sie kam noch am Abend selbst, einen Besuch zu machen.
Das kleine Mädchen, wie die Kinder die 13 jährige Marie nennen, ist wieder große Freundschaft und besonders von Tilli sehr ins Herz geschloßen. Sie kommen fast täglich her, am Abend oder Vormittag. Einmal schleppte Marie, die noch ganz Kind ist, alle ihre Puppen mit her, um sie den Kindern zu zeigen, eine davon war nicht viel kleiner als Pute. Auch der Esel kam mitunter mit und dann wurden alle drei darauf gesetzt und ritten im Garten umher
Tilli hat noch einen besonderen Freund hier. Es ist ein alter Bettler, der an Sonntagen sich vor der Pforte zeigt, und sie paßt auf, um ihn nicht ohne Almosen fortgehen zu lassen: Es ist
Ist ihr eine solche Freude zu geben und zwar von ihrem eigenen Taschengeld. Diese Freude spiegelt sich so deutlich in ihren Zügen, das es eine Freude sein muss, von ihr eine Gabe zu erhalten. Der arme kleine Mann fühlt das wohl auch, denn er hat eine große Anhänglichkeit und Dankbarkeit für die kleine Spenderin, dass er schon wiederholt ihr kleine Geschenke gebracht hat. Nüsse, Kirchen und Birnen. Auch die anderen geben gerne doch nicht mit solchem Eifer und Freudigkeit wie Tilli. Vor einigen Tagen hieß es: „Dein kleiner armer Mann ist da.“ Und sogleich eilte Tilli hinab, um ihm Geld und einiges andere zu bringen ich gehe ihr nach und da höre ich sie sagen: „cattiva Emmelina“ und sie erzählt mit feuerrotem Gesicht: „Emmeline hat gesagt, er sei mein Papa, was muss der arme Mann davon denken, dass sie ihn verspottet. So wenig denkt sie immer an sich, obgleich diese unzarte Äußerung des unartigen Mädchens sie, die so sensibel ist verletzen musste.
Dies zeigte sich auch, als neulich einige Ausfahrten von Herrn P. unternommen wurden. Am 1. Tag war Tilli mit, doch tröstete sie erst, als sie hörte, dass die andere am anderen Tag. So geschah es auch und Tilli, die sehr in Affection von Herrn P. genommen ist, kam auch wieder mit. Einige Geschenke, die die Kinder sich selbst aussuchen durften, machten große Freude, besonders Pute ein

kleiner Hund „Mamsell Soso “ genannt und Tilli ein niedlicher Fächer, worauf sie nicht wenig stolz ist. Wolf geht seitdem mit einem Säbel umher. Diese Fahrten waren ungemein schön, an den frischen Abenden, in dieser romantischen, anmutigen Gegend zwischen dieser superben Vegetation. Die Teufelsbrücke ist wirklich ein hochpoetischer Anblick.
Seit einigen Tagen ist die Kleine leidend. Ein solch Kleines Wesen leiden zu sehen, das seinen Schmerz nicht äußern kann, ist ein trauriger Anblick. Heute geht es Gott sei Dank etwas besser.

Oktober 1870
Der Sommer ist vergangen. Die Natur bat ihr buntes Herbstgewand angelegt, und wenn auch der Himmel noch fast immer in schönstem Blau, die Wiesen noch in frischem Grün prangen, so fühlen wir doch am Morgen und Abend die zunehmende Kälte, sowie die kürzer werdenden Tage. Die ernsten Zeitverhältnisse mit ihren angstvollen Rückwirkungen seit dem Anfang dieses furchtbaren Krieges sind natürlich unbewußt für die kleine Welt über sie hinweggegangen und ein glücklich verlebter Sommer liegt hinter ihnen durch Aufenthalt im Garten, durch Ausfahrten und Ritte auf dem Esel und Spaziergänge ist die gute Bergluft und die schön Natur gründlich genoßen worden und dabei Arbeit und frohes Spiel nicht vergeßen.
Eine Kindergesellschaft, die Madame Marliani gab, war eigentlich ein relatives Vergnügen, da unter den kleinen Gästen wohl französisch, italienisch und englisch gesprochen wurde, aber nicht deutsch, sodaß die drei nachher gestanden “ es war sehr nett, aber wir wußten nie, was wir spielten, wir machten den andern nur alles nach „. Eine große Freude war es, wenn während Madame Marliani die Reisen nach Florenz machte, Marie die Tage zu uns kam.
