Bericht aus Italien von Julius Mannhardt von 1878

Von G. Dur (Pseudonym von Dr. Julius Mannhardt)
veröffentlicht in den Westermann Monatsheften in Braunschweig

Diese Veröffentlichung wurde durch die Arbeit von Michael, Doris und Wulf Becker möglich

Die nachfolgende Erzählung ging der Redaktion von unserem gefeierten Mitarbeiter Theodor Storm zu; wir glauben, es wird für unsere Leser von Interesse sein, das Urteil Storms kennen zu lernen:
„Die ‘Erzählungen aus den Bädern von Lucca’, deren erste hier zum Abdruck gebracht wird,“ so schreibt er, „haben mir beim Lesen des Manuskripts eine eigentümliche Freude gewährt; schon deshalb vielleicht, weil sie so ganz abseits des literarischen Heerweges liegen. Man fühlt sogleich, es ist kein Schriftsteller von Fach, aber eine bedeutend ausgeprägte Persönlichkeit, die uns hier erzählt; in keuscher, aber oft etwas herber Weise, fast unpersönlich und oft die intimsten Dinge; aber mit seltener Ausnahme steht der Verfasser denselben kühl, nur als Beobachter gegenüber. Das Interesse an der Erzählung wird dadurch gesteigert, daß wir es hier nicht etwa mit einer Dichtung, sondern mit der Niederschrift von Erlebtem zu tun haben. Der Verfasser, ein in einer anderen als der Schreibekunst weithin namhafter Mann, hat viele Jahre in Italien im genauen Verkehr mit der ersten Gesellschaft gelebt; die Mitteilungen, welche er hier aus seinem reichen Leben gibt, dürfte nach meiner Ansicht eine so festbegründete Zeitschrift, wie die ‘Monatshefte’, ihren Lesern nicht entziehen.
Hardemarschen, 8. Dezember 1884.
Theodor Storm

Autor Julis Wilhelm Leberecht Mannhardt 1834-1893 schrieb offenbar unter Pseudonym. Er war gut bekannt mit Theodor Storm, der in seiner Nähe wohnte und wohl auch sein Haus kaufte.

Geschichte eines faux ménage.
Es war am 9. Januar des Jahres 1878, daß ich mit einigen Freunden in einem niederen gewölbten Zimmer im Erdgeschoß eines alten Palastes am Lung’ Arno von Florenz um ein helles Feuer saß, welches auf einem Kamin von monumentaler Größe brannte. Das bleiche Abendlicht, welches durch das große eisenvergitterte Fenster fiel, gab den Gegenständen in der Nähe desselben einen bläulichen Schein, während der Hintergrund des Raumes grell und gelb von der Herdflamme beschienen war. Altertümliche Möbel von kunstvoller Arbeit, alte Bilder und Waffen, welche durch das Zimmer und an den Wänden verteilt waren, erzeugten den Eindruck künstlerischen Behagens, und der türkische Teppich, welcher den Boden bedeckte, nebst dem lodernden Feuer, den einer wohltuenden Wärme.
Dieses Gemach lag hinter einem größeren Raum, welcher dem Bewohner desselben, einem Maler, als Studio diente. Dieser, der den Namen Oleander nach Italien mitgebracht hatte, war dort doch nur als Ser Leandro bekannt, nachdem zuerst seine Hausleute sich seinen Namen in dieser Form mundgerecht gemacht hatten.

Außer ihm und mir saßen auf den hohen Armsesseln, die den Kamin umstanden, noch ein Landsmann, den ich Lothar nennen will, ein ernster, stiller Mann, und Filippo, ein junger italienischer Arzt, den wir um seines guten Herzens willen hochschätzten.
Wir alle lauschten den dumpfen Klängen der großen Glocke des Palazzo vecchio, welche in regelmäßigen Intervallen mit gewaltigen Schlägen von jenseits des Arno herüber feierlich durch die schwere feuchte Luft ertönten und wie bei allen bedeutenden Anlässen seit den Zeiten der Republik die Gemüter erschütterten. Heute verkündeten sie der trauernden Stadt den Tod Viktor Emanuels, des großen Königs, der für die endlich errungene Einheit des Vaterlandes mehr als alle getan und gelitten hatte.
Unsere Unterhaltung stand unter dem Einfluß dieses Ereignisses, welches jedes andere Interesse verdrängt hatte, und vieles war schon über den Verstorbenen geredet, als Lothar sagte, daß er sich sehr lebhaft des Königs aus einer früheren Zeit erinnere, da er zu demselben in einer Art freundschaftlichen Verhältnisses gestanden habe – freilich nur stillschweigend und par distance. Auf unsere Frage nach den Umständen, unter denen dies geschehen, sagte er nach einigem Besinnen: „Es ist eine lange Geschichte, die ich euch, um dies zu erklären, erzählen muß, aber wenn ihr sie hören wollt, mag es sein:

Es gibt ein gleichnamiges Buch von Heinrich Heine von 1830


„Mein erster Aufenthalt in Florenz fällt in die glänzendsten Tage jener Zeit, als Viktor Emanuel im Palazzo Pitti residierte und alles, was in Italien durch Rang und Reichtum, durch Geist und Schönheit ausgezeichnet war, hierher zusammenströmte. Ein gewaltiges Leben durchwogte damals die sonst so stillen Straßen der Arnostadt, welche plötzlich Sitz der Regierung und des Parlaments eines großen Reiches geworden war. Das toskanische Element trat fast zurück gegen das aus allen Teilen des geeinigten Königreiches einwandernde, und die Gesellschaft, welche an Glanz und Bedeutung durch keine andere in der Welt übertroffen wurde, zeigte, indem Fremde in großer Anzahl nach Florenz kamen, ein internationales Gepräge. Die Stadt wuchs und veränderte ihr Aussehen rasch; unter der genialen Leitung ihres Gonfaloniere Peruzzi entstanden neue Stadtteile und herrliche Anlagen; die täglich zunehmende Bevölkerung drängte sich in den vorhandenen Räumen enge zusammen und besetzte bis weit ins Land hinein Villen und Dörfer. Es war nicht leicht damals, ein Unterkommen zu finden.
„Es ist begreiflich, daß unter solchen Umständen sich auch eine Menge von zweifelhaften und abenteuerlichen Persönlichkeiten einfand, welche je irgendwo eine Rolle gespielt hatten oder jetzt zu spielen hofften, und daß eine gewisse Vorsicht in der Anknüpfung von Bekanntschaften ratsam war.
„Meine erste Unterkunft fand ich in einer der zahlreichen

Hans Theodor Woldsen Storm (* 14. September 1817 in Husum, Herzogtum Schleswig; † 4. Juli 1888 in Hanerau-Hademarschen) war ein deutscher Schriftsteller

Fremdenpensionen, welche in jener Zeit in dem gegen die Cascinen sich erstreckenden neuen Stadtteil entstanden waren. Das Haus war voll von Engländern, und da ich deren Sprache nicht verstand, fühlte ich mich in solcher Umgebung bei den Mahlzeiten sehr vereinsamt. Neben mir saß ein junges Mädchen von auffallender Schönheit, deren blonde Locken in üppiger Fülle auf Nacken und Schultern niederfielen. Sie unterhielt sich5 mit den neben ihr Sitzenden, und ich glaubte, daß sie zu ihnen gehöre. Doch war am folgenden Tage die betreffende Familie abgereist und sie war allein; ihre jetzigen Nachbarn schien sie nicht zu kennen. Gegen Ende der Mahlzeit redete sie mich französisch an, und es entspann sich eine Unterhaltung, welche ihrerseits in einer gewandten und vornehmen Weise geführt wurde, indem sie mich mit ihren klaren blauen Augen offen anblickte. Als wir bald über Gegenstände eines ernsten Interesses eingehend sprachen, schien sie ein lebhaftes Gefallen daran zu finden, und von jetzt an begann sie jedesmal, sobald ich meinen Platz neben ihr einnahm, mit mir zu reden. Ich bemerkte, daß sie mich mit Ungeduld erwartete, und schloß daraus, daß sie sich sehr einsam fühlen müsse. In der Tat schien sie außer der Eigentümerin der Pension, einer korpulenten Dame von unangenehmem Wesen, niemand zu kennen.
