von Hans Otto Becker im Jahr 1952

„Ich gehe viel lieber mit dir, als mit Papi“, so sagte mein Enkel Michael, der in seinen Ferien bei mir zu Besuch weilte. „Du erklärst mir so viel, aber der Papi rennt immer nur so durch die Landschaft.“
Den vierzehnjährigen Jungen hatte ich auf meinen Wanderungen mitgenommen und ich bemühte mich, ihn ohne jede aufdringliche Belehrung, nur durch die praktische Anschauung vom Wert des Wanderns zu überzeugen. Sein Urteil war für mich sehr schmeichelhaft, da es mir zeigte, dass ich mein Ziel erreicht hatte. Mein Enkel versicherte mir, dass er viel gelernt habe und vieles, was er in der Schule „gehabt“ habe, sei ihm auch klarer geworden.


Ich bin nun zwar kein Lehrer, sondern – Jurist, aber ich bin seit fünf Jahrzehnten ein Wanderer und habe auf meinen Wanderungen viel gelernt, für mich, aber auch für die anderen, denen ich meine Erfahrung weitergebe. Man muss freilich die Augen offen halten, wenn man durch die Landschaft wandert, aber dann kann man seine Kenntnisse erweitern und sein Wissen erfreulich mehren. So wurde mein Enkel Michael spielend in die Geographie eingeführt, er lernte das Land, Städte und Dörfer, Berge und Täler, Flüsse, Bäche und Seen kennen, die sich seinem Gedächtnis weit besser einprägen, weil er die Dinge selbst sehen konnte, als beim Lernen aus dem Buch. Die Art der Siedelung, das Haufendorf und das Straßendorf, die des Hausbaues, das alemannische und fränkische Haus lernte er unterscheiden, nicht minder die Stilperioden, er lernte die gotischen Treppengiebel, die Voluten der Renaissancegiebel, die Eigenart der Barock- und der klassizistischen Bauten kennen.

Einzig bekanntes Bild von Amtsgerichtspräsident Hans Otto Becker (28. 12. 1877 – 2. 12. 1957). Hier bei der Hochzeit von Sohn Hans mit Mathilde Krombach 1933

Er wusste wohl eine romanische von einer gotischen Kirche zu unterscheiden und war begeistert von einem Bau aus der Zeit Kaiser Karls des Großen und voll Staunen über die Kastelle des römischen Grenzwalls und einen römischen Steinbruch mit den dort zurückgelassenen Steinmetzarbeiten oder gar über einen uralten keltischen Ringwall, Burgruinen aus dem Mittelalter riefen die Erinnerungen wach an die Zeit des Rittertums und der Kreuzzüge, des Bauernkrieges und des Dreißigjährigen Krieges, sie erzählten von Leid, Not und Tod, aber auch von höfischem Leben und ritterlichem Sang, von Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach. So zogen in bunten Bildern die heimatliche Geschichte und Kulturgeschichte vorüber.
Auch die ältere Schwester der Geschichte, die Sage, ließ ihre Stimme hören. Sie raunte vom Helden Siegfried, seinem Tod unter dem tückischen Speerstoß des grimmigen Hagen am Brunnquell unter der breiten Linde, von Rodenstein und dem wilden Heer, der nächtens auszieht dem römischen Reich zur Ehr, wenn Kriegsgefahr droht, und wieder heimfährt zur Burg Schnellert, wenn der Friede wiederkehrt; vom Ritter Georg, den Drachentöter, von ungeschlachten Riesen und weisen Frauen, die in uralten gewaltigen Felsen verborgen hausen, von Quellen und Brünnchen, zu denen Bresthafte wallfahren, um wieder Gesundheit zu erlangen.