Abends wurden dann die Laternen angesteckt und da ich auch für Marie eine machte, war des Vergnügen groß. Herr P. steckte ein Licht auf seinen Stock und marschierte vorauf und die Kinder der Reihe nach glückselig hinterher. Überhaupt ist Herr P. ein großer Kinderfreund und sehr beliebt bei allen, besonders ist Tilli ihm sehr anhänglich.
Der Nachmittag wurde teilweise unter der Pergola verbracht, wo wir die Weintrauben haben wachsen und reifen sehen. Dabei wurden Handarbeiten gemacht und viele schöne Malereien. Für Herrn P. Namenstag wurden einig kleine Arbeiten angefertigt, sowie eine Photographie von den 3 Kindern vorbereitet, die auch ihm große Freude machte.
Am 8. August wurde frohes Wiedersehen mit den kleinen Farinolas gefeiert, freilich nur für wenige Stunden, die sie in Bagni di Lucca zubrachten. Seitdem hat die Korrespondenz das ihre tun müssen. Das war aber ein Freudentag, als am 22. Aug. der liebe Papa fast unerwartet bei uns eintraf und nun die kleine Schwester, die sich so prächtig entwickelt hatte, ihm präsentiert wurde, alle Heldentaten und Erlebnisse mit großer Wichtigkeit ihm mitgeteilt werden konnten und auch alle in dieser Zeit erhaltenen Geschenke gezeigt werden mußten.
Die Spaziergänge fingen wieder an, wo jeder sich an Papas Hand hängen wollte, geplappert wurde nach Herzenslust, auch Eselreiten nicht vergessen, sowie eine große Ausfahrt nach San Marcello gemacht, wobei Wolf ein Stückchen zum Lachen gab. Auf dem Heimweg bemerkte Madame Marliani eine giftige Schlange, die eben aus einem Loch kroch, was den Kindern sehr imponierte. Als wir halbwegs zurückgefahren waren, nachdem es mir schon lange aufgefallen war, daß Wolf so Schweigsam war, fragte er plötzlich “ Sind wir schon bei der Stelle vorbei, wo die Schlange war, ich habe in alle Löcher geguckt und sie nicht sehen können.“
Eine Ausfahrt nach Borgo, wo Markt war, machte ebenfalls großen Spaß, da die Kinder auf einem Bauernwagen mit Marie und Teresa diese Reise machten. Währenddem war fleißig gearbeitet worden zu der Mama Geburtstag und die kleinen Geheimnisse und Vorbereitungen erhöhten die Vorfreude. Ein bunter Schemel war aus eigenen Mitteln bestritten worden, “ Salute o verde Maggio “ und Viva la stiria “ eingeübt, sowie andere Lieder, Zeichnungen angefertigt und alle waren voll froher Erwartung.
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Am Morgen des 24. schien auch wie fast immer die Sonne freundlich und rief das Kleeblatt früh aus den Betten, denn da mußten noch Kränze gemacht, Türen und Möbel mit Efeu geschmückt und Kerzen angezündet werden. Dann durfte erst die liebe Mama mit Columbine kommen und sich über die freudestrahlenden Gesichter der Kleinen freuen, denen es oft schwer gefallen war, die Geheimnisse zu bewahren. Ein Spaziergang ins Freie und nachmittags ein Besuch in der Canonica wurden gemacht, wo Mama die Orgel in der Kirche versuchte und einen Choral von Luther spielte nachher alle auf der Treppe hinter dem Haus, welches sehr dunkel und feucht, aber malerisch ist, saßen, der Abbate mit Obst bewirtete und mit den Kindern um Nüße spielte.

Am folgenden Tag fuhr Papa weg und zwar nach Deutschland mit allerlei kleinen Schätzen für Willi, eine Columbine nicht vergeßen, und Wolf wollte sogar als Kuriosum einige Roßkastanie mitgeben. Seit einiger Zeit haben die Kinder einen neuen kleinen Freund gefunden, der stets mit großem Jubel empfangen wird. Dieses ist der kleine Hund des Baron Pirks und wo wir ihn auch treffen, auf Spaziergängen oder hier, wenn der Baron kommt, ist Linda ein willkommener Gast und Pute spricht stets davon, daß sie ihn sich zum Geburtstag einladen will. Die Kinder bauen ihm ein Haus, binden ihm eine Serviette um, kurz es ist eine große Freude. “ Bald ist mein Geburtstag „, sagt Pute, “ aber oweh, der Osterhase, der Bringer der guten Dinge und Kuchen ist verschwunden und wird bei Papa in Hanerau sein“.