„Es war im Monat Februar, und das Wetter war kalt und regnerisch. Da ich noch keine Beziehungen angeknüpft hatte, so fehlte mir jeder Anlaß, abends nach dem Essen auszugehen, und ich setzte mich, um Zeitungen zu lesen, in den gemeinsamen Salon vor das Kaminfeuer. Einige Engländerinnen pflegten hier mit großer Ausdauer auf dem Klavier ihre musikalischen Fertigkeiten, was der Grund davon sein mochte, daß das Zimmer übrigens wenig besucht war. Ich suchte mein Ohr gegen dies musikalische Geräusch zu verschließen, indem ich eifrig las; doch wurde am dritten Tage meine Aufmerksamkeit unwillkürlich durch ein Spiel gefesselt, welches von dem gewohnten durchaus verschieden war. Ich sah auf und bemerkte meine Tischnachbarin, welche ein Präludium von Bach vortrefflich spielte. Erstaunt und aufmerksam hörte ich ihr zu; als sie sah, daß ich nicht las, sondern sie anblickte, stand sie auf und setzte sich unbefangen zu mir an den Kamin, um mit mir zu plaudern. Als sie erfuhr, daß ich Deutscher sei, fing sie an, sehr gut deutsch zu sprechen. Auf mein Befragen sagte sie, sie sei Engländerin und in Deutschland erzogen.
„Von diesem Tage an kam sie immer nach dem Essen in den Salon und setzte sich zu mir an das Feuer, um die eben erst abgebrochene Unterhaltung fortzusetzen; auch ging sie nie früher, als bis ich, weil es spät geworden war, aufbrach. Offenbar hatte sie auf niemanden Rücksicht zu nehmen.
„Obgleich ihr feiner Anstand und das vollendet Schickliche in ihrem Wesen und in allen ihren Äußerungen nicht nur deutlich zeigte, daß sie eine sehr gute Erziehung erhalten und immer in der besten Gesellschaft gelebt haben mußte, sondern auch von einer vorzüglichen Bildung ihres Geistes und Herzens Kunde gab, so konnte ich mich auch wegen des scheinbaren Mangels an Zurückhaltung, mit dem sie sich mir näherte, eines ungünstigen Vorurteils nicht erwehren. Zwar sagte ich mir, daß ihr Benehmen sich durch das ihrem Alter natürliche und durch ihre Vereinsamung zurückgedrängte Bedürfnis nach Mitteilung und geistiger Anregung genügend erkläre, ich konnte aber für das Ungewöhnliche ihrer Lage keinen Grund finden, der mich befriedigt hätte. Weil ich auch dadurch, daß sie mich beständig in Anspruch nahm, meine Freiheit beengt fühlte, und da mir überdies das Haus mißfiel, so suchte ich ein anderes Unterkommen zu finden, und es gelang mir mit einiger Mühe, in einem neu eröffneten Hotel des Borgo eine sehr schöne Wohnung zu erhalten. Ich sagte beim Frühstück meiner Nachbarin, daß ich künftig das Vergnügen ihrer Unterhaltung entbehren müsse, da ich am Nachmittag das Haus verlassen würde, und bemerkte, daß sie darüber sehr bestürzt war; sie wurde blaß und dann sehr rot und sah aus wie ein Kind, welches gewaltsam das Weinen unterdrücken möchte; auch blieb sie schweigsam und traurig. Als wir aufstanden, zögerte sie ein wenig, trat dann schnell auf mich zu, gab mir die Hand, dankte mir in kurzen Worten für die guten Stunden, die ich ihr bereitet hätte, und eilte rasch aus dem Zimmer.
„Indem ich während der folgenden Tage auch Empfehlungsschreiben, welche ich mitgebracht hatte, manche Bekanntschaften machte, auch das Neue und Schöne, was mich ansah, mich lebhaft beschäftige, war ich auch in vieles in Anspruch genommen, daß ich kaum wieder Zeit hatte, meiner Mitbewohnerin zu gedenken. Als ich eines Tages in mein Hotel zurückkehrte, sagte mir der Portier, eine Dame habe wiederholt nach mir gefragt und das letzte Mal ein Billet für mich zurückgelassen, welches er mir einhändigte. Durch dieses Billet wurde ich von der Schreiberin, welche sich Bianka nannte, um Gottes willen gebeten, sie so bald als möglich in der Pension, die ich verlassen hatte, aufzusuchen und ihr in einer großen Not beizustehen; obgleich sie mich kaum kenne, sei ich doch der einzige, an den sie sich wenden könne, und sie habe zu mir das Vertrauen, daß ich ihr meine Hilfe nicht versagen werde.
„Ich zweifelte nicht, daß es die Engländerin sein müsse, welche dies geschrieben, obgleich ich ihren Namen vorher nicht gehört hatte. Ebensowenig war es mir im ersten Augenblick zweifelhaft, daß ich dieser Aufforderung keine Folge geben dürfe, denn ich hatte Erfahrung genug, um zu wünschen, alles zu vermeiden, was den Schein des Abenteuerlichen haben konnte. Aber es klang etwas wie Wahrheit aus ihren Worten, und der Gedanke, daß sie wirklich in Not oder Gefahr sein könne, ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Obgleich ich meine Zeit und Kräfte durch die Aufgabe, welche ein erster Aufenthalt in Italien mir stellte, völlig in Anspruch genommen wußte ich alles, was mich ablenken und verwirren konnte, fürchtete, so empfand ich es doch als eine Feigheit, wenn ich den verlangten Beistand, falls ein solcher nötig war, verweigerte, und ich kam am anderen Morgen zum Entschluß, mir davon die Überzeugung zu verschaffen. Ich ging also in die Pension und ließ Bianka melden, daß ich sie im Salon erwarte. Als sie kam, trat sie nahe an mich heran, und hastig und leise redend, dankte sie mir, daß ich gekommen, sagte, daß sie meiner dringend bedürfe, da sie in einer sehr bedrängten Lage sei, und bat mich, sie auf einem Ausgang zu begleiten, damit sie mir alles sagen könne. Ich war dazu bereit, und indem wir gingen, erzählte sie mir folgendes: sie sei seit fast drei Monaten in dieser Pension; da sie allein und ohne Bekanntschaft in Florenz gewesen, so habe sie sich an die Wirtin, welche sehr freundlich getan, angeschlossen, auch diese anfangs zu einigen derselben befreundeten Familien begleitet und Einladungen dahin angenommen, wobei sie dann die Bekanntschaft verschiedener junger Leute gemacht habe; die Gesellschaft sei ihr harmlos und fröhlich erschienen und sie habe nichts Unrechtes bemerkt; seit einiger Zeit aber sei ein junger Mann, den sie dort zuerst gesehen, sehr häufig in die Pension gekommen und habe sich zudringlich gegen sie benommen; die Wirtin sei mit ihm im Einverständnis, denn sie bringe ihn stets in ihre Nähe und suche ihn mit ihr allein zu lassen, so daß sie schon seit längerer Zeit sich meist in ihrem Zimmer eingeschlossen halte; während ich in der Pension gewesen, habe sie nicht davon zu leiden gehabt, weil ich durch meine Gegenwart ihr, ohne es zu wissen, Schutz gewährt habe, doch nachdem ich das Haus verlassen, sei es schlimmer als früher, und die Wirtin, welche wisse, wie allein und schutzlos sie sei, habe ein so insolentes und brutales Benehmen gegen sie angenommen, daß es ihr unmöglich sei, einen Tag länger in jenem Hause zu bleiben; sie bitte mich dringend, ihr behilflich zu sein, sogleich ein anderes Unterkommen zu finden.
„Die Art, in welcher sie dies erzählte, gab mir zwar die Überzeugung von der Wahrhaftigkeit ihrer Angaben, und ich sagte mir, daß es unter diesen Umständen unmöglich sei, sie in der Pension zu lassen, doch konnte ich nicht umhin, ihr mein Erstaunen darüber auszudrücken, daß sie sich allein und in dieser Lage befände, und gleichzeitig die Befürchtung, daß sich kaum ein Mittel finden möchte, sie in einer geeigneten Weise unterzubringen, welche jede Gefahr ähnlicher übler Erfahrungen ausschloß; ich fügte hinzu, es sei vielleicht in England und Deutschland, aber nicht in Italien möglich, daß ein junges Mädchen außerhalb der Familie lebe, und es dürfe wohl das beste für sie sein, sich irgend einer befreundeten Familie anzuschließen, sonst aber nach England zurückzukehren.