Familienring von Hans Otto Becker

Auch das ganz große Gebiet der Naturwissenschaften erschließt sich dem Wanderer. Beginnend mit der Geologie: der Wanderer möchte wissen, auf welches Gestein er den Nagelschuh setzt. So lernt er die kristallinischen und Eruptiv-Gesteine kennen, an anderen Orten die von Wasser abgelagerten Sandsteine und Kalke. Die Erdgeschichte liegt wie ein aufgeschlagenes Buch – man muss nur das Lesen darin verstehen – vor dem Wanderer, der bei Steinbrüchen und an Felswänden die Wirkung der Pressung und Faltung der Erdoberfläche an der Verschiebung der Schichten beobachtet. Welche Fülle von botanischen Kenntnissen bietet sich dem Wanderer, der in Wald und Feld auf Baum und Strauch, auf Blumen und Blüten achtet, auf die blühende Wiese und das buntgescheckte reifende Getreidefeld, auf die stillen Wasser mit weißen und gelben Teichrosen und leise rauschendem Schilfrohr. Nicht minder gewinnt der Wanderer Berührung mit der Tierwelt; die Schar der gefiederten Sänger, deren Ruf er unterscheiden lernt, fesselt ihn wie die bunte Pracht der Schmetterlinge, die im Sonnenglanz sich wiegen; grüngolden oder blauschwarz eilt ein Käfer über den Wanderweg; Tau beperlt wirkt ein Spinnennetz am Busch zur Seite wie die kunstvolle Stickerei; im Dunkel der Nacht glimmt am Boden der grünliche Schein der Johanniskäfer, und ihre Funken schweben in der lauen Luft.

Hans Becker, Diplom Ingenieur (1905-1976), Sohn von Hans Otto und Vater von Michael (Michel)


Die Vierfüßler fehlen nicht, sich dem Wanderer zu zeigen: das flinke Eichhorn huscht am Baumstamm, über den Waldweg eilt in anmutigen Sätzen das scheue Reh, und wer Glück hat, erblickt gar den Hochgeweihten im Stillen Forst und hört im Herbst den gewaltigen Orgelton seines Brunftschreies durch die Abend- und Nachtstille dröhnen.
Meister Lampe hoppelt in eiligen Sätzen über Feld und -Aecker; den kleinen schwarzen Maulwurf wird man freilich oft nur von unverständigen Menschen totgeschlagen am Wege liegen sehen. Selten nur flitzt einmal ein roter Schatten an unserem Blick vorüber – es war der schlaue Reineke, der uns erspäht hatte, und auch ein Schwarzkittel trottelt einmal misstrauisch sichernd über unseren Pfad.
Manches Gebiet menschlichen Wissens erschließt sich so dem Wanderer: Natur und Kultur zeigen sich ihm in ihrer ganzen überwältigenden Größe. Und wie meinem Enkel Michael möge es vielen und immer wieder vielen jungen Menschen beschieden sein, im Wandern ihren Gesichtskreis zu erweitern, zu schauen und zu lernen und damit die unverlierbaren Schätze des Wissens zu gewinnen.

Chronik Hans Otto Becker

Großvater Hans Otto Becker ist am 28. Dez. 1877 in Darmstadt geboren und am 2. Dezember 1957 in Mannheim gestorben.
Er war der Sohn des Chefredakteurs der Darmstädter Zeitung, Karl Georg Becker und Caroline Becker geb. Müller. Geb. 8. Mai.1879, gestorben 15. September 1941 in Frankfurt.
Er studierte Staatswissenschaften an der Universität Gießen.
1899 wurde er Referendar in Darmstadt und 1902 Assessor am Oberlandesgericht.
Am 25. Dezember 1904 heiratete er Illa Meyer. Am 20. Juni 1905 wurde Sohn Hans in Darmstadt geboren.
1907 wurde er Amtsrat in Fürth, im Odenwald.
1914 wurde er Amtsrichter in Gießen.
1915 wurde er Amtsrichter und Amtsgerichtsrat in Dieburg.
1917 wurde er Richter in Dieburg.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er in Dieburg aus seinem Amt verdrängt.
Er war Mitglied des Odenwaldklubs und des Allgemeinen Schriftstellerverbandes.
Er hatte sich auf Kunstgeschichte und Tourismus spezialisiert.
Auf den gemeinsamen Wanderungen in der Natur kamen sich der Großvater Hans Otto und Michael sehr nahe. Kurz vor seinem Tode vermachte er Michael seinen Siegelring, den Ring der Familie Becker.

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