Das ist sehr traurig und Pute ist sehr aufmerksam, wenn Mama oder Tante Anna ausgehen mit den anderen Kindern, ob nicht doch einige Geheimnisse dabei walten. Marie ist auch im Hause, seit Madame Marliani nach Florenz zurückgekehrt ist und amüsiert sich mit den Kleinen und als am letzten Tag vor dem hochwichtigen Festtag noch ein notwendiger Einkauf in Ponte gemacht werden muß und Pute nicht mitgenommen wird, flüstert sie ganz leise Wolf zu “ ich glaube, es ist für mein Geburtstag ‚“.
Und richtig, am anderen Morgen, nachdem Pute geheimnisvoll gefragt :“ ist mein Geburtstag am Morgen oder Nachmittag und ist er im Salon, da darf ich wohl nicht hinein, als nun die Erwartung hoch gespannt war, da ertönt die Klingel und als nun alle in den Salon treten, da sitzt Freund Osterhase und rezitiert ein langes hasenfüßiges Gedicht und viele schöne Dinge liegen und stehen um den kleinen erleuchteten Buxbaum. Die Pute war sehr glücklich mit dem getreuen Hasen. Nachher wurde die Villa von allen Seiten abgezeichnet, wovon Pute das Hundehaus sich erwählte, Wolf die Pumpe und Tilli die Küchentür. Am Nachmittag erschien richtig Baron Firks mit Monsieur Lindo, der seine Glückwünsche brachte und die Kinder auf ihrem Spaziergang bestens ergötzte. Auch Dora Wordswoth erschien und war die Sprachverwirrung groß, deutsch, franz., ital, und englisch ertönten durcheinander. Mit dem italienischen geht es schon ganz nett, besonders macht Tilli sich recht verständlich und spricht gut aus. Franz. wird beim 1. Frühstück gesprochen und wer dieses vergißt, bezahlt einen Centesimo. Columbina, Giulia oder Charlotte oder wie sie eigentlich heißen soll, wird jeden Tag süßer, dicker, klüger und lebhafter.
Am 26. Juli hat sie ihre 1. Singprobe abgelegt und ihrem maestro, Herrn P. einen reinen musikalischen Ton auf a nachgesungen. So können wir der Hoffnung Raum geben, daß sie noch eine große Sängerin werden mag. Tilli hat große Freude am Singen und eine niedliche Stimme, doch wollte sie nicht Singstunden haben, was ihr gewiß sehr förderlich gewesen wäre. Die 2. Hälfte des Okt. bringt uns Regen, ja schon am 9. und 10. hatten wir große Regengüße, sodaß der Besuch der kleinen Bertina Schiff nur im Hause genossen werden konnte. Die Kinder waren nichtsdestoweniger sehr vergnügt und spielten den ganzen Tag “ Schule“, wobei das kleine geschwätzige Sprachtalent die Lehrerin machte.
Mariens Fortgehen gab viel Bedauern und heute erschienen auch schon Briefe an alle drei von ihr, mit den schönsten Bildern ausgeputzt. Allerlei kleine Vergnügungen müssen noch erwähnt werden, sowie kleine Verdienst für die Spartöpfe, darunter besonders das Kastaniensuchen, Gartenfegen, Auftrennen, wobei Wolf der Beharrlichste ist, Notenschreiben, Malen Handarbeit und andere Dinge.