„Sie sah mich traurig an und sagte: ‘Sie müssen mir schon glauben, daß es für mich unmöglich ist, Italien zu verlassen; ich habe niemand, an den ich mich wenden, und kein befreundetes Haus, in welchem ich Aufnahme erbitten könnte, denn ich stehe völlig allein in der Welt. Auch sind meine Mittel beinahe erschöpft, und ich werde für meine Existenz arbeiten müssen; aber ich habe Mut und Vertrauen und den festen Willen, mir selbst weiter zu helfen; nur jetzt zum Beginn bedarf ich Ihres Beistandes, um mir eine sichere Unterkunft zu suchen.’
„Und dann entwickelte sie mir ihren Plan, sich durch Erteilung von Unterricht ihren Lebensbedarf und allmählich eine Stellung in Florenz zu erwerben. Sie wollte zuerst ein bescheidenes Zimmer mieten und die wenige Nahrung, deren sie bedurfte, sich selbst bereiten oder bringen lassen; sobald sie ihren Unterhalt gesichert sähe, wollte sie dann eine bessere Wohnung und eine Dienerin nehmen.
„Ich teilte durchaus nicht ihr Vertrauen, daß dies Vorhaben ausführbar sein würde, denn die Sitte gestattete einem jungen Mädchen derzeit nicht einmal, ohne Begleitung über die Straße zu gehen, und ich sagte ihr, daß sie besser tun würde, eine Stellung als Lehrerin in einer Familie zu suchen. Sie antwortete, daß sie das gern tun würde, daß sie aber ohne Empfehlungen und Zeugnisse keine Hoffnung habe, eine solche Stellung zu finden; ‘jedenfalls heute nicht,’ sagte sie, ‘und doch ist es notwendig, daß ich heute noch eine Wohnung finde.’
„Da ich ihren Entschluß und auch sonst keinen Ausweg sah, blieb mir nur übrig, ihr beim Aufsuchen einer Wohnung behilflich zu sein. Es war sehr schwer, etwas ihren Wünschen Entsprechendes aufzufinden, weil ich selbst mit den örtlichen Verhältnissen ganz unbekannt war und sie nur eine billige Miete bezahlen konnte. Wir gingen durch viele Straßen und sahen die zum Vermieten angezeigten Räume, aber immer waren die Preise zu hoch. Endlich fand sich in einer Seitenstraße in einem großen Hause ein sehr kleines Zimmer, welches mit einem gewissen Luxus ausgestattet und mit einem Alkoven versehen war, für einen geringen Mietpreis. Bianka meinte, daß ihr dies genüge, und sie beschloß, dort zu bleiben, obgleich ich ihr sagte, daß der Ort mir verdächtig schiene. Ich war ihr dann behilflich, ihre Sachen in die neue Wohnung überzuführen, und verabschiedete mich, indem ich sie bat, über mich zu verfügen, wenn sie meiner bedürfen sollte. Sie bat mich, sie am folgenden Tage in das Bureau einer Zeitung zu begleiten, durch welche sie sich als Lehrerin empfehlen wollte.
„Als ich gegen Abend in mein Hotel trat, sah ich auf dem Hausflur Bianka, welche, mit verstörtem Antlitz auf ihrem Gepäck sitzend, mich erwartete. Sie war sehr niedergeschlagen und berichtete, daß, nachdem sie kaum in ihrer Wohnung gewesen, der Vermieter derselben erschienen sei und ein so dreistes und unverschämtes Benehmen gezeigt habe, daß sie unmöglich hätte bleiben können; sie habe sich nun unter meinen Schutz geflüchtet. Im Hotel hatte sie ein Zimmer verlangt, man hatte ihr aber gesagt, daß keines frei sei. Sie bat mich mit so angstvollem Blick, ihr Aufnahme zu verschaffen, daß ich nicht den Mut hatte, es zu verweigern, obgleich mir diese Entwicklung sehr unerwünscht war, und auf mein Verlangen überließ man mir eine enge und dunkle Kammer. Bei Tisch saß sie dann wieder neben mir, und nach dem Essen führte ich sie in mein Zimmer, da das ihrige ein zu trauriger und kalter Aufenthalt war. Wir setzten uns vor das Feuer, und ich redete mit ihr über ihre Lage, ihr nochmals wiederholend, daß sie nur in einer Familie sicher leben könne, und sagte, daß ich versuchen wolle, einen angemessenen Platz für sie zu finden. Sie war sehr mutlos und flehte mich an, sie einstweilen im Hotel zu lassen, da sie sich sonst überall fürchte. Als ich ihr die Unzuträglichkeiten ihres Verbleibens vorstellte, fing sie an heftig zu weinen.
„In den nächsten Tagen besuchte ich mehrere Familien, an die ich empfohlen war, und erzählte meine Verlegenheit, indem ich hoffte, daß man meine Bemühungen für Bianka unterstützen würde. Ich begegnete aber überall dem entschiedensten Mißtrauen; man glaubte nicht, daß ein anständiges Mädchen sich in solcher Lage befinden könne, und sagte, daß man keinem raten könne, sie ins Haus aufzunehmen. Ich sah ein, daß ich besser tun würde, nicht wieder von der Sache zu reden, weil ich mich dadurch selbst einer falschen Beurteilung aussetzte.
„Inzwischen sah ich meinen Schützling täglich während der Mahlzeiten. Sie war stiller und blasser geworden; ich bemerkte wohl, daß sie von Sorge erfüllt war, denn oft blickte sie mich ängstlich und fragend an; ich hatte nicht wieder über ihre Zukunft mit ihr gesprochen, sondern suchte sie vielmehr durch heitere Gespräche zu zerstreuen. Ihr Benehmen war stets untadelhaft; so offenbarte so viel Herzensgüte, weibliche Würde und echte Frömmigkeit, daß meine Achtung für sie mit jedem Tage stieg.
„Da sie mir sagte, daß sie versuchen wolle, Beschäftigung zu finden, so veranlaßte ich eine darauf bezügliche Anzeige in den Zeitungen. Tags darauf hatte sich ein junger Mann bei ihr gemeldet, welcher englischen Unterricht zu nehmen wünschte. Sie fragte mich um Rat und sagte, daß sie kein Bedenken tragen würde, diesen Unterricht zu übernehmen, denn sie sei überzeugt, daß sie sich durch ihr Benehmen bei jedem Achtung verschaffen werde, wenn nur ihr Zimmer für diesen Zweck geeignet sei. Um ihr den Anfang ihres neuen Berufes zu erleichtern, bot ich ihr an, während des Vormittags mein Wohnzimmer für ihre Unterrichtsstunden zu benutzen, was sie mit großer Freude annahm. Es kamen bald noch andere Schüler hinzu, und sie widmete sich mit Eifer ihrer Beschäftigung; es war unverkennbar, daß diese Tätigkeit einen sehr günstigen Einfluß auf ihr Gemüt ausübte: sie wurde heiterer und berichtete mir täglich von den Fortschritten, den sowohl sie als ihre Schüler machten; sie war überglücklich, als ihre tägliche Einnahme so weit reichte, um die nötigsten Ausgaben damit zu bestreiten. Ihr Befinden wurde aber ersichtlich schlechter, sie sah sehr blaß aus und klagte oft über große Müdigkeit. Eines Morgens ließ sie mich bitten, auf ihr Zimmer zu kommen, da sie krank sei. Ich fand sie im Bette liegend und war erschreckt durch den Mangel an Luft und Licht in diesem Zimmer. Sie war sehr bekümmert, daß sie mir Sorge und Mühe mache und wieder meiner Hilfe bedürfe. Ich bat einen Arzt, den ich kennen gelernt hatte, sie zu besuchen; dieser erklärte den Mangel an Luft und Bewegung für den Grund ihres Leidens und verordnete außer stärkenden Mitteln tägliche Spaziergänge. Ich wußte, daß es unmöglich für sie war, allein auszugehen; ihr schöner hoher Wuchs und die Fülle ihres blonden Haares machten ihre Erscheinung zu auffallend, um nicht die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Es blieb mir also nichts übrig, als sie zu begleiten, und ich ging jeden Abend in der Dämmerung mit ihr am Lung’ Arno hin zu den Cascinen, denn ich wünschte nicht, Bekannten zu begegnen, was aber doch nicht ganz zu vermeiden war. Ich fühlte, daß ich, wenn ich gesehen wurde, einer ungünstigen Deutung unterlag, und ich diese Empfindung sowohl als die Beschränkung, die mir durch Bianka auferlegt war, machten mir das Verhältnis zu ihr drückend. In ihrem Wesen war nichts, was hätte Argwohn erregen können, alles in ihr war rein und klar, und doch konnte ich eine gewisse Abneigung nicht unterdrücken, deren Ursache das Dunkel war, in welches ihre Vergangenheit sich hüllte. Mein Betragen gegen sie blieb deshalb kalt, wenn auch sehr rücksichtsvoll, und vielleicht entstand daraus das Vertrauen, welches sie mir erwies. Ihr Benehmen gegen mich war das einer Schwester; sie teilte mir alle ihre kleinen Erlebnisse, ihre Eindrücke und Gedanken mit und plauderte kindlich und unbefangen, wenn wir nebeneinander gingen; in der zartesten und rührendsten Weise äußerte sich ihre Dankbarkeit. Sie war so glücklich auf unseren Spaziergängen! Von Natur heiter und fröhlich, freute sie sich an allem, was uns begegnete: an der schönen Beleuchtung, wenn die Hügel von Florenz im Licht der untergehenden Sonne erglänzten, an jeder Blume und jedem Insekt.