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So unpraktisch die kleine Pute ist, so leicht lernt und begreift sie und es ist ein Vergnügen, sie zu unterrichten. Zeigt und erklärt man ihr einmal etwas, so hat sie es begriffen und arbeitet selbständig weiter mit Geschwindigkeit und Eifer, bei den Handarbeiten ist es ebenso. Dabei hat sie doch, obgleich sie diesen Sommer viel lebhafter geworden ist, noch so viel Phlegma, daß sie nicht mehr tun will, als sie meint tun zu müssen. Dieses zeigt sich auch in anderen Dingen. Sie ist nicht so selbstlos wie Tilli, die keinen Armen an der Pforte weggehen läßt, ohne ihm etwas gegeben zu haben und Wolf wetteifert mit ihr. So beruhigte Pute sich gestern damit, daß sie ja der Kinderfrau angezeigt habe, daß eine arme Frau an der Pforte sei und gestern, als Wolf zu ihr im Garten sagte “ Tillis armer Mann ist da „, erwiderte sie mit Ruhe, “ ja ich kann ihn husten hören, während Wolf ins Haus lief, ihm etwas zu holen und Mathilde, die gerade vom Spaziergang zurückkam, desgleichen beflißen war. Ihre Eitelkeit ist oft komisch. In ihrem neuen Kleid mit den vielen Knöpfen und der Schleife hinten, findet sie sich “ reizend „. Heißt es aber, wer ist die Beste von Euch „, rufen alle einstimmig “ Columbine “ und Pute ist auch deren eifrigster Bewunderer und wenn Wolf durch seine Sprünge die Kleine am besten zum Lachen bringt, so lacht Pute wieder so herzlich und kräftig, daß es alle anderen einstimmen macht.
Am 24. Okt. feierte der Abbate seinen Geburtstag damit, daß er feierlichst die 3 Kinder zum Essen einlud. Um 1 Uhr gingen dann alle auch freudestrahlend in ihren neuen Winteranzügen den Berg zur Canonica hinan. Als wir am Nachmittag nachgingen, fanden wir die ganze Gesellschaft mit Ausnahme des Abbate, der seinen Mittagschlaf hielt unter einem Schuppen des Bauernhauses, wo Maria Lunga wohnt, deren Baby wir bewunderten. Die Großmutter und Schwägerin waren allein zu Haus, die Eltern sammelten Kastanien. Es regnete stark und die Kinder hatten auf dem Heimweg jetzt Wunderdinge zu erzählen von ihrem diner in der nicht sehr reichlich bestellten Wirtschaft des armen Curate, wobei sich herausstellte, daß ein gekochtes und ein gebratenes Huhn ein und dieselbe Person waren, d.h. die Teile, die nicht gebraten gewesen, als ein gekochtes erschienen waren. Sowie sie viel von der Freundlichkeit und Aufmerksam ihres guten Wirtes zu rühmen wußten. “ Die Schwester ohne Zacken gab mir dieses von ihrem Teller und die Schwester mit Zacken ( an der Jacke ) gab mir jenes “ “ wenn ich wegguckte, “ sagte Pute“ und dann wieder hinsah, lag wieder etwas aus meinem Teller „. Leider endete dieses Vergnügen mit einem verdorbenen Magen, was besonders Wolf und Tilli betraf, die seit 3 Tagen nach Knoblauch riechen. Der arme Wolf mit seinem stets ausgezeichneten Appetit mußte gestern ein wenig fasten, was ihn außerordentlich schwer zu fallen schien und ganz bedauerlich anzusehen war.
Am 30. kam Papa von Deutschland zurück. Das war eine Freude. Mit vielen Schätzen beladen. Es war wie eine Weihnachtsbescherung. Pute ist sehr stolz auf ihren Regenmantel und trägt ihn samt den roten Handschuhen mit großem Selbstbewußtsein. Am anderen Tag ging es freilich schon wieder fort nach Florenz, d.h. Papa und wir folgten bald nach. 
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Florenz 1871 Villa San Leonardo
Am 7. Nov. 1870 wurde den Bädern von Lucca valet gesagt und die Reise nach Florenz angetreten. Die dicke Bauersfrau Maria ging als Amme für Columbine mit und der Kleinen schien die Reise sehr zu behagen. Um 1 Uhr erreichten wir die hübsche Villa di San Leonardo, die außerhalb der Prota San Giorgio auf einem Hügel gelegen, eine schöne Aussicht bietet und räumlich und behaglich eingerichtet ist. Ein Garten und eine große Terrasse bieten herrlichen Spielraum, auch eine Spielstube, wo die Spielsachen in einem großen Schrank ihren Platz gefunden haben. Den größten Beifall finden jedoch die Himmelbetten und die buntbemalte Turmstube.
Allmählich geht auch alles wieder seinen geordneten Gang, nachdem das Ein- und Auspacken besorgt und jedes seinen Platz gefunden hat, die Schule fängt wieder an und abends wird eifrig an den Weihnachtsschuhen für Papa genäht und Pute und Tilli nehmen das Stricken wieder auf. Während des gemütlichen Besuchs von Dr. Risik aus Holland läßt er sich von Pute abends aus dem “ Mäusebuch“ vorlesen, denn Mäuse spielen immer noch eine große Rolle. Dazu kommt dann die Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein, die Pute dreimal tägl. der Papa vorlesen muß und die sie wörtlich auswendig weiß. Auch wird abends gesungen, besondere Weihnachtslieder gelernt und jeden Abend ertönt “ Freut Euch des Lebens „.
Geht es in die Stadt oder werden Spaziergänge gemacht, werden die neuen Regenmäntel umgehängt und die dicke Pute ist sehr stolz auf ihren grünen Rock und die roten Handschuhe und geht ihnen zuliebe gerne spazieren.
Die alten Freunde kommen auch wieder und es gibt manch frohes Wiedersehen. Da ist vor allem Herr Panofka, der sonntägliche Gast, dann Marie Marliani und Farinolas. Kommen Maria und Nora, dann gibt es einen Jubel, ein Springen und Laufen durchs ganze Haus, ein Gucken in alles, was zu öffnen ist, ein Bewundern und ein Lachen der fröhlichen kleinen Mädchen.
Und Columbine wird derweil immer dicker und netter, sie gedeiht gut und am 4. Dez. soll sie getauft werden. Es ist freilich ein Unwetter, es schneit und stürmt, aber die Gäste kommen doch, wenn auch nur zum Teil, denn Farinolas bleiben aus und Marie geht schon früh mit ihrer Mutter weg. Die kleine Schwester war sehr lieb und artig und sah so festlich aus. Herr Panofka stand mit Gevatter und war der einzige anwesende derselben.
Weihnachten rückt immer näher, die Weihnachtsuhr wird aufgehängt und morgens immer vorgerückt, es sind noch 12 Tage. Da gilt es fleißig zu sein, eine Kiste soll nach Hanerau abgehen und die Kinder wollen natürlich gerne allen etwas schicken und manche Kleinigkeit wird fertig gebracht. Dazu Papas Weihnachtsschuhe, der große Briefkasten für Mama, der in Tante Annas Stube fabriziert wird und mit großem Eifer wird von allen der Kleister gestrichen, aber welch ein Staatskasten wird es auch. Dann müssen auch Weihnachtswünsche geschrieben werden. Wolf kann kein Enge darin finden, während Pute sich anfangs auf nichts anderes besinnen konnte als auf einen Fingerhut, nachdem ihre Gedanken aber auf Tiere geraten, möchte sie am liebsten eine ganze Menagerie haben, besonders Mäuse. Und nun die vielen Geheimnisse. Dies darf Papa nicht sehen, Jenes Mama nicht, auch Tante Anna gegenüber wird mitunter etwas Buntes versteckt, wenn sie unerwartet in die Stube tritt. Und Dazu müssen sie Tante Annas Geheimnisse auch noch bewahren helfen und oft stillsitzen. Das ist sehr schwer, wird aber treulich durchgehalten. Aber es gibt auch Geheimnisse für die Kinder, die sie gar zu gern erraten hätten. Heute ist der Weihnachtsmann in diesem Zimmer, morgen in jenem, bald wird dieser Schrank fest verschloßen, bald jene Schublade. Bald findet sich hier ein Stückchen Goldschaum, bald dort ein Stück buntes Papier. Das Sonderbarste ist, einige Sachen sind plötzlich verschwunden.

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Dadurch tritt eine freudige Stimmung ins Haus und durch die kleinen Herzen.
2 Tage vor Weihnachten ist aber noch ein großer Freudentag. Es ist Tillis Geburtstag und morgens früh, als sie sich anziehen, klopft es und herein tritt der Weihnachtsmann und der hat sich sehr gefreut, als er in die verwunderten großen Augen schaute, die diesen Besuch garnicht erwartet hätten. Mit dem Versprechen, Weihnachten wieder kommen zu wollen, wenn alle artig seien, übergibt er aus seinem Sack die mitgebrachten Tüten und Sachen. Columbine aber lag in der Wiege und freute sich an den brennenden Lichtern des kleinen Baumes, während Maria schnell Bartolo und Teresa aus der Küche holte, den sonderbaren Kerl zu sehen. “ Einmal werden wir noch wach “ sangen sie und dann wurde weiter gefeiert mit schönen Geburtstagstisch, Schokolade und Kuchen. Onkel Eugen kam dieses Jahr nicht, aber Großmamas versprochene Kiste ist gekommen mit den braunen Kuchen, die in Florenz nicht zu finden sind. Die von Onkel Eugen abgeschickte Tanne kam nicht an und ein großer Lorbeerbaum mußte sie vertreten.