„In jener Zeit brachte eine mir befreundete Familie einige Tage in Florenz zu. Ich erzählte von der ungewöhnlichen Lage, in welche ich mich gegen meine Neigung und trotz aller Vorsicht mehr und mehr verstrickt und dadurch vielfach behindert sah. Da die Neugierde meiner Freunde, das Mädchen kennen zu lernen, erweckt wurde, so bat ich sie, am Abend den Tee bei mir zu nehmen, und ersuchte Bianka, die Wirtin zu machen. Sie tat dies mit so viel Würde, mit so sicherem Anstand und gewinnender Freundlichkeit und zeigte sich in der Unterhaltung so unterrichtet und sinnig und mit feinem Verständnis begabt, daß alle von ihr entzückt waren. Meine Freunde wollten sie, solange sie hier waren, beständig um sich haben, und sie lernte in ihrer Gesellschaft zuerst Florenz und seine Umgebung kennen. Es war rührend, die Freude zu beobachten, welche sie an allem Schönen und Erhabenen empfand, und den Genuß, welchen alles Neue und Lehrreiche ihr gewährte. Unter dem Einfluß eines heiteren geselligen Verkehrs und geistiger Anregung blühte sie ersichtlich auf und wurde täglich schöner und lebhafter. Die Frau meines Freundes, eine kluge und wohlmeinende Frau, sagte mir beim Abschied, sie zweifle nicht, daß ich mir einen solchen Schatz zu bewahren wissen werde, daß ich aber, wenn dies nicht meine Absicht sei, nicht säumen dürfe, mich von ihr zu trennen.
„Ich wurde durch diese Äußerung peinlich berührt, denn es war mir noch nie eingefallen, in diesem Sinne ihrer zu gedenken; ich empfand widerwillig den Zauber ihres Wesens, aber ein Vorurteil, welches ich nicht besiegen konnte, hielt mich ab, demselben nachzugeben. Da ich dennoch einsah, daß die Freundin recht hatte, so beschloß ich, mich sogleich aus Biankas Nähe zu entfernen. Es war im April, und es gelang mir nur, bis zum ersten Mai eine zufällig leer stehende Wohnung zu finden. Als ich ihr, der ich den Grund nicht sagen konnte, meine Absicht kurz mitteilte, mochte ihr das unfreundlich erscheinen; so war sehr erschreckt, mehr, weil sie fürchtete, mich erzürnt zu haben, als wegen der Trennung; sie suchte ihre Bewegung zu unterdrücken und wagte kaum, mit mir zu reden. Ich sagte ihr, daß der Wirt ihr ein Zimmer einräumen wolle, wo sie unterrichten könne, und daß ich zuweilen nachfragen würde, ob sie meiner bedürfe.
„Als ich allein war, fühlte ich trotz der vielen Interessen und Zerstreuungen, welche meine Zeit erfüllten, eine Leere, da die Sorge um Bianka und ihre Gesellschaft mir genommen war. Schon am folgenden Tage, zur Zeit unseres gewöhnlichen Spazierganges, trieb es mich zu ihr, und sie war froh, desselben nicht entbehren zu müssen. Sie war schüchterner und stiller als sonst; als wir schon auf dem Rückwege waren, fragte sie mich, ob ich ihr irgend etwas vorzuwerfen habe, und war glücklich, als ich es verneinte und einen anderen Grund für meine Entfernung vorgab.
„Es verging jetzt selten ein Tag, an welchem ich sie nicht sah. Noch war es mir nicht gelungen, eine andere Wohnung zu finden, und sie wußte von meinen vergeblichen Bemühungen. Nachdem ich sie eines Tages nicht aufgesucht hatte, kam sie am folgenden Morgen zu mir und entschuldigte dies durch eine wichtige Mitteilung, die sie mir zu machen habe; sie habe durch einen Schüler erfahren, daß eine sehr hübsche Wohnung frei sei, und habe sich dort hinführen lassen; dieselbe sei geräumig und gut eingerichtet, dicht an den Cascinen belegen und habe sogar einen Garten. ‘Ach!’ sagte sie, ‘welch ein Glück müßte es sein, dort zu leben!’ Und errötend und mit einiger Verlegenheit machte sie mir den Vorschlag, ich solle diese Wohnung nehmen und ihr einen Teil derselben überlassen, dann wolle sie mit einer Magd die häuslichen Obliegenheiten besorgen und durch ihre Fürsorge mir das Leben bequem und behaglich zu machen trachten.
„Ich dankte ihr für ihren guten Willen, lehnte aber den Vorschlag ab, was sie sehr herabstimmte. Sie kam in den nächsten Tagen wiederholt auf diesen Plan zurück und schien meine Abweisung nicht zu begreifen; auch sagte sie, daß das veränderte Benehmen des Wirtes und ihrer Schüler sie überzeugt habe, daß sie meines Schutzes gar nicht entbehren könne. Inzwischen näherte sich das Ende des Monats, und ich hatte noch keine Wohnung gefunden; teils diese Verlegenheit, teils das verlockende Bild einer sorgsam gepflegten Häuslichkeit unter Biankas Leitung bestimmten mich, trotz meiner besseren Einsicht, mit ihr das Haus anzusehen, welches sie vorgeschlagen hatte. Dasselbe gefiel mir sehr wohl, und als ich einige Tage darauf noch keine Aussicht hatte, ein anderes Unterkommen zu finden, entschloß ich mich, zu dem Plane des Mädchens meine Zustimmung zu geben. Sie war sehr froh und traf sogleich die nötigen Vorbereitungen. Als ich am ersten Mai gegen Abend unsere gemeinschaftliche Wohnung bezog, war Bianka schon dort; sie hatte alles schön geordnet und die Möbel so gestellt, daß der unwohnliche Eindruck möblierter Mietswohnungen verschwunden war; die Zimmer waren mit Blumen geschmückt, die Fenster standen geöffnet und ein ruhiges Behagen lag über alles gebreitet. Unsere Wohnung lag im Erdgeschoß und war durch einen Korridor geteilt; meine Zimmer lagen nach dem Garten hinaus, deren eines als gemeinsames Eßzimmer diente; meine Genossin hatte ihre Zimmer, deren Fenster der Straße zugewandt waren, auf der anderen Seite des Ganges. Das Haus lag sehr ruhig am Ende einer stillen Straße, die durch die Barriere abgeschlossen war, welche die Stadt von den Cascinen trennt.
„Als Bianka hörte, daß ich zufrieden war und ihre Einrichtung lobte, schien sie vollkommen glücklich zu sein; zuletzt führte sie mich in das Eßzimmer, wo der Tisch zierlich hergerichtet war, und wir setzten uns, indem die Dienerin aufwartete. Ich bewunderte aufs neue ihre ruhige Würde und die sichere Art, mit der sie alles anordnete; auch wie sie mit wenig Mitteln alles gut und schicklich herzustellen wußte. Ihr Wesen schien gehoben durch das Gefühl ihrer Verantwortlichkeit und Bedeutung als Hausfrau; als ich sie scherzend darob neckte, sagte sie: ‘Ich bin so froh, etwas für Sie tun zu können.’