Weihnachtsabend ist da, es schneit gewaltig und wir fürchten schon, die Gäste werden ausbleiben. Aber nein, da sind schon Marie, Nora und Frl. Gottel. Herr Panofka und Madame Marliani folgen bald. Nach dem Essen fängt der Jubel an, die Tür wird aufgetan und die Jugend stürzt in den hellen Salon. Mama hat sich schon an das Klavier gesetzt und die Kinder singen das Weihnachtslied von Herrn Panofka „Alleluiah, gloire et louanges“, worüber der alte Herr zu Tränen gerührt ist. Dann werden die geschmückten Tische und Schätze bewundert und wirklich es finden sich auch Mäuse, bei Pute aber Tiere aller Art. Tilli freut sich am meisten über die kleine Hängelampe in ihrer Küche, die richtig mit Öl gefüllt werden und brennen kann. Da klopft es dreimal stark, Pute öffnet die Tür und da ist der Weihnachtsmann wieder mit Sack und Rute und einem Korb am Arm, darin liegen 3 Wickelkinder mit einem großen Storch. Der Sack aber birgt eine Menge schöner Sachen für Groß und Klein und jede hat ein Verschen und es gab manchen Scherz und Freude.
Später wird aus den „kleinen Tassen“ getrunken und Wolf ist wieder ein Meister dabei. Es sah sehr nett aus, wie die kleine Schar jetzt so still und vergnügt an ihren Tischchen saß und wenn Nora einen Scherz oder Witz machte, lachten Sie alle.
Um 10 Uhr waren alle weg und es hieß “ zu Bett „. Das Wetter blieb schlecht an den Festtagen, so blieb man im Zimmer und das war den Kindern nur Recht, konnten sie sich doch den ganzen Tag mit ihren Herrlichkeiten amüsieren. Der Weihnachtsbaum wurde angezündet, damit die Kleine sich daran freuen konnte, die am Abend vorher schon zu Bett war.
Am 27. war eine große Bescherung bei Farinolas, wozu unsere drei auch eingeladen waren. Sie haben sich unter den vielen Fremden allein gefunden, doch kehrten sie sehr vergnügt um 10 zurück, mit Geschenken beladen, Wolf hat sogar ein Schaukelpferd bekommen und Turteltauben kamen auch mit, d.h. Marie und Nora brachten sie am anderen Morgen.
Am 30. hatten wir ein großes Kochfest. Das war ein Vergnügen! Ein Großer Pudding aus allen möglichen Bestandteilen wurde gemacht, Schokoladecreme, Weinsuppe, Beafsteaks etc. Als das Liliputdiner angehen sollte, kamen Marie und Nora mir Frl. Gottel, wie dem Mahl tapfer zugriffen und ihm alle Ehre erwiesen. Es wurden allerlei Pläne zu einer gemeinschaftlichen Kocherei gemacht. Die Gallerien werden auch mitunter besucht, besonders die Uffizien, wo in ersten Gang ein Bild von Laurent hängt, “ die Einsiedler der Wüste Thebais “ welches in seiner Mannigfaltigkeit ein unendliches Entzücken und Bewundern hervorruft, auch die Kirchen werden mit Vorliebe besucht, besonders wenn recht viele Lichter brennen.
Nach den Ferien wird mit doppeltem Eifer gelernt. Die Klavierstunden für Wolf und Tilli haben wieder ihren Anfang genommen und sie machen nette Fortschritte. Pute liest “ Carl und Marie “ und fängt an,

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selbständig zu schreiben. Französisch macht gute Fortschritte, besonders bei Wolf, der bei seiner Ruhe und Beharrlichkeit ein gutes Gedächtnis besitzt, welches Tilli weniger zu Hilfe kommt und welche weit flüchtiger ist. Aber sie lernt gerne und eifrig und würde es schneller tun, wenn sie ihre Gedanken mehr beisammen hätte. Pute mit ihrem vortrefflichen Verstand macht die possierlichsten Bemerkungen und lachen kann sie, besonders mit ihrem Wolf, daß man miteinstimmen muß. Sie hat eine sehr kräftige Stimme, die sie mitunter ertönen läßt, um eine erfundene Melodie mit einem ebensolchen Text zu singen, wobei eine R die Rolle spielt, welches sie auf eine Weise zu schnurren versteht, daß man lachen muß.