„Nach dem Essen gingen wir in den Garten und setzten uns plaudernd auf eine Steinbank unter den Lorbeerbüschen. Als es kühl wurde, gingen wir ins Haus, und auf meine Einladung folgte sie mir in mein Arbeitszimmer, wo sie sich, nachdem sie hatte Licht bringen lassen, mit einer Handarbeit auf das Sofa setzte, während ich am Schreibtisch blieb.
„Allmählich überkam mich eine höchst unbehagliche Stimmung. Das Trugbild einer glücklichen und friedlichen Häuslichkeit, welches ich in so reizender Weise vor Augen sah, quälte mich durch das Bewußtsein, daß es keinen Bestand haben könne und daß es um so besser sein würde, je früher es ende; ich fragte mich, welches das Ende sein werde.
„Als Bianka mich in finsteren Gedanken sah, legte sie ihre Arbeit nieder und sagte: ‘Ich glaube, daß ich Ihnen schuldig bin, alles zu sagen, worüber ich bisher geschwiegen habe. Wollen Sie meine Geschichte hören?’ Da ich sie darum bat, erzählte sie folgendes: „Ihr Vater war Offizier in Indien, und dort verlor sie, als sie sechs Jahre alt war, ihre Mutter; der Vater brachte sie nach Europa und übergab sie einem Kloster in Deutschland zur Erziehung, worauf er nach Indien zurückkehrte. In diesem Kloster verlebte sie zehn glückliche Jahre; unter dem Einfluß der Frömmigkeit und Herzensgüte der Klosterfrauen, von denen sie mit der größten Verehrung sprach, und gleichzeitig eines sehr sorgfältigen Unterrichts wurden ihr Geist und ihr Gemüt ausgebildet. Sie hoffte damals, ihr ganzes Leben im Kloster zuzubringen. Eines Tages aber erschien eine Frau, die sich ihre Tante nannte, teilte ihr mit, daß ihr Vater gestorben sei und sie selbst ganz ohne Mittel zurückgelassen habe, und zwang sie, innerhalb zwei Stunden das Kloster zu verlassen und ihr nach London zu folgen. Im Hause ihres Onkels, welcher Baronet und sehr reich war, hatte sie dann ein Jahr lang eine lieblose und unwürdige Behandlung von seiten der Tante und deren Tochter erlitten; sie wurde wie eine Magd gehalten, und der Onkel, welcher ganz unter der Herrschaft der Tante stand, vermochte nichts zu ihren Gunsten, obschon er es versuchte. Endlich kündigte die Tante ihr an, eine Dame ihrer Bekanntschaft habe sich erboten, sie mit sich nach Rom zu nehmen, und am folgenden Tage kam dieselbe, um sie zu holen. Es war eine Engländerin, welche mit einem römischen Prinzen verheiratet gewesen war und als Witwe auf einer schönen Villa bei Rom lebte. Sie hatte bald so sehr Gefallen an Bianka gefunden, daß sie dieselbe ganz wie ihre Tochter hielt, ihr auch die Leitung des großen Hauswesens überließ und sie zum Mittelpunkt der glänzenden Geselligkeit machte, welche sich um sie versammelte. So vergingen einige heitere und sorglose Jahre, bis der Sohn jener Dame, welcher in England erzogen war, zurückkehrte. Dieser faßte eine heftige Leidenschaft für das junge Mädchen, und sie erwiderte diese durch eine tiefe Neigung, welche ihr ganzes Wesen erfüllte. Sobald die Mutter dies bemerkte, handelte sie rasch und entschlossen: sie setzte sich mit Bianka auf die Eisenbahn, brachte sie nach Florenz in das Haus, in welchem ich sie getroffen, bezahlte dort ihre Pension für drei Monate, ließ ihr außerdem eine Anweisung an den Banquier auf eine kleine Summe, empfahl ihr einen Beichtvater und verbot ihr, je wieder von sich hören zu lassen.
„Bianka hatte leise gesprochen, und ich sah jetzt ihre Augen voll Tränen. In mir aber war, während sie erzählte, eine große Veränderung eingetreten. Indem das Dunkel, welches auf ihrer Vergangenheit lag, sich lichtete und jeder Zweifel schwand, war die Liebe zu diesem Mädchen, die längst in mir geschlummert, plötzlich und mit gewaltiger Kraft in mein Bewußtsein gedrungen; es schien mir unmöglich, mich je wieder von ihr zu trennen. Und gleichzeitig fühlte ich mit ungeheurem Schmerz, daß sie für mich verloren war. Der Ausdruck ihrer tiefen und stillen Liebe war so innig, so wahr und überzeugend gewesen, daß ich erkennen mußte, wie hoffnungslos mein Lieben war. Die Eifersucht einflammte mein Gefühl bis zur höchsten Leidenschaft und machte mich ungerecht gegen Bianka, deren Liebe ich wie ein Verrat gegen mich und wie Undank empfand. Ich war in so großer Aufregung, daß ich, anstatt ihr für ihr Vertrauen zu danken und ihr teilnehmende und tröstende Worte zu sagen, aufsprang und aus dem Zimmer rannte. Es trieb mich ins Freie, und ich lief stundenlang durch die Straßen, bis ich, durch Ermüdung beruhigt, spät ins Haus zurückkam. Ich fand Bianka, die auf mich gewartet hatte, im Eßzimmer. Sie hatte sich in einen Shawl gehüllt, war bleich und fröstelte; sie sprach kein Wort zu mir, sondern reichte mir die Hand zur guten Nacht und sah mich traurig und fragend an. Ich fühlte mich sehr elend, denn ich empfand mein Unrecht und sagte ihr, ich sei unwohl, sie möge Nachsicht mit mir haben. Am nächsten Morgen ging ich frühzeitig aus und ließ Bianka melden, daß ich an dem Tage nicht zurückkehren würde; es war mir unmöglich, sie jetzt zu sehen, ich mußte erst versuchen, über mich selbst und mein Verhältnis zu ihr klar zu werden. Ich brachte den Vormittag in den langen Gängen der Bildergalerie in den Uffizien zu, umherwandelnd und sinnend, was werden solle. Nachmittags fuhr ich auf eine entfernte Villa zu einer befreundeten Familie und blieb dort die Nacht; von hier ging ich am folgenden Morgen in die Stadt zurück. Es war mir klar geworden, daß es unedel sein würde, Biankas Gemüt zu beunruhigen und das Vertrauen, welches sie in mich setzte, zu erschüttern; ich mußte unbefangen und heiter erscheinen und durfte meine Empfindungen nicht verraten. Ich nahm mir vor, mich über ihr Verhältnis zu jener römischen Familie genauer zu unterrichten.
„Nach Hause gekommen, erfuhr ich, daß Bianka krank sei, doch ließ sie mir sagen, daß sie durch die Dienerin gut verpflegt werde und morgen wieder aufzustehen hoffe. Ich war sehr unruhig und konnte den Anblick, da ich sie wiedersehen würde, nicht erwarten. Um ihr eine Freude zu machen, ließ ich ein gutes Klavier in unser Eßzimmer stellen; auch stand ein Bouquet schöner Rosen auf ihrem Platz, als sie am anderen Morgen kam; sie sah, daß ich froh war, sie wiederzusehen, und so kehrte auch ihre Heiterkeit zurück.
„Für mich begann jetzt eine Zeit der Wonne zugleich und der bittersten Qual. Wenn es mir gelang, jeden Gedanken an die Zukunft und an das, was uns trennte, zu entfernen und nur die schöne Gegenwart zu empfinden, dann genoß ich eines so reinen und vollkommenen Glückes, daß ich es gegen keins in der Welt vertauscht hätte: der beständige Verkehr mit ihr, die mir keine Regung ihres Herzens verbarg und jede Sorge und Freude mit mir teilte, ihr Vertrauen, ihre Teilnahme und zarte Aufmerksamkeit für mich und das Gefühl, für sie sorgen zu müssen und ihr notwendig zu sein, gaben meinem Dasein einen erhöhten Wert und zeigten mir von ferne ein Bild irdischer Glückseligkeit, welche nur zu vollkommen war, um je einem Sterblichen zu teil zu werden.