Zu Papas Geburtstag werden jetzt die ersten Strümpfe in Angriff genommen und die neuen Wunderknäuel machen dies sehr interessant, was für herrliche Dinge erscheinen aber auch. Dabei lesen wir die Weihnachtsbücher und zum 5. Febr. wird allerlei gelernt und Wolf macht Flechtsachen zu einem Kasten.
Columbine hat am Weihnachtstag ihren 1. Zahn bekommen und blad darauf wurde ihre Amme weggeschickt und darauf noch 2 andere versucht. Jetzt hat sie ihre Lebensweise geändert und nährt sich mit Liebigs Extract, welches ihr wohl bekommt. Allerlei Kunststücke lernt sie auch allmählich.

  1. Wolf feierte heute seinen Geburtstag mit großem Genuß und Zufriedenheit, welche besonders hervorgerufen wurde durch eine Anzahl von Mäusen, die noch immer solche Lieblingsgeschöpfe sind. Nicht weniger als 14 waren jetzt beisammen und da auch ein Haus für sie nicht fehlte, so gab es Stoff genug zur Unterhaltung. Der Winter ist lange und Regen wechselt häufig mit einer kalten Tramontana, doch wird so viel wie möglich die frische Luft genossen. Am 24. Jan. wird Großpapas Geburtstag zu Ehren ein schöner Spaziergang nach Bello Synardo gemacht, das Wetter ist gut und bei der reinen Luft die Aussicht auf Florenz sehr schön.
    Die Vorbereitungen zu Papas Geburtstag sind getroffen. Mit großem Eifer haben die Kinder den Salon am Sonnabend in Papas Abwesenheit geschmückt. Alle stehen früh auf, Wolf kleidet sich an als Türke, Pute als Vierländerin, Tilli als Italienerin und sehr niedlich sehen sie aus. Als Papa nun unten ist, halten sie ihre Reden, Pute in plattdeutsch sehr nett. Dann wird gefrühstückt und Mama hat für Kuchen sehr reichlich gesorgt. Die Geburtstagssachen werden bewundert. Darauf folgt ein französischer Dialog von allen dreien, Tilli und Wolf spielen ihr erstes quatre-mains. Später kamen dann die Gäste, groß und klein und die Kinder waren sehr froh, mit Marie und Nora sich tummeln zu können. Das war wieder ein vergnügter Tag und abends, nachdem die Gäste fort waren, wurde Lotto gespielt. Spaziergänge haben wir hin und wieder gemacht nach San Miniato, wo wir die schöne Aussicht bewunderten und den Kirchhof besahen. Einmal kam auch Fräulein Gottel mit Nora und holte zu einem Spaziergang ab. Tilli ging auch mit mir ins “ Theater „, wo sie sich ausgezeichnet amüsierte. D.h. es war eine Vorstellung von kleinen franz. und deutschen Stücken in einem Mädchen-Institut.
    Im Februar gibt es schöne sonnige Tage und wir gehen auf die Felder, um Blumen zu suchen, Tilli ist nicht wohl und muß lange das Bett hüten, über 3 Wochen und auch noch lange Ferien machen. Das ist allen ganz traurig, wenn die kleine Tilli fehlt beim Spiel und Ausgehen, beim Essen und Lernen. Dazu ist jetzt Carneval und der Corso soll besucht werden. Am 19. Febr. gingen dann auch alle bis auf Papa und Tilli nach dem Palazzo Corsini, wo auf dem großen Balkon die Familien Farinola und Corsini sich eingefunden hatten und wo man herrlich den Corso und allen Humbug übersah. Die Beleuchtung war sehr schön, besonders bei Sonnenuntergang. Erst um 6 1/2 kehrten wir heim.


    Am Dienstag fuhren wir alle, auch Tilli, auf den Corso. Leider regnete es ein wenig, sonst war alles wie im letzten Jahr.