„Obgleich meine Beschäftigungen und geselligen Beziehungen dadurch sehr beeinträchtigt wurden, brachte ich den größten Teil meiner Zeit in ihrer Nähe zu. Nur während des Vormittags, wenn sie unterrichtete, ging ich aus. Da die Tage länger wurden, machten wir unsere Spaziergänge nach dem Essen, denn ich wählte lieber die Stunden der Dämmerung, wenn schon die zahlreichen Wagen und Spaziergänger aus den Cascinen in die Stadt zurückgekehrt waren. Kamen wir dann nach Hause, so pflegte sie mir, ehe das Licht gebracht wurde, einiges, was ich gern hörte, auf dem Klavier zu spielen, und dann setzte sie sich mit ihrer Arbeit zu mir in mein Zimmer, und ich las ihr aus Dantes Göttlicher Komödie vor. Als ich die Geschichte der Francesca von Rimini vortrug, war sie sehr davon ergriffen, und nach den Worten: ‘quel giorno piu non vi leggemmo avanti’ bat sie mich, nicht weiter zu lesen.
„Es wurden in einem Sommertheater in unserer Nähe damals Vorstellungen gegeben, und sie war sehr dankbar und fröhlich, wenn ich sie dorthin begleitete. Kam sie dann an meinem Arm aus dem Gedränge in unsere stille Wohnung zurück, sagte sie: ‘Am schönsten ist’s doch in unserem eigenen Heim.’
„Sonntags, da sie dann frei war, führte ich sie morgens hinaus aufs Land, und wir gingen stundenlang über die Hügel und durch die Felder, nahmen in irgend einer ländlichen Trattorie unser Frühstück und kehrten beladen mit Blumen, welche sie am Wege gepflückt, heim. Sie war stets einfach, aber sehr zierlich gekleidet; wenn sie nun in ihrem hellen Gewande, auf den blonden Locken einen breitrandigen Strohhut, das Gesicht von der Bewegung gerötet und vor Freude strahlend, in jeder Hand einen großen Blumenstrauß haltend, rasch einherschritt, dann sah sie ganz aus wie ein Bild des Frühlings selber, und jeder, der ihr begegnete, blieb stehen und schaute ihr nach.
„In jener Zeit war es, daß sich das stille Verhältnis zum jetzt verstorbenen König anknüpfte, welches den Anlaß zu meiner Erzählung gegeben hat. Viktor Emanuel hatte die Gewohnheit, abends, wenn die Menge sich verlaufen hatte, den Palazzo Pitti zu verlassen und in einem einfachen offenen Wagen nur mit einem Begleiter eine Fahrt durch die Cascinen zu machen. Da wir um die nämliche Zeit von unserem Spaziergange heimkehrten auf dem Wege, welcher am Arno herführt, so traf es sich, daß wir immer fast an demselben Platz dem Könige begegneten und ihn grüßten. Auch ihm mochte die liebliche Erscheinung meiner Begleiterin aufgefallen sein, denn er fing an, stets schon von weitem uns freundlich zu begrüßen und zuzuwinken; das wiederholte sich fast täglich während mehrerer Wochen, und Bianka hatte an dieser stummen Freundschaft eine kindliche Freude.
„Wenn ich mich auch stets bestrebte, meiner Gefährtin gegenüber ein ruhiges und gleichmäßiges Verhalten zu beobachten, so gelang mir dies doch nur teilweise. Sobald ich daran dachte, daß das Glück jener Tage nicht dauern werde, ja nicht dauern dürfe, überfiel mich ein so durchbohrender Schmerz und ein solcher Aufruhr der Empfindungen, daß ich ihr reizbar und launenhaft und oft unfreundlich erscheinen mußte. Ich vermied dann zuweilen tagelang, ihr zu begegnen, und es machte mich noch unbehaglicher, wenn ich bemerkte, daß sie darunter litt und daß sie geweint hatte, weil mein Betragen sie schmerzte und ihr unverständlich war. Sie selbst begegnete mir stets mit derselben ruhigen Freundlichkeit, und hatte ich mich gefaßt, so kehrte auch die gewohnte heitere Stimmung bald zurück. Wenn wir recht froh waren, pflegte sie mich ‘an oncle’ anzureden; sie hatte mir erzählt, daß sie, um ihren Schülern mehr Respekt einzuflößen, häufig von mir als ihrem Onkel rede, und da sie zu bemerken glaubte, daß mich dies ein wenig verdroß, hatte sie, um mich zu necken, mich wiederholt so angeredet, und daraus war eine Gewohnheit geworden.
„Ich hatte inzwischen erfahren, daß eine Schwester jener römischen Dame, bei welcher Bianka gewohnt hatte, in Florenz lebte, und Gelegenheit gefunden, bei derselben Erkundigungen einziehen zu lassen. Auch hatte ich den Banquier, an welchen sie empfohlen war, befragt. Von beiden wurden die Mitteilungen, welche jene mir gemacht hatte, vollkommen bestätigt. Über den jungen Mann, welchen sie so treu liebte, lauteten die Nachrichten sehr ungünstig; es war gewiß, daß er an das Mädchen nicht mehr dachte.
„Eines Tages fragte ich sie, ob sie nie Nachricht von ihrem Geliebten erhalten oder nie versucht habe, ihm zu schreiben. Sie antwortete, daß er unrecht tun würde, gegen den Willen seiner Mutter an sie zu schreiben, und daß ihr Beichtvater auch ihr jede Mitteilung an den jungen Mann untersagt habe.
„Dann fragte ich, ob sie sicher sei, daß jener ihr dieselbe Treue bewahren werde, mit welcher sie sich ihm verbunden fühle. Sie blickte mich erstaunt an und fragte: ‘Können Sie denn daran zweifeln? Wie wäre es möglich, daß er sein Wort brechen sollte?’
„Ich bemerkte darauf, daß ja der Wille der Mutter ihn zwingen könne, sich einer anderen zu binden.
„In diesem Falle,’ sagte sie, ,würde er schuldlos sein, und ich wäre nicht minder verpflichtet, ihm auch dann die Treue zu bewahren, die ich ihm gelobt habe.’
„Und haben Sie irgend Hoffnung, daß die Mutter einst ihre Einwilligung geben wird?’
„Ich hoffe es,’ sagte sie, ‘denn mein Beichtvater hat mir versprochen, sich für mich an den heiligen Vater zu wenden, und auch versichert, daß derselbe mir seine Hilfe nicht versagen werde, wenn ich mich ihm zu Füßen werfe. Er selbst wird mir die geeignete Stunde hierfür bezeichnen.’
„Ich sah, daß alles, was Bianka sagte, sehr ernst gemeint war, und wußte, daß jeder Versuch, ihre Überzeugung zu ändern, vergeblich sein würde. Ich kannte die aufrichtige Frömmigkeit ihres Gemüts und begriff, daß die Liebe in ihr die Stärke und Tiefe eines religiösen Gemüts gewonnen hatte und daß sie eher zu Grunde gehen als von ihr lassen würde. Es war eine schmerzliche Gewißheit, daß ich auf keine Sinnesänderung ihrerseits hoffen durfte.
„Ich wußte, daß sie jeden Morgen in einer benachbarten Kirche die Messe hörte und daß sie oft ihren Beichtvater besuchte. Die Äußerungen desselben, auf welche sie ihre Hoffnungen baute, hatten mir sehr mißfallen, da ich nicht glaubte, daß sie begründet sein konnten. Ich beschloß, um mich dessen zu versichern, mit dem geistlichen Herrn zu reden. Es war ein kleiner lebhafter Mann, welcher beständig Tabak schnupfte und zu jedem Wort, das er sprach, laut lachte. ‘Die Ärmste,’ sagte er, ‘man muß Mitleid mit ihr haben; ich tröste sie, so gut ich kann, verstehen Sie? Sie kommt, um getröstet zu sein; dann sage ich, der heilige Vater werde ihr helfen. Der Arme! der hat wohl anderes zu tun, als an sie zu denken; was wollen Sie, daß ich tun soll?’
„Ich sah, daß er nach dem Grundsatze der Charlatans: ‘mundus vult decipi’, handelte, und ging, wenig erbaut von der Art seiner Seelsorge, hatte aber nicht den Mut, Bianka vor seinen Tröstungen zu warnen.
„Obgleich ich es von einem Tag zum anderen und von Woche zu Woche hinausschob, war ich doch, so sehr ich auch darunter litt, entschlossen, mich von ihr, die ich über alles liebte, zu trennen. Die Überzeugung, daß dies unabweislich geschehen müsse, wurde durch die Andeutungen bestärkt, welche mir von Bekannten, die mich hier und da mit Bianka gesehen hatten, gemacht wurden und welche mir bewiesen, daß wir in Florenz schon zu bekannt waren, um unbemerkt zu bleiben; ich durfte sie nicht länger einer ungerechten Beurteilung aussetzen. Ich nahm mir vor, meinen Aufenthalt in Italien abzubrechen und ihr nur zu sagen, daß zwingende Umstände meine baldige Abreise erforderten. Indem ich noch zögerte, gab ein unbedeutender Vorfall mir Anlaß, mit ihr zu reden.
„Es war um die Mitte des Juni. Ich hatte die Nacht auf dem Lande bei Freunden zugebracht und wurde von denselben am Morgen in ihrem Wagen bis an meine Wohnung begleitet. Während ich, aus dem Wagen gestiegen, noch mit ihnen sprach, trat Bianka an das geöffnete Fenster und schaute unbefangen aus nächster Nähe auf uns. Ihre schöne Erscheinung mußte meinen Begleitern, welche wußten, daß dort meine Wohnung war, aufgefallen, und obgleich sie sich den Anschein gaben, es nicht zu beachten, bemerkte ich doch ihr Erstaunen. Die Frau meines Freundes brach sogleich die Unterhaltung ab und gab das Zeichen zur Abfahrt.
„Ich konnte mich nicht enthalten, Bianka in der schonendsten Weise darauf aufmerksam zu machen, wie leicht sie Mißdeutungen ausgesetzt sein würde, wenn wir nicht mit der äußersten Vorsicht unser Benehmen einrichteten. Sie erschrak heftig und wurde sehr rot; nach einer Pause sagte sie: ‘Sie haben recht; ich habe nie daran gedacht; – wie grausam ist doch die Welt, daß sie mir meinen Frieden hier nicht gönnt! – Also müssen wir uns trennen?’
„Ich erwiderte ihr, daß es mein Wunsch sei, sie nie zu verlassen, daß dies aber nur dann möglich sein würde, wenn sie mein Weib wäre; da ich wisse, daß sie einem anderen Treue bewahre, sei es mir nicht gestattet, ihr einen solchen Vorschlag zu machen, und es sei meine Pflicht, um ihretwillen mich von ihr zu trennen. Ich sagte, daß ich bald genötigt sein würde, nach Deutschland zurückzukehren, und bat sie, ernstlich zu überlegen, ob nicht, so unwahrscheinlich ihr dies auch jetzt erscheinen möge, eine Zeit kommen könne, wenn etwa der Mann, den sie liebe, sich einer anderen verbunden habe, da sie sich entschließen werde, fernerhin mit mir zu leben; wenn auch noch Jahre darüber vergehen würden, so genüge mir doch die Hoffnung. Ich bat sie, mir zu gestatten, einstweilen für ihre Bedürfnisse zu sorgen, und fragte, ob ich ihr in Deutschland ein sicheres Unterkommen verschaffen dürfe.
„Sie blieb eine Weile in Gedanken versunken, dann sagte sie: ‘Sie haben mir sehr wehe getan, ich bitte Sie, nie wieder davon zu sprechen. Sie wissen, warum ich Italien nicht verlassen und daß ich keinem anderen gehören kann.’ Dann reichte sie mir beide Hände und sagte: ‘Glauben Sie nicht, daß ich undankbar bin.’
„Sie schluchzte und konnte nicht weiter reden; rasch eilte sie aus dem Zimmer.
„Später war sie ruhig und gefaßt. Als wir abends am offenen Fenster saßen und auf die Leuchtkäfer schauten, welche wie tausend Funken durch die dunklen Büsche des Gartens schwirrten, sagte Sie: ‘Ich habe mir überlegt, daß, wenn Sie fortgehen, auch ich nicht in Florenz bleiben kann; ich würde es nicht ertragen können, hier allein zu sein. Ich bin entschlossen, nach Mailand zu gehen und dort so wie hier zu arbeiten.’
„Ich wußte von Bianka, daß ihr Onkel in London gestorben war und daß sie von der Tante keinen Beistand zu erwarten hatte. Ich sah für mich keine Möglichkeit, ihr den Weg, den zu gehen sie entschlossen war, zu erleichtern, doch bat ich sie, wenn sich irgend dazu eine Gelegenheit böte, innerhalb einer Familie eine Stellung zu suchen, und sie versprach, daß sie es tun würde.
„Bis zum Ende des Monats blieben wir noch in unserer Wohnung, und diese Tage sind für mich eine Erinnerung des reinsten Glückes. Ich hatte die Absicht, vor meiner Abreise die Bäder von Lucca zu besuchen, und da ich die Trennung um einen Tag zu verzögern und Bianka eine Freude zu machen wünschte, forderte ich sie auf, mich zu begleiten. Sie war sogleich dazu bereit, und nachdem wir ihr Gepäck nach Mailand abgeschickt hatten, fuhren wir eines Nachmittags auf der Eisenbahn bis Pistoja und bestiegen dort ein offenes Wägelchen, welches uns in die Berge hinaufführte. Wir bestrebten uns, heiter zu sein und jeden kleinen Anlaß zu benutzen, um unsere gute Laune zu erhöhen; die Landschaft, die uns umgab, war so schön im Abendlicht, daß wir bald den Kummer, der auf uns lastete, vergaßen und nur das Glück des Augenblicks empfanden. Indem die Straße aufwärts stieg öffnete sich rückwärts ein herrlicher weiter Ausblick bis zu den Kuppeln und Türmen von Florenz, dann führte der Weg durch enge Täler an rauschenden Strömen hin; die roten Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten die schön bewaldeten Abhänge der Berge, jede Biegung des Weges brachte neue und immer schönere Bilder. Allmählich sank die Sonne, und der Mond erschien eben über den Berggipfeln, als wir in San Marcello anlangten. Bianka bestand darauf, noch einen Spaziergang zu machen und eine Höhe zu erklimmen; dann hielten wir, vergnügt wie zwei Kinder, unsere Mahlzeit und begaben uns zur Ruhe; an der Tür meines Zimmers trennten wir uns, sie aber kehrte nochmals zurück, trat nahe vor mich, und ihre Hände auf meine Schultern legend, sagte sie: ‘Ich muß Ihnen doch sagen, mon oncle, wie dankbar ich Ihnen bin,’ worauf sie meinen Mund mit ihren Lippen berührte und aus dem Zimmer eilte.
„Als ich um Sonnenaufgang ins Freie trat, fand ich Bianka schon bereit. Wir bestiegen unser Gefährt und fuhren in schnellem Trab im Tale der Lima abwärts den Bädern von Lucca zu, selbst noch im kühlen Schatten, während die Höhen im Sonnenschein erglänzten. Es war eine köstliche Fahrt; Bianka saß bald stumm im Anschauen versunken, bald jubelte sie laut über das Schöne, was sie umgab; häufig bat sie, anzuhalten, um eine besonders schöne Blume oder blühende Myrtenzweige, die von den Felsen herabhingen, zu pflücken. Es war noch früh am Morgen, als wir zu den Bädern kamen; abwechselnd ruhend und umherwandernd, brachten wir den Tag in der glücklichen Stimmung hin, selbstvergessen der schönen Welt uns freuend; wir wußten, daß es für lange der letzte gute Tag sein würde. Gegen Abend setzten wir unsere Reise fort; nie habe ich Italien so schön gesehen wie an jenem Abend im Tale des Serchio, und viele Jahre blieb mir die Sehnsucht im Herzen. Ich war nicht wieder dort, denn es schien mir, ich dürfe jenes Tal ohne Bianka nicht wieder betreten.
„Unser Gespräch war allmählich verstummt, und als wir auf den Bahnhof in Lucca kamen und den Zug erwarteten, der sie nach Mailand führen sollte, standen wir nebeneinander, ohne Worte zu finden. Als dann der Zug kam und ich sie in den Wagen hob, reichte sie mir die Hand, die ich heftig küßte. ‘Ich werde Ihnen bald schreiben,’ sagte sie schluchzend. Dann habe ich sie nicht mehr gesehen.