    Am 17. März wurde Columbina im Palazzo Capponi mit Farinolas geimpft. Sie ist sehr artig gewesen und in den großartigen Palais hat es ihr sehr gefallen, wenigstens hat sie sich dort ganz zu Hause gefühlt und ist sehr verzogen worden.
    Mitunter kommt ein anderer kleiner Besuch, außer Farinolas und Bertina Schiff, die kleine Caroline Tonari, ein kleines, drolliges Mädchen von 5 Jahren, die auch deutsch spricht. Tilli, Wolf und Pute freuen sich jedesmal sehr, holen alles mögliche Spielzeug herbei und sehen sie sehr verliebt an, aber sprechen, nein, das will nicht, trotzdem im Ganzen die Verlegenheit doch etwas geringer geworden ist, Tilli ist 1 Tag alleine bei Farinolas sehr glücklich gewesen und wurde abends von Bedienten und Zofe nach Hause gebracht.
    Pute ist mitunter ganz keck und immer sehr lustig. So rief sie neulich zu unserer Belustigung und Papas Freude ihm beim Fortgehen nach „Adieu mon ami “ und vor einiger Zeit, als sie auf seinen Schoß Klettern wollte “ Jüngling, hilft mir „.
    Jetzt sind wir im April und es ist immer schöner geworden. Rosen und andere Blumen blühen, die Obstbäume sind mittlerweile verblüht, die Veilchen schon lange, ebenso die Tulpen und Anemonen auf den Feldern. Es ist köstlich im Garten, besonders abends auf der Terrasse, wenn die Berge, vom Glanz der untergehenden Sonne beschienen, in allen Schattierungen und Tinten sich abstufen. So ist der Frühling in vollem Glanze und aller Tracht und wenn nicht die Studien und Essenszeiten es unterbrechen, so wird im Freien gespielt. Mit Bartolos Hilfe sind viele Paläste von Steinen für die Mäusegesellschaft gebaut und unermüdlich wird mit ihnen gespielt und kein Spielzeug kommt ihnen gleich. Papa macht frühe Morgenspaziergänge mit den Kindern, Pute freilich Entschuldigte sich heute mit Müdigkeit, das Gehen ist ihr unbequem. Als sie nachher ausgelacht wurde, sagte sie ganz bedächtig: “ Papa hat gesagt, wir sollen aufstehen, wenn wir aufwachen, was sie selbst betreffend auf “ recht spät “ bringen könne, während die andern gewöhnlich früher erwachen, als sie aufstehen sollen.
    Am Gründonnerstag sind wir in verschiedenen Kirchen gewesen, um die Feierlichkeiten zu sehen, am Karfreitag wurde der Wunsch aller drei erfüllt, in wie deutsche Kirche zu gehen, wo sie sehr aufmerksam zuhörten. Die Vorfreude auf Ostern und Ostereier war aber schon seit Weihnachten und Wolf meinte, Ostern sei beinahe ebenso schön wie jenes Fest. Der Osterhase versteckte denn auch hier im Garten und brachte welche ins Haus. Ostern kann auch Herr Panofka nach langer Abwesenheit wieder zum Essen und alle haben ihn freudig bewillkommt. Unsere Columbina ist ein Prachtkind, freundlich und fröhlich. So ist sie aller Liebling. Dr. Dohrn ist ihr besonderer Freund und sie läßt gerne mit sich spielen. Zähn hat sie schon 4 und der 5. ist auch bald da. Unsere Kinder sind stets als sehr artige benannt bei allen Bekannten, die italienische Kindererziehung ist nicht weit her und man ist hier an unartige Kinder gewöhnt. Aber sie sind auch wirklich gut, kleine Strafen kommen immer seltener vor, große garnicht.

Zeichnung im Tagebuch von Ansch aus der Zeit in Florenz
Zu Besuch im Torre Galli – nach einer kurzen Suche – im Juli 2022 mit Ulrich Becker, Lissette Molina, Thomas Becker (die Beckers sind Nachkommen des Zweiges von Nina Mannhardt.)
Der Wohnort in Florenz, hergerichtet vom Marchese de Farinola, offenbar ein Freund von Julius, der alle naselang in den Aufzeichnungen von Ansch vorkommt. Er scheint einmal Besitzer des Torre Galli gewesen zu sein, da er ihn für Julius herrichten ließ. Sie blieben hier allerdings nicht sehr lange und wechselten dann nach Bagni de Lucca