„Ich fuhr über Pisa nach Florenz und zwei Tage später nach Deutschland. Zu meiner Freude erfuhr ich bald darauf von Bianka, daß sie Aufnahme in einer Schweizer Familie als Erzieherin der Kinder gefunden habe. Im Laufe der nächsten zwei Jahre schrieb sie mir häufig über Ihre Stellung in diesem Hause, daß ihr allein die Pflege von zehn Kindern obliege und daß sie oft über ihre Kräfte arbeiten müsse, aber zufrieden sei, diese Zufluchtstätte zu besitzen. Dann, im Frühjahr, berichtete sie mir von einer plötzlich eingetretenen günstigen Veränderung ihrer Lage. Ein altes Ehepaar hatte Gefallen an ihr gefunden und sie mit dem Versprechen, für ihre Zukunft sorgen zu wollen, ins Haus aufgenommen; augenblicklich befand sie sich mit den alten Leuten auf deren Villa am Comer See.
„Wenige Monate später bekam ich einen Brief von ihr aus Genua. Sie schrieb, daß sie in jenem Hause, in welchem sie es nur zu gut habe, von Beginn ihres Aufenthaltes an der Feindschaft eines Kreises von Verwandten, der die alten Leute umgab, ausgesetzt gewesen sei; man habe getrachtet, sie in ein Netz von Verdächtigungen und Verleumdungen zu verstricken, und sie habe dem keinen kräftigen Widerstand entgegensetzen können, weil sie es sich zur Pflicht gemacht habe, niemals von ihrer Vergangenheit zu reden. Obgleich nun das Benehmen ihrer Beschützer gegen sie stets unverändert geblieben, so habe sie doch gefühlt, daß dieselben auf die Dauer nicht den Einflüssen und Einflüsterungen ihrer Verwandten widerstehen würden, auch sei es ihr unerträglich gewesen, unter Menschen zu leben, welche irgend einen Zweifel in sie setzten. Da habe sie denn einen schnellen Entschluß gefaßt und das Haus, welches ihr eine Heimat hätte werden sollen, verlassen; in Mailand habe sie nach diesem Erlebnis nicht bleiben mögen, und so sei sie nach Genua gegangen, wo sie jetzt den Kampf mit dem Leben neu beginnen müsse.
„Ich war über diese Wendung ihres Schicksals sehr bestürzt. Es war kurz nach Beginn des französischen Krieges, und ich war durch ernste Pflichten so völlig in Anspruch genommen, daß ich erst nach einigen Tagen Zeit fand, Biankas Brief zu beantworten; inzwischen war dieser aber, in welchem sie ihre Wohnung bezeichnet hatte, verloren, und es gelang nicht, ihn wieder aufzufinden. Ich schrieb nun freilich nach Genua, aber sie wird meinen Brief nicht erhalten haben, vielleicht hat auch ein anderer von ihr mich nicht erreicht, denn ich wechselte in jenen Tagen oft meinen Aufenthalt. Als ruhigere Zeiten kamen, ließ ich durch ein dortiges Geschäftshaus Nachforschungen anstellen, und ein Jahr später bin ich selbst in Genua gewesen, aber alles war vergeblich. Ich habe nie wieder von ihr gehört.“
Lothar schwieg jetzt, und nachdem er aus seiner Brieftasche ein sorgfältig verwahrtes Bildchen genommen hatte, zeigte er es uns: es war ein schöner Kopf mit reichen blonden Locken, bedeutenden Zügen und kindlich frohen Mienen.
Schon während Lothar erzählte, war Filippo unruhig geworden und, nachdem er das Bild gesehen, in großer Erregung im Zimmer auf und ab geschritten. Jetzt nahm er seinen Hut und entfernte sich nach kurzem Abschied.
Am anderen Morgen kam Filippo zu mir, und indem er sagte, daß er uns das traurige Ende von Lothars Erzählung hätte mitteilen können, wenn er nicht den Eindruck, den es auf denselben machen würde, gefürchtet hätte, bat er mich, Lothar davon Kunde zu geben. Ich forderte ihn auf, uns seine Mitteilungen selbst am Abend in Ser Leandros Wohnung zu machen, indem ich versprach, Lothar darauf vorzubereiten, und als wir dort beisammen waren, erzählte er, wie folgt:
„Während des Sommers 1870 hatte ich als junger Arzt eine Anstellung in Genua und pflegte eine Trattorie der Via Balbi, welche einen Garten besaß, zu besuchen; eine Glycine war so gezogen, daß sie den ganzen Garten beschattete, indem sie ein dichtes grünes Dach über ihm bildete, unter welchem an kleinen Tischen die Gäste saßen. Seit einiger Zeit hatte ich ein schönes junges Frauenzimmer mit langem blondem Haar bemerkt, welches um dieselbe Stunde wie ich in einem Winkel des Gartens ihr bescheidenes Mahl verzehrte. Der Aufwärter, den ich befragte, sagte, es sei eine Fremde, welche Unterricht im Englischen erteile. Da dies meinen Absichten entsprach, redete ich sie eines Tages an, indem ich sie in höflicher Weise ersuchte, mich als Schüler anzunehmen. Sie nannte mir ihre Wohnung und forderte mich auf, sie zu besuchen. Ich brauche nicht zu sagen, daß sie es war, von welcher Lothar uns erzählt hat. Ich fand sie in einer dürftigen Umgebung, wie es schien, bei wackeren, aber armen Leuten. Während mehrerer Monate habe ich dann bei ihr Unterricht genommen, und da ich ihr achtungsvoll begegnete, gestattete sie mir, wenn ich sie in jenem Garten traf, mich an ihren Tisch zu setzen. So bildete sich eine Art kameradschaftlichen Verhältnisses zwischen uns, ohne daß eine größere Annäherung stattgefunden hätte. Sie hatte etwas Herbes und Ablehnendes in ihrem Wesen und schien mir von Sorgen gedrückt; nur selten habe ich ihr fröhliches Lachen gehört. Über sich selbst redete sie nie; nur das erfuhr ich, daß sie erst vor kurzer Zeit nach Genua gekommen und daß sie gleich in den ersten Tagen gänzlich ausgeraubt worden war, indem man in ihrer Abwesenheit ihr Zimmer erbrochen und Geld, Kleider und was sie sonst besaß genommen hatte. Sie schien außer mir nur einmal auf kurze Zeit Schüler zu haben, schien auch oft Not zu leiden und war sehr dürftig gekleidet. Ihre Hauswirtin sagte mir gelegentlich: ‘Das arme Fräulein! sie ist eine so brave Person, lieber hungert sie, als daß sie uns nicht die Miete bezahlt.’ Sie hatte mir gleichwohl nie erlaubt, statt ihrer zu bezahlen, wenn wir gemeinschaftlich unsere Mahlzeit einnahmen. Im Herbst traf es sich, daß ich einige Wochen von Genua entfernt war. Als ich zurückkehrte, suchte ich Bianka auf und bemerkte, daß sie sehr blaß und leidend aussah. Da der Tag schön war, forderte ich sie zu einem Spaziergang auf, und sie ging mit mir. Am Hafen ließ ich sie in einen Nachen steigen, und wir fuhren hinüber bis an die Spitze des alten Hafendammes. Der schöne Anblick, dessen man vom Hafen aus genießt, schien sie zu erfreuen: sie saß stumm mit gefalteten Händen und schaute über das Wasser. Als wir am Molo ausstiegen, blieb sie dort lange stehen und blickte sinnend auf die langsam heranrollenden Wogen; dann gingen wir auf dem Damme zur Stadt zurück. Ich lenkte unsere Schritte zu der gewohnten Trattorie; nachdem wir gegessen hatten, bat sie mich, für sie zu zahlen; sie sagte es verlegen und hastig und errötete, indem sie die Bitte aussprach. Dann trennten wir uns.
„Am folgenden Tag wurde ich beauftragt, in amtlicher Eigenschaft eine Leiche zu besichtigen, welche man am Molo aus dem Wasser gezogen hatte. Sie können denken, wie furchtbar ich erschrak, als ich Bianka erkannte.
„Es scheint, daß sie gänzlich mittellos war und schon mehrere Tage der Nahrung entbehrt hatte. Wahrscheinlich ist sie, nachdem wir uns getrennt hatten, zum Hafendamm an den Punkt zurückgekehrt, wo sie am Tage neben mir gestanden hatte.
„Ich sorgte, daß sie in einen einfachen Sarg gelegt wurde und ein eigenes Grab bekam. Mehr zu tun, stand nicht in meiner Macht. Als sie im Sarge lag, kam ich noch einmal zurück und legte frischen Strauß frischer Rosen auf ihre Brust.“